03.01.2009 · Publizist - Außenminister - Premierminister: Salisbury und der Aufstieg Preußen-Deutschlands
Unter den britischen Spitzenpolitikern im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zählte der Marquess of Salisbury zu den wenigen, die Deutschland durch Sprachkenntnisse, ausgedehnte Lektüre und Reisen aus erster Hand kannten. Er setzte sich für eine Verbesserung des Deutschunterrichts an englischen Schulen ein, wo das Französische als Fremdsprache dominierte. Kein geringerer Text als Goethes "Faust" gehörte zu seinen Lieblingswerken. Christian Hoyer unternimmt es nun, das Deutschland-Bild Salisburys detailreich nachzuzeichnen und die Anfänge seiner Deutschland-Politik in einer Phase zu analysieren, als nach der Gründung des Deutschen Reichs die "deutsche Frage" in den Brennpunkt der internationalen Politik gerückt war.
Der 1830 in eine der angesehensten Adelsfamilien geborene Lord Robert Cecil, wie er zunächst hieß, konnte aufgrund von Protektion schon als 23-Jähriger einen für die Konservativen sicheren Unterhaussitz einnehmen, war aber als Zweitgeborener zunächst auf Einnahmen aus einer bürgerlichen Existenz als Publizist angewiesen. Schon hier erfolgte die Hinwendung zu den Schwerpunktthemen internationale Beziehungen und britische Außenpolitik. Hoyer hat dieses umfangreiche Material sorgfältig ausgewertet, um Cecils Weltbild und insbesondere seine Urteilsbildung über Deutschland zu rekonstruieren.
In den siebziger Jahren wurde Salisbury Mitglied in Disraelis Kabinett, zunächst als Indienminister und von 1878 bis 1880 als Außenminister. Inzwischen hatte er, nachdem sein älterer Bruder gestorben war, den Adelstitel seines Vaters geerbt. Hoyer legt den Schwerpunkt seiner Untersuchung auf Salisburys Jahre an der Spitze des Foreign Office. Die Folgezeit, als er zwischen 1885 und 1902 wiederholt Premierminister war und die konservative Vorherrschaft in England maßgeblich prägte, wird nur mit wenigen knappen Andeutungen bedacht. In Anlehnung an die Forschungen Klaus Hildebrands stellt der Autor die britische Haltung gegenüber dem Kontinent als eine Politik dar, die Interventionen scheute, ohne aber in Isolationismus zu verfallen. Großbritannien brauchte Frieden in Europa, um seiner imperialen Rolle gerecht werden zu können. An den überseeischen Verbindungslinien und in Afrika und Asien waren Frankreich beziehungsweise Russland die Hauptgegner, so dass die Reichsgründung gerade recht kam, um die klassische Zauberformel britischer Europa-Politik fortschreiben zu können. Das Deutsche Reich erschien als der ideale Juniorpartner der britischen Weltmacht zur Sicherung des europäischen Gleichgewichts. Dies galt umso mehr, als Salisbury sein früh entwickeltes und noch lange bestehendes Misstrauen gegenüber dem "Polizei- und Beamtenstaat" Preußen, gegenüber dem "großen Drama des preußischen Expansionismus" und der "Schreckensherrschaft Bismarcks" seit dem Berliner Kongress 1878 abgebaut hatte.
Das nun einsetzende Zusammenspiel zwischen Salisbury und Bismarck beruhte auf einer klaren und - wie sich später herausstellen sollte - zugleich zeitlich begrenzten internationalen Arbeitsteilung mit Deutschland als im Gleichgewichtssystem eingebundener Kontinentalmacht und Großbritannien als Weltmacht mit vorrangig außereuropäischen Interessen. Darüber hinaus stimmten beide in ihren außenpolitischen Denkweisen überein. Großbritannien brauchte einen kooperativen Partner in Europa, wollte aber auf keinen Fall ein förmliches Bündnis eingehen. Bismarck war dafür mit seiner im sogenannten Kissinger Diktat 1877 formulierten Maxime der ideale Adressat. Ihm ging es um eine "politische Gesamtsituation", "in welcher alle Mächte außer Frankreich unser bedürfen".
Das Beharren auf Handlungsfreiheit in einem offenen internationalen System erforderte entsprechende national verfügbare Machtmittel. Salisbury war der Überzeugung, dass militärische Schlagkraft unverzichtbar war, und plädierte mit Blick auf das Vorbild Preußen-Deutschland dafür, die in seinen Augen vernachlässigten britischen Landstreitkräfte zu modernisieren und aufzurüsten. Hier führt Hoyers Untersuchungsobjekt in nach wie vor brennende Grundsatzfragen hinein. Salisbury dachte in den Kategorien der "realistischen" Schule und verstand internationale Politik als Mächtespiel im Rahmen eines anarchischen Systems. Ausdrücklich verwahrte er sich gegen Cobdens Internationalismus und die darauf aufbauende "liberale" Theorie, zu der seine innenpolitischen Opponenten neigten. Sie setzten auf in ihren Augen moderne Machtmittel, auf "soft power". Salisbury glaubte nicht an das vermeintliche Entwicklungsgesetz neuerer Industriegesellschaften und Handelsstaaten, wonach es langsam, aber sicher zu einer Zurückdrängung militärischer Machtinstrumente kommen werde. Der Aufstieg Preußens bewies für ihn das genaue Gegenteil.
GOTTFRIED NIEDHART
Christian Hoyer: Salisbury und Deutschland. Außenpolitisches Denken und britische Deutschlandpolitik zwischen 1856 und 1880. Matthiesen Verlag, Husum 2008. 507 S., 69,00 [Euro].