11.05.2010 · Werner Conze und der Nationalsozialismus
Er zählte zu den einflussreichsten und angesehensten Historikern der alten Bundesrepublik. Erst Ende der neunziger Jahre, als die Debatte über die Geschichtswissenschaft während der Zeit des Nationalsozialismus in Gang kam, versuchten übereifrige Zunftkritiker, den 1910 geborenen und 1986 verstorbenen Werner Conze zum "Vordenker der Vernichtung" abzustempeln. Jan Eike Dunkhase würdigt Conzes Werdegang als "Hochschullehrer und Bürger" sowie dessen wissenschaftliches und publizistisches Wirken, das immer auf den Zusammenhalt der deutschen Nation fixiert gewesen sei. Ein eigenes Kapitel - "Die Leerstelle" - befasst sich mit Conzes Verhältnis zum Holocaust, "das sich auf weiten Strecken als Nicht-Verhältnis offenbart". Er habe sich vor Beginn des Weltkriegs wiederholt über die Juden in Osteuropa ausgelassen und Ausdrücke wie "Entjudung" und "Verjudung" benutzt. Nach dem Untergang des Nationalsozialismus habe er als Mitarbeiter eines großen Dokumentationsprojekts "die Vertreibung der Deutschen mit der Vernichtung der Juden quasi auf eine Stufe" gestellt, also eine "diskursive Verdrängung des Holocaust zugunsten der deutschen Leidensgeschichte" betrieben.
Die schützende Hand über Conze und andere hielt sein Doktorvater Hans Rothfels, der im Jahr 1934 vom Königsberger Lehrstuhl verdrängt worden war und 1951 aus der Emigration zurückkehrte. Dem Gründungsvater der westdeutschen Zeitgeschichtsforschung komme eine Schlüsselrolle zu: "Wie nur wenige andere aus der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft Ausgestoßene hatte er sich im Exil seine tiefe Verbundenheit zu Deutschland und den Deutschen bewahrt und dabei offensichtlich keinerlei jüdisches Bewusstsein entwickelt, aus dem heraus er nun als Sprecher der Opfer des Dritten Reichs innerhalb der westdeutschen Geschichtswissenschaft hätte auftreten können und wollen."
Conze hatte beispielsweise im Alter von 28 Jahren in einem Aufsatz "Wilna und der Nordosten Polens" den "Beginn einer fortschreitenden Entjudung" konstatiert. Damit habe er - so Dunkhase - "lediglich judenfeindliche Gemeinplätze des ihn umgebenden Meinungsklimas" bestätigt, "ohne darüber hinaus weiter reichende Maßnahmen anzumahnen". Er habe "nicht den später einsetzenden physischen Vernichtungsprozess vor Augen" gehabt. Als Reserveoffiziersanwärter wurde Conze im Sommer 1939 eingezogen, war im April 1940 Leutnant in der 291. Infanteriedivision, wurde im Frankreich-Feldzug verwundet, nutzte einen Lazarettaufenthalt für Korrekturen an seiner Habilitationsschrift, nahm 1941 am Ostfeldzug der "Elche" - so die Selbstbezeichnung seiner Division - teil. 1943 erhielt er einen Ruf an die "Reichsuniversität Posen", blieb aber an der Front. Ende August 1944 wurde er als Hauptmann schwer verwundet. Bei Kriegsende geriet er kurz in sowjetische Kriegsgefangenschaft, wurde dann als Invalide entlassen: "Im Juli 1945 erreichte er körperlich zerrüttet und völlig mittellos das heutige Niedersachsen und fand dort seine Familie", die aus Königsberg geflohen war.
Er lehrte in Göttingen und Münster, bekam 1957 einen Lehrstuhl in Heidelberg, wo er 1969/70 auch Rektor war. Während des Rektorats spürten Studenten seiner Vergangenheit nach, verbreiteten sogar Zitate aus einem seiner Texte der Vorkriegszeit sowie aus seiner 1953 publizierten Geschichte der 291. Infanteriedivision. Dort hatte er sich zwar jeglicher nostalgischer Verklärung des Weltkrieges enthalten, nicht aber eines aktuellen Bezugs: "Die alten Soldaten wissen, dass Hitler sie missbraucht hat; sie wissen aber auch, dass sie im Osten gegen einen Gegner gestanden haben, der heute wieder auf der Lauer liegt, um neue Sklaven zu gewinnen. Die Mannestugenden, durch die die Elch-Division zusammenhielt, sind uns darum heute nötiger denn je. Wenn wir dies bedenken, dann ist die Geschichte der 291. Inf.Div. für die alten ,Elche' nicht ein Blatt schmerzlicher Erinnerung voller Bitterkeit, sondern Ansporn zur Bewährung unter neuen Bedingungen, in denen die Lebenden ihrer toten Kameraden sich würdig erweisen müssen."
Solche Funde standen in der weiteren Auseinandersetzung zwischen Conze und den Studenten "nicht mehr im Zentrum", schreibt Dunkhase. Von 1972 bis 1976 war Conze Vorsitzender des Historikerverbandes. Seine Wirkung als akademischer Lehrer und die Bedeutung seiner "strukturgeschichtlichen Denkbewegung" waren immens, obwohl er an die "Volksgeschichte" der Vorkriegszeit anknüpfte, sie "zeitgemäß modernisierte". Die Geschichtswissenschaft habe von dieser Kontinuität profitiert. Allerdings bleibe - so das Resümee der hochinformativen und flüssig geschriebenen Studie - "die moralische Frage nach dem Umgang mit der Barbarei des Nationalsozialismus bestehen". Um jenes Thema habe Conze in seinen Werken stets einen weiten Bogen gemacht.
RAINER BLASIUS
Jan Eike Dunkhase: Werner Conze. Ein deutscher Historiker im 20. Jahrhundert. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2010. 378 S., 39,90 [Euro].