15.08.2003 · Fundamentalkritik an den Vereinigten Staaten: Produkte eines klischeehaften Feinddenkens
Geiko Müller-Fahrenholz: In göttlicher Mission. Politik im Namen des Herrn - Warum George W. Bush die Welt erlösen will. Mit einem Vorwort von Eugen Drewermann. Knaur Taschenbuch Verlag, München 2003. 187 Seiten, 7,90 [Euro].
Eric Laurent: Die neue Welt des George W. Bush. Die Machtergreifung der Ultrakonservativen im Weißen Haus. Aus dem Französischen von Karin Balzer, Karola Bartsch, Ulrike Bischoff und Udo Rennert. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2003. 224 Seiten, 16,90 [Euro].
Mathias Bröckers/Andreas Hauß: Fakten, Fälschungen und die unterdrückten Beweise des 11. 9. Verlag Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2003. 325 Seiten und 1 Video-CD, 14,90 [Euro].
Retourkutschen gelten zwar als wenig originelles geistiges Fortbewegungsmittel. Dennoch werden sie eifrig frequentiert. Seinerzeit entstand in Washington der Begriff des "Schurkenstaats", um Staaten zu kennzeichnen, die ihre Bevölkerung besonders übel unterdrücken und sich durch die programmatische Nichtanerkennung der geschriebenen und ungeschriebenen Regeln internationaler Beziehungen hervortun. Wer diesen Begriff erfunden hat, wird das heute vielleicht bereuen. Denn nachdem zuerst der Guru halbgarer Amerika-Verachtung Noam Chomsky die Vereinigten Staaten als den eigentlichen Schurkenstaat des Planeten bezeichnet hatte, setzte geradezu ein Wettkampf um die günstigsten Plätze in dieser Retourkutsche ein.
Selbstzweifel und Selbstverachtung, wütende, völlig verquere und jedenfalls kognitiv unergiebige Kritik an amerikanischer Gesellschaft und Politik sind Nebenprodukte bei der Ausbildung und Entwicklung der kollektiven Identität in einer großen Einwanderernation. Um das zu verstehen, bietet sich heute immer noch Alexis de Tocquevilles unübertroffenes Amerika-Buch an. Wenn ähnliche Ätz-Kritik aus dem "alten Europa" kommt, sieht die Sachlage anders aus. Entweder sind die empirischen Einzelheiten und vor allem ihr Deutungskonzept überwiegend oder zumindest genügend stimmig, um über amerikanische Fehlentwicklungen aufzuklären. Oder diese Kritik drückt eine paranoide Amerika-Feindschaft aus. Dann muß man sich fragen, wie es zu diesen europäischen Mißperzeptionen gekommen ist. Nicht partielle, auch harsche Kritik an einzelnen kulturellen und politischen Segmenten der amerikanischen Gesellschaft ist hier gemeint, sondern Fundamentalkritik, die sich ein Amerika konstruiert, das im Kern verdorben ist. Solche Art lustvoll-entsetzter Stigmatisierung darf man wohl als Antiamerikanismus bezeichnen.
Im generellen Diskurs über die Differenzen zwischen Individuen, Gesellschaften und Zivilisationen werden wir heute vom Kindergartenalter an darauf gedrillt, kulturelle Andersartigkeiten gelten zu lassen, bei normativen Widersprüchen allenfalls mit größter Behutsamkeit auf den eigenen Werten und Normen zu bestehen und Bereitschaft zu zeigen, von anderen Kulturen zu lernen. Solche Fähigkeit zur Empathie ist, weil der Globalisierung angemessen, zu begrüßen und zu fördern. Bedauerlich ist nur, wenn man solche Empathie selektiv benutzt. Wenn und weil es um Amerika und Amerikaner geht, pfeifen die Autoren der hier vorzustellenden Bücher und vermutlich ein größer werdenden Teil ihrer sich überschneidenden Lesergemeinden nämlich auf Empathie und halten sie für Mumpitz.
