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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Die Leiden des jungen B.

 ·  Tiefpunkt in den Abrechnungen mit der Politik Washingtons

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Hans-Jürgen Heinrichs: Die gekränkte Supermacht. Amerika auf der Couch. Verlag Artemis & Winkler, Düsseldorf/Zürich 2003. 160 Seiten, 16,- [Euro].

Es ist schon wahr - in letzter Zeit liefern die Vereinigten Staaten ihren Kritikern eine Steilvorlage nach der anderen. Die Außenpolitik im Vorfeld und Verlauf des dritten Golf-Krieges hat auch manchen überzeugten Transatlantiker ins Grübeln gebracht. Je geringer die Aussicht, daß Massenvernichtungswaffen gefunden oder Verbindungen zum Terrornetzwerk Al Qaida nachgewiesen werden, und je offenkundiger die amerikanische Besatzungsmacht im Irak bei der Wiederherstellung der Ordnung und der Etablierung demokratischer Strukturen versagt, um so lauter schwillt der Chor alter und neuer Kritiker an. Immer mehr von ihnen melden sich in Buchform zu Wort, und wenn das so weitergeht, wird man mit ihren Produkten bald eine veritable Bibliothek füllen können. Unter den Autoren sind inzwischen Vertreter zahlreicher Nationen und Professionen vertreten - deutsche Politikwissenschaftler, französische Historiker, amerikanische Dramatiker oder auch österreichische Parlamentarier. Nach Ernst-Otto Czempiel, Emmanuel Todd, Norman Mailer oder Peter Pilz meldet sich jetzt Hans-Jürgen Heinrichs zu Wort, "Kulturtheoretiker" von Beruf.

Was hierzulande mit den Arbeiten Czempiels als gewichtige Auseinandersetzung mit der amerikanischen Politik und Kriegführung begann, kommt zunehmend in Form einer generellen Abrechnung daher, mit der selbsternannte Experten ihrem seit Jahrzehnten angestauten Unmut über die Vereinigten Staaten Luft verschaffen. Den vorläufigen Tiefpunkt bildet der psychoanalytisch gewirkte Versuch von Hans-Jürgen Heinrichs. Man muß das stilistisch holprige Stück fast bis zum Ende gelesen und zahllose Bezüge auf die intellektuellen Quellen von Eugen Drewermann bis Max Weber passiert haben, um in Erfahrung zu bringen, wer dieser Mensch ist, "der sich in seiner Souveränität, seinem Größenselbst-Gefühl oder gar in seinem Autonomie-Wahn und seinem Machtphantasma beeinträchtigt fühlt. Da es dafür beständig äußere Anlässe gibt, kommt der konstitutionell Gekränkte nie aus der Wahrnehmungs- und Aktionsspirale heraus: er reagiert aggressiv, hybride und Legenden bildend." So einer ist auch der amerikanische Präsident. Was George Bush "auf Saddam Hussein projizierte . . . , entlastete ihn in seiner Selbstwahrnehmung. Er erschien in dem Maße integrer, gütiger und mutiger, als er seinen Gegenspieler als Inkarnation des Bösen, Mordlustigen und Machthungrigen darzustellen vermochte." Warum aber ist dieser Präsident derart gekränkt, in seinem "Größenselbst-Gefühl" und "Machtphantasma" so nachhaltig beeinträchtigt, daß er Kriege in Serie führen muß? Weil der dominante Vater ihm keine Wahl läßt. Entweder fühlt sich der jüngere Bush verpflichtet, das "unvollendete Werk des Vaters zu vollenden", oder aber, und dieser Interpretation neigt Heinrichs zu, der zugleich kämpferische und joviale Auftritt des Juniors ist die "Rebellion eines tief Gekränkten gegen den mächtigen und brillanten Vater . . . , der ihm stets in allen Belangen (ob intellektuell oder sportlich) überlegen war".

Bleibt zu klären, warum die amerikanische Nation, jedenfalls zeitweilig, hinter ihrem Präsidenten stand oder, anders gefragt, in welchen Eigenschaften Bushs sie sich wiedererkennt. Das ist die Antwort: "Wer sein Leben (wie Bush) Jesus Christus verschrieben hat und alles dafür tut, damit die eigene Lebensgeschichte der Rettung und Erlösung (von Alkohol, Angst und Minderwertigkeit) allen Menschen zugute kommt, ist gleichsam die Personifizierung des gerechten, ja heiligen Krieges. Es ist der Garant dafür, daß das Tabu, Menschen zu töten, im Krieg aufgehoben werden darf."

Natürlich haben solche Erklärungsmuster etwas Verlockendes: Mit ausreichender Ignoranz ausgestattet, kann man sie irgendwie immer anwenden. Einmal auf sie "eingestellt", versichert der Autor seinem Leser, "nimmt man überall - im internationalen, nationalen und provinziellen Maßstab - Mechanismen und Reaktionsformen wahr, die die scheinrationalen und als pragmatisch oder ökonomisch legitimierten Handlungen als Folgen mehr oder weniger tiefer seelischer Verletzungen offenbaren".

Das ist die eine Seite, und die hat, wie alle anderen auch, eine Kehrseite, in diesem Falle ein fatale. Denn solche Erklärungen für den Hausgebrauch erschweren die dringend notwendige, schonungslose, sachliche Auseinandersetzung mit der äußerst fragwürdigen amerikanischen Weltpolitik seit der ausgehenden Clinton-Ära. Dabei steht die grundlegende Analyse der jüngsten Entwicklungen noch aus, und die muß mit Antworten auf die Fragen nach der künftigen Gestaltung namentlich des europäisch-amerikanischen Verhältnisses oder auch nach der Zukunft des Krieges einhergehen. Wie immer sie ausfallen, sie sind viel zu ernst und folgenreich, als daß man sie Amateuren überlassen dürfte.

GREGOR SCHÖLLGEN

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.07.2003, Nr. 153 / Seite 7
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