13.08.2009 · Handbuch für 136 Opfer an der Berliner Mauer: Erschossene, Ertrunkene, Verunglückte
Die "Ausgrenzung, Inhaftierung, Verletzung oder Tötung von Menschen, die ihr Land verlassen wollten, waren Teil eines Systems, das ohne Mauer nicht existieren konnte und mit ihrem Fall unterging". So lautet das Resümee des Handbuchs, das 136 Todesopfern an der Berliner Mauer gewidmet ist. Das Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und die Stiftung Berliner Mauer untersuchten 575 Fälle. Den Projektleitern Hans-Hermann Hertle und Maria Nooke ging es darum, jene Erschossenen, Ertrunkenen, Verunglückten und, nach misslungenem Fluchtversuch, durch eigene Hand ums Leben Gekommenen näher zu erfassen, bei denen "eine ursächliche und räumliche Verbindung des Todesfalles mit einer Fluchtaktion oder einem Handeln der Grenzorgane im Grenzgebiet nachweisbar" war. Das Ergebnis ist beeindruckend und berührend zugleich durch die Nüchternheit der Darstellung. Die 136 Einzelartikel mit Fotos verzichten auf Mutmaßungen sowie auf die Artikulation von Abscheu und Empörung. Stattdessen geben sie den Mauertoten von Berlin ihre Gesichter und Lebensgeschichten zurück, was erst ein würdiges Gedenken ermöglicht.
Das zweite und das vorletzte Opfer sind durch viele Publikationen bekannt: Günter Litfin wurde am 24. August 1961, Chris Gueffroy am 5. Februar 1989 von DDR-Grenzposten erschossen. Vor Litfin verunglückte schon Ida Siekmann am 22. August 1961 tödlich bei dem Versuch, aus ihrer Wohnung im dritten Stock in der Bernauer Straße 48 in die Freiheit im Westteil der Stadt zu springen. Und nach Gueffroy stürzte noch Winfried Freudenberg am 8. März 1989 mit einem Ballon beim Flug über die Sektorengrenze in den Tod.
Berichtet wird über Udo Düllick, der - obwohl ein guter Schwimmer - unter Beschuss, aber ohne getroffen zu werden, 1961 vor Erschöpfung in der Spree ertrank. Und über den West-Berliner Geschäftsmann Hermann Döbler, der 1965 im offenen Sportboot auf dem Teltowkanal beim unbeabsichtigten "Überfahren der Staatsgrenze" gleich viermal getroffen wurde, während seine Begleiterin einen Kopfstreifschuss überlebte. Den Grenzer verurteilte das Landgericht Berlin 1993 wegen Mordes in Tateinheit mit versuchtem Mord zu einer Freiheitstrafe von sechs Jahren, "eine der höchsten Strafen, die je gegenüber einem Mauerschützen ausgesprochen wird", so Christine Brecht.
Erschreckend waren die Unfälle: der sechsjährige Andreas Senk, der 1966 vom Westteil der Stadt aus in die dort zum Ostteil gehörende Spree fiel und ertrank, ebenso wie der achtjährige Cengaver Katranci 1972 und der fünfjährige Siegfried Kroboth 1973. Siegfrieds Eltern traf damit der zweite schwere Schicksalsschlag, weil auf den Tag genau fünf Jahre zuvor ihre damals 21 Jahre alte Tochter ermordet und in die Spree geworfen worden war.
Eine geradezu filmreife und absurde Geschichte rekonstruierten Martin Ahrends und Udo Baron: Der in Frankfurt am Main lebende Siegfried Krug flog am 5. Juli 1968 nach West-Berlin, fuhr am nächsten Tag mit der S-Bahn in den Ostteil. Eine Stunde nach seiner Ankunft stieg er einige hundert Meter vom Brandenburger Tor entfernt aus einem Taxi und ging mit einer weißen Aktentasche in der Hand, die mehr als tausend D-Mark enthielt, schnurstracks auf das Tor zu - unter einem Schlagbaum hindurch, der samt Warnschild die "Grenzverletzer" zurückhalten sollte. Was ihn bewog, ist bis heute ungeklärt. Auf Zurufe und Warnungen der Grenzposten reagierte er nicht. "Ihr schießt ja doch nicht", soll er entgegnet haben. Dann gab ein Grenzer Warnschüsse ab - und Krug machte kehrt: "direkt auf den Posten zu, der zuletzt in die Luft geschossen hat. Der ruft ihm zu, er solle stehen bleiben und sich festnehmen lassen . . . Krug reagiert nicht, läuft weiter auf den Posten zu. Er ist unbewaffnet, die Grenzer sind nicht nur zahlenmäßig überlegen. Dennoch: Mit einer solchen Situation ist der Posten noch nicht konfrontiert und vermutlich auch nicht darauf vorbereitet worden. Er fasst den Handgriff seiner Kalaschnikow und richtet sie - einhändig - auf Krug." Drei Geschosse trafen Krug, der eine Stunde später starb. Der Vorfall war auf beiden Seiten des Brandenburger Tores beobachtet worden. Doch niemand wusste, dass es sich bei dem Getöteten um einen Bundesbürger handelte, "außer der Staatssicherheit. Eine ideale Situation, den Toten einäschern und verschwinden zu lassen." Krug galt bis 1991 als verschollen.
Die meisten der 136 erfassten Maueropfer waren jene 98 DDR-Flüchtende; 30 Personen wurden ohne Fluchtabsichten von Grenztruppen erschossen oder verunglückten an der Mauer. Acht DDR-Grenzsoldaten kamen im Dienst um, ob irrtümlich durch eigene Kameraden oder absichtlich beziehungsweise in Notwehr bei Fluchtaktionen. Zudem starben zwischen 1961 und 1989 mindestens 251 vor allem ältere Reisende während oder nach DDR-Kontrollen an den Berliner Grenzübergängen. Die Ergebnisse des Forschungsprojekts sind auch unter www.chronik-der-mauer.de abrufbar, dort sogar ergänzt durch faksimilierte Dokumente.
RAINER BLASIUS
Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961-1989. Ein biographisches Handbuch. Herausgegeben vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und der Stiftung Berliner Mauer. Ch. Links Verlag, Berlin 2009. 524 S., 24,90 [Euro].