17.02.2010 · Die Autobiographie eines Gründers der Taliban
Wer sind die Taliban? Was motiviert sie, trotz erheblicher Verluste ihren Kampf fortzusetzen? Können einzelne Aufstandsführer durch Geld oder politische Teilhabe zur Aufgabe bewegt werden? Und wenn ja: Wie würde ein Afghanistan aussehen, in dem ehemalige Taliban mitregierten?
Mehr als acht Jahre nach dem Einmarsch internationaler Truppen in Afghanistan ist noch immer wenig über die "Koranschüler" bekannt. Einen seltenen Einblick in die Gedankenwelt und die Entstehungsgeschichte der Islamisten bietet nun die Autobiographie von Abdul Salam Zaeef, die unter dem Titel "Mein Leben mit den Taliban" in englischer Übersetzung erschienen ist.
Zaeef gehörte 1994 zu den Gründern der Bewegung, die zwei Jahre später in Kabul an die Macht gelangte. Als enger Vertrauter des Taliban-Führers Mullah Omar stieg er zum stellvertretenden Verteidigungsminister auf. Als späterer Botschafter in Pakistan verhandelte Zaeef vor und nach den Anschlägen vom 11. September 2001 mit amerikanischen Diplomaten über eine Auslieferung des Al-Qaida-Führers Usama Bin Ladin. Nach dem Sturz des Regimes verbrachte er vier Jahre im amerikanischen Militärgefängnis Guantánamo. Seit 2005 lebt er zurückgezogen in Kabul.
"Die größte Schwäche amerikanischer Strategen ist wohl ihr absolut mangelhaftes Verständnis ihres Gegners", schreibt Zaeef. Es verwundert kaum, dass der Autor die Hoffnung, die Aufständischen könnten mit Geld korrumpiert werden, zurückweist. "Sie kämpfen den heiligen Dschihad nach den Prinzipien des Gehorsams, des Zuhörens und des Dialogs." So weit sein Selbstbild. Doch sein Buch bietet zahlreiche Hinweise darauf, dass Anspruch und Wirklichkeit bei den Taliban schon damals weit auseinander lagen. So beschwert sich Zaeef, dass viele Vertreter seines Ministeriums vor allem damit befasst waren, die eigenen Taschen zu füllen. Zudem berichtet der Autor, dass der in Taliban-Fragen bestens informierte pakistanische Geheimdienst ISI ihm schon 2001 nahelegte, eine Gruppierung moderater Taliban zu bilden und sich von den Hardlinern abzuspalten.
Zaeef wurde 1968 als Sohn eines Mullahs im ländlichen Kandahar geboren. Wie viele Afghanen seiner Generation wuchs er in einem pakistanischen Flüchtlingslager auf, weil Sowjettruppen sein Land besetzt hatten. Mit 15 Jahren schloss er sich dem Widerstand an. Die Kämpfe beschreibt er als eine Zeit der Entbehrungen, aber auch der Kameradschaft. Diese Verklärung des Kämpferdaseins ist unter ehemaligen Mudschahedin weit verbreitet und dürfte mit dazu beitragen, dass die Schwelle, sich den heutigen Taliban anzuschließen, für viele nicht allzu hoch ist.
Anfangs, so Zaeef, waren die Taliban fast mittellos. Sie besaßen zwei Motorräder. Eines, das schnell den Geist aufgab, und eines, das den Beinamen "Panzer des Islam" trug. Durch Spenden von Geschäftsleuten sei die Bewegung rasch gewachsen, schreibt der Autor. Der Afghanistan-Experte Ahmad Rashid führt das dagegen auf die massive Unterstützung des pakistanischen Geheimdienstes ISI zurück, über dessen Rolle Zaeef nur Andeutungen macht. Auffällig schweigsam ist der Autor auch in Bezug auf die Unterdrückung ethnischer Minderheiten und der Frauen, die ohne männliche Begleitung nicht das Haus verlassen, nicht arbeiten oder zur Schule gehen durften.
Zaeef beschreibt sich als einen unpolitischen Mann, der seine Erfüllung im Studium und der Lehre des Islams findet und die verschiedenen Posten in der Taliban-Hierarchie nur mit Widerwillen und auf Druck Mullah Omars hin angenommen habe. Wer in der Regierung arbeite, sei von Korruption und Ungerechtigkeit umgeben und den "Gefahren und Versuchungen der Macht" ausgesetzt. Wie ein funktionierender islamischer Staat aussehen könnte und ob es ihn überhaupt geben kann, sagt er nicht.
Als Botschafter in Pakistan erlebt Zaeef die Begegnungen mit den meisten westlichen Amtskollegen als höflich. Ausnahme: der deutsche Botschafter. Er sei voller Vorurteile gewesen und habe immer nur über die Rolle der Frauen sprechen wollen. Zaeef seinerseits erklärte seinem japanischen Amtskollegen, der Buddhismus sei "eine inhaltsleere Religion ohne Grundlage", der Islam dagegen sei die "wahre Religion". Japan hatte vergeblich versucht, die Sprengung der bedeutenden Buddha-Statuen in Bamiyan zu verhindern.
Doch ein "deutlich größerer Verlust" für Afghanistan sei der Tod des krebskranken stellvertretenden Taliban-Führers Mohammad Rabbani gewesen, für den Zaeef noch 2001 medizinische Hilfe von den Vereinigten Staaten erbat. Es ist nicht das einzige Mal, dass der Leser überrascht darüber ist, wie falsch die Taliban die diplomatische Lage einschätzten. Mullah Omar habe noch kurz vor dem Sturz erklärt, die Gefahr eines amerikanischen Militärschlags liege bei unter zehn Prozent, weil die Regierung in Washington keine Beweise für die Beteiligung Usama Bin Ladins an den Anschlägen vom 11. September vorgelegt habe, schreibt Zaeef. Der Titel des Kapitels: "Die Usama-Angelegenheit".
Die Autobiographie zeichnet das Bild eines Mannes, dessen Überzeugungen von 30 Jahren Krieg, Flucht und Staatsverfall und von vier Jahren Haft in Guantánamo geprägt sind. Nach westlichem Verständnis ist er radikalreligiös und ausgesprochen unliberal, wenngleich er als "gemäßigter Talib" gilt. Wenn es nach ihm ginge, wären wohl nicht 25 Prozent der afghanischen Parlamentarier Frauen, die Meinungsfreiheit wäre nicht in der afghanischen Verfassung verankert und die Vereinigten Staaten wären nicht der wichtigste Verbündete Afghanistans. Aber ist er auch eine Gefahr für den Westen? "Ich war ein Talib, ich bin ein Talib, und ich werde immer ein Talib sein", erklärte Zaeef 2005 bei seiner Entlassung aus dem Militärgefängnis. "Aber ich war nie Teil von Al Qaida."
FRIEDERIKE BÖGE
My Life with the Taliban, Abdul Salam Zaeef, edited by Alex Strick van Linschoten und Felix Kuehn, Hurst & Company Publishers, London 2010, 331 Seiten, 22,79 [Euro].