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Die Mauer Sprengstoff, Schussfeld, Bombengeschäft

02.08.2011 ·  Aus der Flut der Neuerscheinungen zur Geschichte der Todesgrenze ragt der von Klaus-Dietmar Henke betreute Sammelband mit 29 meist sehr lesenswerten Beiträgen heraus.

Von Rainer Blasius
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Von der Berlin-Krise über den Mauerbau und die Maueropfer bis zum Mauerfall und zum heutigen Gedenken an die Leidtragenden des SED-Regimes: Aus der Flut der Neuerscheinungen zur Geschichte der Todesgrenze ragt der von Klaus-Dietmar Henke betreute Sammelband mit 29 meist sehr lesenswerten und lehrreichen Beiträgen heraus. Eigens berücksichtigt sind auch die Ahndung der Gewalttaten an der innerdeutschen Grenze, die Mauer als Thema in Literatur, Spielfilm, Malerei und Grafik, der Handel mit Mauer-Relikten sowie die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße.

Michael Kubina stellt in dem Aufsatz „Die SED und ihre Mauer“ eine interne Besprechung Erich Honeckers mit General Fritz Streletz im Mai 1974 heraus. Dreizehn Jahre nach dem Mauerbau und ein Jahr nach Inkrafttreten des Grundlagenvertrags zwischen Bonn und Ost-Berlin bekannte sich der SED-Chef zum „einwandfreien Schussfeld“ an den DDR-Grenzen: Bei Durchbruchsversuchen müsse „von der Schusswaffe rücksichtslos Gebrauch gemacht werden“. Genossen, die „erfolgreich“ die Schusswaffe „angewandt“ haben, seien zu belobigen. Laut Kubina war die Mauer für das Regime „ein Bombengeschäft: Insgesamt ist von etwa 91 Milliarden DM auszugehen, die bis 1989 aus privater und öffentlicher Hand infolge der deutschen Teilung und Mauer aus der Bundesrepublik in den anderen deutschen Staat flossen, der größte Teil seit den siebziger Jahren. Darunter waren 45 Milliarden an privaten Geschenken, aber auch beispielsweise 4,5 Milliarden in Form des Zwangsumtausches für westdeutsche DDR-Besucher und 7,8 Milliarden als Transitpauschale, die direkt dem ostdeutschen Staat zugutekamen.“ Außerdem kaufte die Bundesrepublik dem „Arbeiter- und Bauernstaat“ von 1963 an Jahr für Jahr Hunderte von politischen Häftlingen ab, in der Mehrzahl gescheiterte „Republikflüchtlinge“, insgesamt über 30 000. So habe es jenen „organisierten Menschenhandel“ tatsächlich gegeben, den die SED-Propaganda über Jahrzehnte dem Westen vorwarf, unter aktiver Beteiligung des Ostens; 3,5 Milliarden DM brachte Bonn dafür auf.

Die offizielle Sprachregelung „antifaschistischer Schutzwall“ für Mauer und Todesstreifen analysiert Elena Demke. Die „heile Welt des Sozialismus“ war angeblich zu schützen „vor Aggression, die von Anschlägen bis zu Kriegsplänen reichen, vor der Unmoral des Westens, die die harmonische Ordnung der Geschlechter, der Generationen und des sozialen Rollengefüges bedrohen“. Zum Kampf gegen die „faschistische Außenwelt“ gehörten die von Propaganda-Chef Albert Norden geführten „Braunbuch“-Kampagnen gegen Persönlichkeiten der Bundesrepublik, „deren Vorläufer bis 1956 zurückreichen und die ihren Höhepunkt in den Jahren nach dem Mauerbau hatten“.

