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Bedrückende Atmosphäre

09.11.2009 ·  Augenzeugenberichte aus aller Welt über die Novemberpogrome in Deutschland 1938

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Welche neuen Erkenntnisse kann ein weiteres Buch 70 Jahre nach den Novemberpogromen liefern? Zuallererst unterscheidet sich die vorliegende Veröffentlichung durch ihre außergewöhnliche Entstehungsgeschichte. Thomas Karlauf hat die Genese sachgerecht rekonstruiert: Im August 1939 - neun Monate nach den Pogromen - berichtete die New York Times unter der Überschrift "Prize for Nazi Stories", Wissenschaftler der Universität Harvard seien auf der Suche nach Augenzeugenberichten über das Leben in Deutschland vor und nach 1933. Zu diesem Zweck hätten sie einen Wettbewerb ausgeschrieben und fünf Preise über insgesamt 1000 Dollar für die besten unveröffentlichten Lebensbeschreibungen ausgelobt. Die in deutscher oder englischer Sprache abgefassten Manuskripte sollten als Materialsammlung dienen für eine Untersuchung "der gesellschaftlichen und seelischen Wirkungen des Nationalsozialismus auf die deutsche Gesellschaft und das deutsche Volk". Die Texte würden, um die Verfasser vor Repressalien zu schützen, streng vertraulich behandelt, sie müssten aber wahrheitsgetreu sein. Sie sollten etwa 80 Schreibmaschinenseiten umfassen und "möglichst einfach, unmittelbar, vollständig und anschaulich" gehalten sein. Zitate aus Briefen, Notizbüchern und sonstigen persönlichen Schriftstücken könnten den Schilderungen die erwünschte Glaubwürdigkeit geben.

Zum Einsendeschluss am 1. April 1940 gingen über 250 Manuskripte aus aller Welt ein: 155 Texte aus den Vereinigten Staaten, darunter allein 96 aus New York, 31 aus Großbritannien, 20 aus Palästina und 6 aus Schanghai - dem einzigen Territorium, für das jüdische Flüchtlinge keine Einreisevisa benötigten. Die meisten Absender waren Juden, die den deutschen Machtbereich nach den Pogromen verlassen hatten, unter ihnen viele freiberufliche Akademiker, insbesondere Rechtsanwälte und Ärzte, sowie Hochschullehrer, vor allem aus Berlin und Wien. Abschied von Deutschland sowie "Aufarbeitung und Rekapitulation des Erlebten" dominierten bei den Beweggründen der überwiegend männlichen Verfasser. Alle Berichte stimmten in der Auffassung überein, dass die sich im November 1938 austobenden antijüdischen Gewaltakte der Nationalsozialisten mit ihren Orgien der Zerstörung und Erniedrigung den größten Zivilisationsbruch der abendländischen Geschichte darstellten und es für einen deutschen Juden schlicht undenkbar sei, je wieder in diesem Land zu leben. "Nie mehr zurück in dieses Land", notierte die Berliner Ärztin Hertha Nathorff am 16. November 1938, "wenn wir es erst einmal lebend verlassen haben." Diese Tagebucheintragung lieferte den Titel zum vorliegenden Buch. Frau Nathorff, geborene Einstein, emigrierte 1939 in die Vereinigten Staaten und verstarb dort 1993.

Initiatoren des Wettbewerbs waren der Psychologe Gordon Allport, der Historiker Sydney Fay und der Soziologe Edward Hartshorne. Ihnen zur Seite standen weitere Wissenschaftler, die die Glaubwürdigkeit der eingesandten Beiträge prüften und deren Aussagewert beurteilten. Ihr Hauptaugenmerk galt den bedrückenden Erfahrungen jener männlichen und zumeist wohlhabenden Juden, die im November 1938 willkürlich verhaftet und unter menschenverachtenden Umständen in den Konzentrationslagern Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen so lange festgehalten worden waren, bis sie sich mit der "Arisierung" ihrer Betriebe und Vermögensanlagen zwangsweise einverstanden erklärten. Mit deren Schilderungen sollte die Verlogenheit der nationalsozialistischen Propaganda nachgewiesen werden, die die judenfeindlichen Ausschreitungen als "Ausbruch des Volkszornes" nach dem Attentat eines polnischen Juden auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath am 7. November in Paris rechtfertigte.

Personelle und berufliche Veränderungen unter den Initiatoren des Wettbewerbs verhinderten jedoch den Abschluss des Projekts im Zweiten Weltkrieg. Ein halbes Jahrhundert lang blieben die Unterlagen unbeachtet. Die Soziologin Uta Gerhardt entdeckte die überlieferten Originalmanuskripte schließlich Mitte der neunziger Jahre bei ihren Recherchen in Berkeley. Ihr verdankt das Buch ein hilfreiches Nachwort mit editorischen Hinweisen. Beiden Herausgebern gebührt das Verdienst, eindrucksvolle Zeugnisse sachverständig ediert und einfühlsam kommentiert zu haben. Durch ihre Dichte, Vielfalt und Authentizität gewinnen die Berichte einen vergleichsweise hohen Quellenwert. Abgerundet wird die lesenswerte Sammlung durch ein Geleitwort von Saul Friedländer. Sein Fazit lautet: "In diesem Buch findet der Leser über die bloßen Fakten hinaus eine außergewöhnliche Fülle von Details über jüdische Einstellungen, Empfindungen und Reaktionen während dieser schicksalhaften Monate. Er wird auf vielfältige Weise der bedrückenden Atmosphäre begegnen, die sich auf die Welt des mitteleuropäischen Judentums in der vorletzten Phase seiner Existenz legte - wenige Augenblicke vor seinem endgültigen Untergang."

HANS-JÜRGEN DÖSCHER

Uta Gerhardt/Thomas Karlauf (Herausgeber): Nie mehr zurück in dieses Land. Augenzeugen berichten über die Novemberpogrome 1938. Propyläen Verlag, Berlin 2009. 363 S., 22,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.11.2009, Nr. 260 / Seite 10
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