Torsten Quidde: Friedensnobelpreisträger Ludwig Quidde. Ein Leben für Frieden und Freiheit. Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2003. 212 Seiten, 35,- [Euro].
Von den vier deutschen Trägern des Friedensnobelpreises ist zweifellos Ludwig Quidde der am wenigsten bekannte. Man erinnert sich an Außenminister Gustav Stresemann (1926), an Bundeskanzler Willy Brandt (1972) und an Carl von Ossietzky (1936), den Märtyrer des nationalsozialistischen Regimes. Doch wer war Ludwig Quidde, dem ein Jahr nach Stresemann, der Friedensnobelpreis zugesprochen wurde? Der 1858 geborene Bremer Kaufmannssohn plante nach dem Studium eine akademische Laufbahn als Historiker mit Schwerpunkt spätmittelalterliche Geschichte. Doch die Karriereaussichten endeten abrupt im Jahr 1894, als Quidde eine bissige Satire auf Wilhelm II. erscheinen ließ: "Caligula. Eine Studie über römischen Cäsarenwahnsinn". Dicht mit Fußnoten römischer Autoren belegt und ohne Wilhelm II. mit auch nur einem Wort zu erwähnen, zeichnete Quidde ein Porträt des römischen Kaisers Caligula, in dem jeder sofort den deutschen Kaiser wiedererkannte. Die in Hunderttausenden von Exemplaren verbreitete Schrift war das erfolgreichste Pamphlet im kaiserlichen Deutschland - und doch wegen der geschickten Camouflage für den Staatsanwalt nicht zu fassen. Wohl aber verfiel der Autor beruflicher und gesellschaftlicher Ächtung.
Da Quidde ein stattliches Vermögen geerbt hatte, war er auf Broterwerb nicht angewiesen und entschied sich nun, wenn nicht freiwillig, so doch konsequent für den Weg in die Politik. Er wurde in der linksliberalen süddeutschen Volkspartei aktiv (1907 bis 1919 Abgeordneter des bayerischen Landtags), und er betätigte sich im Rahmen der 1892 gegründeten Deutschen Friedensgesellschaft. Seit 1901 fungierte er als deutscher Vertreter im Internationalen Friedensbüro in Bern und übernahm die Leitung der deutschen Gruppe auf den jährlich stattfindenden Weltfriedenskongressen. Der von ihm organisierte Weltfriedenskongreß 1907 in München wurde zu einem beachtlichen Erfolg. Im Frühjahr 1914 wurde Quidde zum Vorsitzenden der Deutschen Friedensgesellschaft gewählt, und dieses Amt übte er anderthalb Jahrzehnte lang mit Geschick und der Fähigkeit zum Ausgleich zwischen divergenten Auffassungen aus. Nach dem Kriegsende 1918 drängte sich innerhalb der Friedensgesellschaft eine heftig agitierende radikale revolutionäre Gruppierung immer stärker nach vorn und zog gegen die "Honoratioren" zu Felde. Als Quidde 1927 den Friedensnobelpreis erhielt, näherten sich die Konflikte bereits dem Siedepunkt. 1929 legte er den Vorsitz nieder und schied zwei Jahre später ganz aus der Gesellschaft aus. Trotz dieses Rückzugs war Quidde nach dem 30. Januar 1933 an Leib und Leben gefährdet. Anfang März 1933 begab er sich ins Exil nach Genf, wo er - in ärmlichen Verhältnissen lebend - publizistisch tätig blieb und Hilfsaktionen für exilierte Pazifisten organisierte.
Dem am 6. März 1941 verstorbenen und fast in Vergessenheit geratenen großen Friedenskämpfer widmet Torsten Quidde ein Lebensbild. Man erfährt übrigens nicht, ob er ein entfernter Verwandter des Friedensnobelpreisträgers ist (männliche Nachkommen hatte Quidde nicht). Der gefällig geschriebene Text ist kein Produkt tiefgründiger Forschung, die andere vor ihm geleistet haben. Aber der Autor kann seine Darlegungen durch bisher unbekannte Äußerungen Quiddes in Briefen an seine Frau anreichern, die ihm vor 1933 nicht nach Berlin und nach 1933 nicht ins Genfer Exil gefolgt ist. Das mit Empathie gezeichnete Porträt Ludwig Quiddes ist geeignet, einen Lebensweg in Erinnerung zu rufen, der Respekt verdient.
EBERHARD KOLB