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Ein Kosmos wird besichtigt

28.06.2010 ·  Die Gegenwärtigkeit der polnischen Bevölkerungsgruppe

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Immer wieder fällt das Wort "Unsichtbarkeit" in diesem aktuellen Kompendium über die polnische Bevölkerungsgruppe in Deutschland. Als sei Unsichtbarkeit das gemeinsame Merkmal jener rund zwei Millionen Menschen in Deutschland, die durch Herkunft und Sprache mit Polen verbunden sind. Meistens ist der Begriff nicht so neutral gemeint, wie er klingt. Bei Basil Kerski schwingt darin der Vorwurf der Oberflächlichkeit gegen die deutsche Mehrheitsgesellschaft mit, die Unauffälligkeit schon für einen Beleg gelungener Integration halte. Andere Autoren kritisieren eher, dass sich die eingewanderten Polen zu lange versteckt und unter Wert verkauft hätten.

In diese Mauer aus Ignoranz und Mimikry schlägt das Jahrbuch 2010 des Deutschen Polen-Instituts, das dem Thema Migration gewidmet ist, eine breite Bresche. Denn nicht Unsichtbarkeit, sondern Heterogenität ist das wahre Charakteristikum der polnischen Gemeinden in Deutschland. Aufgefaltet wird zunächst die historische Dimension der Einwanderungswellen aus Polen, von der "Binnenwanderung" aus den polnischen Gebieten Preußens ins Ruhrgebiet über die Spätaussiedler aus den ehemals deutschen Ostgebieten, die ebenfalls polnische Kultur mitbrachten, bis zu den politisch und wirtschaftlich motivierten Flüchtlings- und Wanderungsbewegungen der jüngsten dreißig Jahre. Auffallend ist, dass sich jede Kohorte tendenziell eher gegen die nachfolgenden abgrenzte als gegen die aufnehmende Gesellschaft.

Dann lernen wir die ganze Vielfalt polnischer Anwesenheit jenseits der Spargelstecher und Altenpflegerinnen in Deutschland kennen: die Boheme des Berliner Biotops, die Häuslebauer in Mecklenburg-Vorpommern, die polnischen Unternehmer, die nach Deutschland expandieren und hier plötzlich als Arbeitgeber auftreten. Eine Leerstelle bleibt allerdings der lediglich am Rande erwähnte "Konvent der Polen in Deutschland". Da sich dieser Dachverband polnischer Vereine in Deutschland in jüngster Zeit bei den Regierungen beider Länder für die Anerkennung des Minderheitenstatus starkgemacht hat, hätte man gern etwas mehr über ihn erfahren. Dafür hebt Rainer Mende die polnischsprachige Literatur auf deutschem Boden aus ihrem Schattendasein heraus. Sie kann nur deshalb nicht mehr Exilliteratur genannt werden, weil die Autoren keine Verbannten sind, sondern (aus verschiedenen Gründen) Hiergebliebene. Sie haben ihre eigenen Zeitschriften, ihre Verlage und ihre Debatten, in denen es um polnische, deutsche, europäische Identitäten geht. Die Kostproben, die davon im literarischen Teil des Jahrbuchs verabreicht werden, sollten auch hiesige Verlage auf die Spur dieser "unsichtbaren" Talente bringen.

Seine Spannung bezieht dieses Lesebuch aus den ständigen Wechseln der Perspektive. In Reportagen, Analysen und Kurzgeschichten reflektieren polnische und deutsche Autoren ihre Sicht auf das jeweils andere Land, die Situation des Auswanderns und die Motive junger Polen, "zu gehen oder zu bleiben". Dieser Band öffnet den Blick auf einen ganzen Kosmos deutsch-polnischer Gegenwart, der nur deshalb unterbelichtet ist, weil die zweitgrößte Sprachgruppe in Deutschland (nach den Türken) sich nicht mehr über die Abgrenzung gegenüber "den Deutschen" definiert, sondern über höchst individuelle Mischungen aus beiden Kulturen.

STEFAN DIETRICH

Deutsches Polen-Institut (Herausgeber): Jahrbuch Polen 2010. Migration. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2010. 223 S., 11,80 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.06.2010, Nr. 146 / Seite 6
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