15.02.2010 · Vor und nach 1945
Es ist das Verdienst von Notaten wie den hier versammelten, dass sie einen Eindruck davon vermitteln, was das in der Realität von Durchschnittsdeutschen eigentlich hieß: Leben im Nationalsozialismus, im Krieg, dann unter der Besatzung. Sechs ganz normale Menschen, keine Prominenten, sondern Allerweltsbürger legen - teils zeitgenössisch, teils im Abstand von Jahrzehnten - Zeugnis ab, wie sie damit zurechtkamen, sich im zerbombten Land Nahrung, Kleidung, Brennstoff zu organisieren, Angehörige zu suchen oder die Gewalt der Eroberer zu ertragen. Gewiss verfügen wir dazu seit langem über zahlreiche vergleichbare Egodokumente. Dennoch ist zu begrüßen, dass weitere Stimmen zugänglich gemacht werden, auch wenn in der vorliegenden Publikation die Kriterien für die Auswahl der Aufzeichnungen gerade dieser drei Frauen und drei Männer nicht genügend deutlich werden. Der Umstand, dass es um den Raum Potsdam in den zwei Jahrzehnten zwischen Hitlers Machtübernahme und Stalins Tod geht, bleibt als Begründung unbefriedigend. Andererseits ist die zufällig wirkende Zusammenstellung nicht ohne Reiz, denn sie zeigt Formen von Schicksalsbewältigung, die über die sechs Einzelbiographien hinaus typische, repräsentative Züge aufweisen und ein erfahrungsgeschichtliches Gesamtbild ergeben, wie Menschen den dramatischen Bruch mit dem Vertrauten verarbeitet und gedeutet haben.
Einige - wie die handfeste junge Marianne Vogt - konzentrierten sich auf den tagtäglichen Überlebenskampf und gaben sich fast schnoddrig, andere - wie die ältere Ellen Gräfin Poninski - begegneten der erschreckenden Gegenwart mit dem Appell an bewährte Tugenden, Haltung und Selbstdisziplin. Aus dem Tagebuch des Meinecke-Schülers Hans Thimme spricht eine verzweifelte Suche voller Widersprüche nach den Gründen der deutschen Katastrophe. Sieht er einerseits in Hitler bis zuletzt das "Genie", ist er andererseits früh von der Kollektivschuld der Deutschen überzeugt: "So kommt das Blut mit Recht über uns", lautet eine der letzten Eintragungen, kurz vor seinem Tod im Januar 1945. Sein Sohn, der Herausgeber, hat jeden Text mit einer Einführung und erklärenden Fußnoten versehen, wobei allerdings die quellenkritische Analyse der "Authentizität" der Tagebücher zu kurz kommt. Das mindert die Faszination der Dokumente jedoch nicht.
CHRISTIANE LIERMANN
Roland Thimme (Herausgeber): Schwarzmondnacht. Authentische Tagebücher berichten (1933-1953). Verlag Hentrich & Hentrich, Berlin 2009. 359 S., 26,80 [Euro].