Der Mauer als politischer Metapher widmet sich Marion Detjen. Nach dem Bau von 1961 hätten im „kurzen Augenblick der größten Hilflosigkeit der Politik“ die SPD-Senatoren Heinrich Albertz und Kurt Neugebauer ebenso wie Senatssprecher Egon Bahr „die Fluchthelfer mit ihren Passfälschungen und ihrem illegalen Waffenbesitz“ unterstützt. Man sei wohl bereit gewesen, „in allerletzter Konsequenz Gewalt mit Gewalt zu beantworten: Am 26. Mai 1962 verübten zwei Polizisten und die Fluchthelfer, die den engsten Kontakt zu Egon Bahr hatten, einen Sprengstoffanschlag auf die Mauer und überschritten damit bewusst die Grenzen des friedlichen Widerstands, wenn auch sorgfältig ausgeschlossen wurde, dass Menschen dabei zu schaden kamen.“ Der Anschlag sei so koordiniert gewesen, dass er zu einer „flammenden Rede“ des Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt auf dem SPD-Parteitag in Köln gepasst habe. Erst 2007 wurde dies nach dem Tod von Bahrs Kontaktmann Bodo Köhler, „selbst SPD-Mitglied und später als Redenschreiber in der Senatskanzlei aktiv an der Formulierung der Neuen Ostpolitik beteiligt“, durch dessen Witwe bekannt.

Die Pro-Freiheitsbewegung-Rhetorik von 1961/62 passte nicht mehr zum ersten Passierscheinabkommen von Ende 1963, weil die Mauer etwas durchlässiger wurde: „Nun musste im Gegenteil ihre Bedeutung heruntergespielt werden, um die Verhandlungen mit dem Gegner und das auf Langfristigkeit angelegte Erfolgskonzept der Neuen Ostpolitik nicht zu gefährden.“ Dabei „wurde die Mauer von dem Unglück und Leid, das sie produzierte, abstrahiert und gesäubert: Sie galt nicht mehr als Symbol der Unterdrückung, für die man Verantwortliche hätte benennen können, sondern als Symbol der Teilung in einem ,Kalten Krieg', der alle irgendwie gleichermaßen zu Schuldigen machte.“ Die Auswüchse dieser „Amnesie" zeigten sich in der Forderung, die DDR-Staatsbürgerschaft anzuerkennen, was auf eine „Zwangsmassenausbürgerung von 17 Millionen Menschen hinausgelaufen wäre“. Die Freiheits-Metapher hatte 1989 Hochkonjunktur. Seither beobachtet Frau Detjen einen Gegentrend: Viele Deutsche aus Ost und West ohne Migrationshintergrund, „die sich als Verlierer der Einheit fühlen, bringen heute der Schutzwall-Metapher mehr Sympathie entgegen als der Freiheits-Metapher.“

Herausgeber Klaus-Dietmar Henke schreibt in seiner luziden Einleitung, dass die SED am 13. August 1961 mit der Abriegelung der Westsektoren Berlins „die Notbremse auf dem Weg ihres Staates in den Untergang gezogen“ habe. Berlin habe mit der Zementierung des Status quo „als Krisenherd seine Bedeutung für die Weltpolitik“ verloren. Die „Existenz der Halbstadt“ sei die Geburtsstunde der neuen Ostpolitik gewesen - der Politik der kleinen Schritte auch durch die Passierscheinabkommen. Diese „begründeten trotz gegensätzlicher politischer Grundauffassungen das Schema, das die Beziehungen der Bundesrepublik und der DDR seit den siebziger Jahren bestimmte, nämlich die Gewährung humanitärer Erleichterungen gegen die Gewährung von Anerkennungsgewinnen“. Für Henke hatten der Bau und der Fall der Mauer „eine gemeinsame Wurzel: die Entschlossenheit allzu vieler Bürger, eher das Land zu verlassen, als sich mit den Verhältnissen abzufinden“. Und überhaupt habe die Mauer die DDR-Gesellschaft nur äußerlich stabilisieren können: „Im Innern erzeugte sie jene pathologische Stabilisierung, welche die Parteiherrschaft garantierte, aber Leben einengte und Freiheit erstickte.“ Die Mauer sei „nach ihrem Fall fast ganz verschwunden“, aber als „eine der großen politischen Ikonen der Menschheit“ sei sie gegenwärtiger denn je.

Klaus-Dietmar Henke (Hrsg.): Die Mauer. Errichtung, Überwindung, Erinnerung. Deutscher Taschenbuchverlag, München 2011. 607 Seiten, 24,90 Euro.

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Jahrgang 1952, Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

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