31.05.2010 · Aus dem Agentenalltag
Der eine war Agent der amerikanischen Militäraufklärung im Zielgebiet DDR, der andere war Agent der Stasi-Aufklärung im "Operationsgebiet", also in der Bonner Republik. Beide handelten aus politischen Motiven und Abenteuerlust. Beide hatten sich aus eigenem Antrieb zur Spionage verpflichten lassen. Selbstbewerber. Und beide wurden verurteilt. Hannes Sieberer, ein Österreicher, im Oktober 1982 in der DDR festgenommen, erhielt 1983 vom Militärobergericht (Ost-)Berlin 15 Jahre Freiheitsstrafe wegen Spionage im schweren Fall zudiktiert, von denen er fast zwei Jahre in der MfS-kontrollierten Sonderhaftanstalt Bautzen II verbüßte. Für ihn eine schwer bewältigte Zeit. Im Juni 1985 wurde er auf der Glienicker Brücke zusammen mit zwei Dutzend anderen Westagenten gegen vier Ostagenten in US-Haft ausgetauscht. Der Nachrichtenredakteur Peter Wolter (IM "Pirol") wurde 1991 enttarnt und 1995 vom Oberlandesgericht Düsseldorf wegen geheimdienstlicher Agententätigkeit zu zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung verurteilt. "Siegerjustiz"?
Nicole Glocke, eine in Berlin lebende Historikerin mit dem Themenschwerpunkt Spionage im Kalten Krieg, erzählt beider Lebensgeschichten handwerklich gut recherchiert, aber in unkritischer Blauäugigkeit der Selbstdarstellung ihrer Protagonisten folgend, mit denen sie ausführliche Gespräche hatte. Viel Neues kann sie nicht bieten, denn Sieberer legte schon 2006 seinen Erlebnisbericht "Verheizt und vergessen" vor, mit dem Ex-Stasi-Offizier Herbert Kierstein als Koautor. Und Wolters Geschichte kennt man aus dem stasi-kontaminierten Sammelband "Kundschafter im Westen" aus dem Jahre 2003. Manches Detail, das Frau Glocke aus dem Agentenalltag ausbreitet, ist interessant - der Dilettantismus amerikanischer Geheimdienstler zumal. Allerdings beeinträchtigt sie die Glaubwürdigkeit der Darstellung durch ihr empathisches Verständnis für die "Kundschafter an der unsichtbaren Front", wie Markus Wolf einst sagte und wie Wolter selbstverklärend heute noch sagt. "Ich habe dazu beigetragen, dass Europa ein halbes Jahrhundert Frieden hatte." Mielkes Schmutzarbeit verdrängt er wohlweislich. Neu und psychologisch aufschlussreich ist das Gespräch, das Peter Jochen Winters mit Sieberer und Wolter geführt hat; es liegt dem Buch als Audio-CD bei.
KARL WILHELM FRICKE
Nicole Glocke: Im Auftrag von US-Militäraufklärung und DDR-Geheimdienst. Die Lebensgeschichten zweier gegnerischer Agenten im Kalten Krieg. Verlag Dr. Köster, Berlin 2010. 272 S., 19,80 [Euro].