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Eine Seefahrt ist nicht lustig . . .

21.08.2009 ·  Lebensbilder sowjetischer Admirale aus der Stalin-Zeit

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Von 1935 bis 1939 erschütterte Stalins große "Säuberung" die Rote Armee in ihren Grundfesten. Der größte Teil der Generalität wurde hingerichtet oder ohne Prozess liquidiert. Wie der stalinistische Terror auch die Rote Flotte erfasste, schildert Horst Steigleder, früher Dozent für Seekriegsgeschichte an der Militärakademie der NVA in Dresden, anhand von 34 Lebensbildern führender Admirale. Dabei konnte er sich auf Beiträge von russischen Autoren stützen. Die Zuordnung dieser Manuskripte zu den jeweiligen Flaggoffizieren fehlt allerdings, und es bleibt offen, ob Steigleder diese Beiträge als Übersetzung übernommen oder lediglich als Material für seinen Text genutzt hat.

Die Lebensbilder werden in vier Kategorien eingeordnet: Aufstieg und Ende der alten Garde, denunziert und verurteilt, kurze Bekanntschaft mit dem NKWD und Befehlshaber an den Fronten des Zweiten Weltkrieges. Die Biographien der ersten beiden Gruppen zeichnen ein erschütterndes Bild von einem brutalen Machtsystem, das fähige Offiziere aus fadenscheinigen Gründen beseitigte. So wurden zehn jüngere Flaggoffiziere (Durchschnittsalter 45 Jahre) exekutiert oder gingen in Straflagern zugrunde. Weitere vier wurden denunziert und dann zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Eines der ersten Opfer war Wladimir M. Orlow (1895-1938), seit 1931 Oberbefehlshaber der Sowjetflotte, der im Frühjahr 1930 als Befehlshaber der Schwarzmeerflotte auf Einladung der deutschen Marineleitung mit einigen Offizieren Werften in Kiel und Wilhelmshaven besucht hatte, was leider in der Biographie nicht erwähnt wird. Orlow war 1936 tief enttäuscht über die brutale Missachtung kommunistischer Ideale, "für die er sein Leben lang eingetreten war". Nach seiner Verhaftung im Juli 1937 wurde er ein Jahr später nach einem "Schuldeingeständnis" zum Tode verurteilt und kurz darauf erschossen.

Steigleder weist darauf hin, dass derartige "Geständnisse" unter Anwendung von drastischen Methoden zustande kamen und dass es nach den damals gültigen Regeln des Strafrechts der Sowjetunion nicht notwendig gewesen sei, dem Verdächtigen die Schuld nachzuweisen. Zur Verurteilung habe ein Geständnis ausgereicht. Diese Regeln galten noch Jahrzehnte später, wie der Autor 1956 während seines Studiums an der Militärpolitischen Akademie in Moskau erfuhr. Der vierte und umfangreichste Abschnitt enthält 16 Biographien von Admiralen, die sich bis 1939 als jüngere Offiziere bewährt hatten und im Zweiten Weltkrieg zu Flaggoffizieren aufgestiegen waren. Es bleibt allerdings unklar, warum diese Gruppe in dem Band so stark vertreten ist, denn diese Offiziere blieben von Stalins Terrorsystem weitgehend verschont. Zu ihnen rechnet Steigleder den langjährigen Oberbefehlshaber der Sowjetflotte Sergej G. Gorschkow (1910-1988), der bereits 1941 Konteradmiral und 1956 Oberbefehlshaber wurde. Diese Kurzbiographie hat im Ansatz schon hagiographische Züge. So ist es vielleicht zu erklären, dass sich der Verlag veranlasst sah, in einem Nachwort auf den "traurigen Umstand" aufmerksam zu machen, dass Gorschkows weitverbreitetes Werk "Seemacht Sowjetunion" (1978) keine "zehn Zeilen über das blutige, nicht durch Krieg bedingte politische Opfer der Marineoffiziere" enthalte.

Noch in der Nachkriegszeit gab es Repressionen gegen einzelne Admirale, so gegen Lew M. Galler (1883-1950), Wladimir A. Alafusow (1901-1966) und Nikolaj G. Kusnezow (1904-1974), die 1947 vom einem "Ehrengericht" verurteilt wurden, weil sie im Kriege - wie von Stalin gegenüber seinen Verbündeten zugesagt - den Westalliierten Dokumente über die eigene Marinerüstung übergeben hatten, was ihnen jetzt als Verrat militärischer Geheimnisse ausgelegt wurde. Galler verstarb in der Haft, Alafusow und Kusnezow wurden nach Stalins Tod rehabilitiert.

Die zahlreichen Abbildungen des Bandes sind von unterschiedlicher Qualität. Auf etlichen Bildern im Briefmarkenformat ist keine Person zu identifizieren. Ein Personenregister fehlt. Doch bei allen Schwächen bietet das Buch wertvolle Informationen über das Führungspersonal der sowjetischen Marine im Spannungsfeld zwischen fachlicher Kompetenz und Gehorsam gegenüber einem ideologisch geprägten Regime.

WERNER RAHN

Horst Steigleder: Stalins Terror und die Rote Flotte. Schicksale sowjetischer Admirale 1936-1953. Ingo Koch Verlag, Rostock 2009. 256 S., 29,95 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.08.2009, Nr. 193 / Seite 9
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