Wie man Umerziehungslager für Rechtsabweichler überlebt, welche menschlichen Tragödien, aber auch welche Solidarität dort möglich waren, belegen Erinnerungen aus der Zeit der seit 1957 betriebenen "Kampagne gegen Rechtsabweichler". Der heute in Tianjin lebende Autor Yang Xianhui (Jahrgang 1946) zeichnete sie seit 1997 auf. Es waren jene Jahre des sogenannten "Großen Sprungs nach vorn" (1958 bis 1961) mit einer der größten Hungersnöte der jüngeren Menschheitsgeschichte. Während Abermillionen zunächst den Parolen Mao Tse-tungs begeistert folgten, hatte man Hunderttausende "Rechtsabweichler" in Umerziehungslager verschleppt. Die Berichte von überlebenden Insassen des Lagers Jiabiangou in der Wüste der nordwestlichen Provinz Gansu, in das man dreitausend Intellektuelle und Regierungsbeamte der Region deportiert hatte, sind spannend und zeugen zugleich von der ganzen Aussichtslosigkeit der Lage im GULag Chinas.
Trotz der allgemeinen Notlage, weil China im wahrsten Sinne des Wortes am Boden lag, funktionierten noch Polizei, Bürokratie und Kontrollen. In dieser Zeit des frühen und überstürzten Aufbaus des Sozialismus in China haben viele der Verschleppten nicht tatenlos auf den Tod gewartet, sondern um ihr Überleben gekämpft. Die Überlebenden sind zu lebenden Archiven geworden und liefern mit ihren Berichten ergreifende Dokumente der Mitmenschlichkeit. Zugleich schildern sie den Alltag an den Bahnhöfen und in den Heimatorten der Verfolgten. Solche Untersuchungsberichte haben in der Literatur Chinas einen festen Platz. Die Reportagen Yang Xianhuis zählen zu den "eindrucksvollsten Beispielen der chinesischen Gegenwartsliteratur" (Thomas Zimmer). Man erfährt von Hartnäckigkeit und individueller Schicksalsgestaltung, aber auch von jener jungen Frau, die alles daransetzt, den Leichnam ihres im Lager verstorbenen Mannes zu finden (Die Frau aus Schanghai). Diese Zeugnisse aus einer Untergangszone der Menschheit erinnern in ihrer Unmittelbarkeit an jene Texte, die unter dem Titel "Der Blitz über dem Reisfeld. Witwen aus einem Dorf bei Hiroshima berichten" auf Deutsch im Jahre 1985 erschienen sind.
HELWIG SCHMIDT-GLINTZER
Yang Xianhui: Die Rechtsabweichler von Jianbiangou. Berichte aus dem Umerziehungslager. Aus dem Chinesischen von Katrin Buchta. Edition Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009. 250 S., 16,- [Euro].