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Sonntag, 19. Februar 2012
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Der Jasager als Versager

26.07.2010 ·  Generaloberst Kurt Student und die Fallschirmtruppe der Wehrmacht

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Die Geschichte der deutschen Luftlandetruppen im Zweiten Weltkrieg gilt als gut erforscht. Insbesondere die spektakulären Kommandoeinsätze, wie der im belgischen Sperrfort Eben Emael während des Westfeldzuges und das Unternehmen "Merkur" - die Einnahme von Kreta im Mai 1941 - fanden das Interesse der Militärhistoriker. Abgesehen von einer populärwissenschaftlichen Arbeit aus der Feder des Briten Farrar-Hockley, blieb dagegen die operative und strategische Rolle des Kommandeurs der Fallschirm- und Luftlandetruppen der Wehrmacht, des Generalobersten Kurt Student, weitgehend im Dunkeln. Der ehemalige Amtschef des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes der Bundeswehr, Brigadegeneral a. D. Günter Roth, will diese Forschungslücke schließen.

Herausgekommen ist ein Buch, das viele Wünsche offen lässt, obschon es in acht Kapiteln die militärische Laufbahn Students von der Ausbildung als Pilot im Kaiserreich bis hin zu den wichtigsten Kommandounternehmen der Fallschirmtruppe auf den diversen Kriegsschauplätzen nachzeichnet. Es entspricht aber weder dem Typus einer kritischen Biographie noch einer militärgeschichtlichen Monographie. Für eine über den engen militärischen Aufgabenbereich und die Dienstränge hinausführende Darstellung des Protagonisten reicht die Materialgrundlage Roths - die höchst subjektiven Memoiren Students und die vom Autor geführten zahlreichen Zeitzeugeninterviews - nicht aus. Deshalb gewinnt die Person Students weder Farbe noch Kontur; deshalb muss Roth in seinem Bestreben, die prägenden Bildungserlebnisse seines Protagonisten zu erfassen, immer wieder zu Analogieschlüssen und Vermutungen greifen, so dass der Exkurs gewissermaßen zum Kompositionsprinzip erhoben wird. Und deshalb gestaltet sich die Lektüre schwierig, wobei der dröge Stil der Darstellung ein Übriges tut, um den Leser zu ermüden.

Auch die Analyse der unter der planerischen Ägide und dem Kommando Students ablaufenden Einsätze der Fallschirmtruppe erschöpft sich in disparaten, immer wieder von Abschweifungen unterbrochenen Betrachtungen, so dass Roths Fazit über das Wirken Students in dem zwar zutreffenden, aber nicht durchweg analytisch fundierten Urteil gipfelt: Student war kein "strategisch und operativ denkender Kopf", er blieb in den Kategorien eines überkommenen strategischen Denkens verhaftet, das die Gesetze des modernen, konzertierten Bewegungskrieges negierte, so dass er sich nie in der Lage zeigte, weder taktisch-planerisch noch auf dem Gefechtsfeld für ein funktionierendes Zusammenspiel zwischen Fallschirmjägern und Panzerwaffe zu sorgen.

Der immer wieder spürbare moralisierend-belehrende Ton der Studie wird begleitet von Fehlern und krausen Urteilen und Bewertungen. Dass Roth die sogenannte Hoßbach-Konferenz vom 5. November 1937 falsch datiert, mag noch hingehen. Aber dass er Frankreich wie England in der Zwischenkriegszeit einen durchgehenden Vernichtungswillen gegenüber dem Deutschen Reich unterstellt (ein "Ceterum censeo Carthaginem esse delendam") und dies in eine direkte Falllinie mit den Erfolgen Hitlers rückt, hat mit der historischen Wirklichkeit nichts gemein. Gewiss: die sperrige Abwehrhaltung der Pariser Regierungen, Deutschland die in Genf zugesagte militärische Gleichberechtigung auch zu gewähren oder seinerseits, wie in Versailles unterschrieben, abzurüsten, lieferte Hitler und der Wehrmachtführung den Freibrief zur eigenen, hemmungslosen Aufrüstung. Aber von einem Vernichtungskalkül bleibt dies weit entfernt, ebenso wie die bis in den Sommer 1939 bestehende Verständigungsbereitschaft der Briten, mit dem "Dritten Reich" zu einem territorialen Ausgleich zu kommen, um Hitlers Kriegskalkül zu bremsen.

So bleibt als Verdienst des Buches, dass die Fehler Students klar markiert werden; dass dieser, wie Roth überzeugend darlegt, es im gesamten Russlandfeldzug nicht fertigbrachte, die Einsätze seiner Fallschirmtruppe mit den Panzervorstößen zu koordinieren, oder es im Sommer 1942 versäumte, sein Luftlandekorps für die Inbesitznahme der kaukasischen Ölfelder ins Spiel zu bringen; dass sein einziger spektakulärer Erfolg, das Selbstmordunternehmen in Kreta, nicht nur mit ungeheurem Blutzoll erkauft wurde, sondern vor allem den haarsträubenden Fehlern der dortigen britischen und neuseeländischen Kommandeure zu verdanken war; und dass Student bis zum bitteren Ende bereit war, ohne jede Einsicht in die Aussichtslosigkeit des Krieges, ohne Verantwortungsbewusstsein und moralisches Ethos, die ihm unterstellten Soldaten auf dem Altar der Ideologie des "Endsieges" zu opfern.

RAINER F. SCHMIDT

Günter Roth: Die deutsche Fallschirmtruppe 1936-1945. Der Oberbefehlshaber Generaloberst Kurt Student. Strategischer, operativer Kopf oder Kriegshandwerker und das soldatische Ethos. Verlag E.S. Mittler & Sohn, Hamburg 2010. 288 S., 29,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.07.2010, Nr. 170 / Seite 8
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