Geiko Müller-Fahrenholz, Theologe mit längerem Aufenthalt in Amerika, bemüht sich immerhin, seine früheren Erfahrungen von dort nicht ganz zu vergessen. Mit seinem Buch "In göttlicher Mission" wendet er sich gegen die politischen Ziele der religiösen Rechten in Amerika, gegen den Messianismus in der Politik und ganz besonders gegen die Art und Weise, wie Präsident Bush seine eigene Religiosität öffentlich macht und politisch einsetzt. Das sind in der Tat alles recht fremdartige Phänomene für einen hiesigen Mitte-links-Christen. Aber mit dem Gespenst des Faschismus, das der Autor evoziert, hat das nichts zu tun. Etliche Wiederholungen im Text lassen ahnen, daß er mit apokalyptisch heißer Nadel gestrickt wurde. Wegen der Themenkonjunktur? Jedenfalls gehen eine Reihe nachdenklicher Bemerkungen im Gebrodel der Anschuldigungen unter. Und wenn Müller-Fahrenholz am Schluß eifert: "Denn Amerika ist eine Last geworden, welche die Erde auf Dauer nicht ertragen kann", dann hat er nicht nur Grenzen des Geschmacks überschritten. Das Vorwort von Eugen Drewermann ist ein echter Knaller und kulminiert in dem Diktum, die Moral- und Rechtsvorstellungen der Vereinigten Staaten seien in einer Weise obsolet und atavistisch, als hätten sie die Entwicklung der Humanwissenschaften in den letzten 200 Jahren einfach ignoriert. Ein Holzhammer ist im Vergleich zu solchen Sätzen ein Streichelinstrument.
Eric Laurent hat schon einen Bestseller über die Familie Bush publiziert. Da bietet sich ein Sequel an. Der französische Originaltitel heißt, wörtlich übersetzt: "Die geheime Welt von Bush". Daraus wurde im Deutschen "Die neue Welt des George W. Bush". Was ist daran geheim oder neu? Laurent zeichnet das Bild einer Machtclique, die ihre "sektiererisch fanatischen, fortschrittsfeindlichen Vorstellungen" um jeden Preis durchsetzen will. Seit 1971 träumten die Ultrakonservativen in Amerika davon, mittels Krieg das Land zu regenerieren. Ganz konsistent argumentiert Laurent allerdings nicht, denn je nach Kontext ist es entweder eine kleine, überaus geschickt operierende Clique von Ultras (was immer damit gemeint ist), die die Öffentlichkeit manipulieren, oder es sind Populisten, die in ihren Grundauffassungen mit der Mehrheit der Amerikaner übereinstimmen, oder es sind Leute, die vielleicht gar nicht eine amerikanische Politik im Sinne haben, sondern Amerika zum Schwanz machen wollen, mit dem Likud in Israel nach Belieben wedelt. Alles bleibt in der Schwebe. Ansonsten ist das Buch so gearbeitet, wie man das macht, wenn man einer Regierung, einem Verband oder einem Clan an den Kragen will - mit einem patchwork von Gerüchten, Zitaten, Anekdoten wird ein Beziehungsnetzwerk konstruiert, in das alle möglichen Akteure wie Stiftungen, Industrielle, konvertierte Kommunisten, Filmschauspieler und Ausländer eingeknüpft sind. Das Ergebnis sieht mächtig und furchterregend aus, der Erkenntnisgewinn liegt bei Null.
Auch "Fakten, Fälschungen und die unterdrückten Beweise des 11. 9." von Mathias Bröckers und Andreas Hauß ist ein Sequel. Bröckers verspielte Verschwörungs-Aufdecker-Melodie, mit der er bereits einmal reüssiert hat, wird hier neu arrangiert. Geschrieben im aufmüpfigen Ton, verbindet dieses Buch Fragen nach dem "wahren" Ablauf der Attentate vom 11. September mit absurden Theorien über ihre "wahre" Vorgeschichte. Dabei erscheint die Administration in Washington abwechselnd wie ein Haufen Trottel oder wie eine Dämonenclique. Alle Details stammen aus dem Internet der Muggle Nutter, um Ron Weasley zu zitieren. Und weil man dem Buch nicht das komplette Internet als Attachment beifügen kann, haben Verlag und Autoren den Käufern zumindest eine Video-CD mit einem Film von Daniel Hopsicker spendiert.
Diese Texte klären nicht auf. Sie sind das Produkt eines klischeekonturierten Feinddenkens und eines pathologischen Abgrenzungsbedürfnisses. Die aktuelle Welle von Anti-Americana muß beunruhigen. Es wird damit eine Kluft zwischen den Demokratien beiderseits des Atlantiks vertieft, die zu überbrücken eine Voraussetzung für die weltweite Verbreitung von Menschenrechten, Wohlstand und Frieden ist.
WILFRIED VON BREDOW