Home
http://www.faz.net/-gr7-cdz
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Aus internationalen Zeitschriften China, China, China

16.06.2011 ·  Neunzig Jahre nach Gründung der Kommunistischen Partei Chinas: Bestimmt eine neue Hegemonie oder etwa friedliche Kooperation die chinesische Politik?

Von Wilfried von Bredow
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Das waren noch Zeiten, als der Bundeskanzler im Bundestag emphatisch ausrief: „Ich sage nur: China, China, China!“ Mehr als 40 Jahre ist das her. Damals war damit alles gesagt. Regierungsparteien und Opposition schauderten. Zur einen Hälfte bestand Chinas Aura aus vagen Bedrohungsempfindungen, zur anderen aus unbegründbaren Langzeithoffnungen. Kreml-Astrologie war im Vergleich zur politischen Beschäftigung mit China eine rationale Angelegenheit. Klar war nur eines: Irgendwie musste man mit China rechnen. Ernsthaft begonnen hat damit Präsident Nixon. Sein Staatsbesuch beim greisen Mao im Februar 1972 gehört heute zu den politischen Mythen zwischen Kaltem Krieg und Ost-West-Entspannung.

Seit jenem Besuch hat sich im Verhältnis zwischen China und den Vereinigten Staaten viel verändert. China ist längst nicht mehr nur eine potentielle, sondern vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht eine reale Weltmacht mit zahlreichen Handlungsoptionen, auch solchen, die es zum Nachteil Washingtons einsetzen könnte. Seine groß-regionalen sowie globalen Interessen vertritt China mehr und mehr unmissverständlich. Zugleich trägt es schwer an seinen inneren Problemen und weist, aus westlicher Sicht, ein beachtliches Defizit in seiner Demokratie- und Menschenrechtsbilanz auf.

Seit ein paar Jahren werden in Universitäten und Denkfabriken innerhalb und außerhalb Chinas immer neue Szenarien über den Aufstieg des Landes zu einer entscheidenden Weltmacht entworfen. Bleibt dieser Aufstieg friedlich? Oder wird es zu regionalen und überregionalen Konflikten kommen, bei denen „harte“ Machtfaktoren wie Wirtschaftskraft und Streitkräfte den Ausschlag geben? Anders gefragt: Läuft der Aufstieg Chinas auf ein Macht-Nullsummen-Spiel hinaus?

Entschieden dieser Ansicht ist John J. Mearsheimer von der University of Chicago. Sein Aufsatz „The Gathering Storm: China's Challenge to US Power in Asia“ in The Chinese Journal of International Politics basiert auf der These, dass es weltpolitisches Handeln einzig zum Wohle des Ganzen nicht gibt. Wer eine Spitzenstellung einnimmt, will als Vormacht einen möglichst großen Abschnitt der Welt beherrschen. Die Vereinigten Staaten haben das so gemacht; China wird es ebenso machen. Bei der Suche nach Verbündeten werden eine Reihe von Chinas Nachbarstaaten wie Indien, Japan, viele südostasiatische Staaten und Australien die Nähe zu Washington suchen, um Chinas Gewicht auszubalancieren. Europa hingegen wird sich, weil nicht direkt tangiert, aus dem Wettbewerb zwischen Washington und Peking heraushalten wollen. Da China ganz besonders auf einen sicheren Seeweg vom Indischen Ozean zu den eigenen Häfen angewiesen ist, prognostiziert Mearsheimer einen maritimen Rüstungsschub.

Wie wichtig neuerdings die Marine (Handelsmarine und Kriegsmarine) für China geworden ist, unterstreicht auch Lixin Sun von der Normal University in Peking. Als Historiker vergleicht er „Chinese Maritime Concepts“ im Asia Europe Journal in Vergangenheit und Gegenwart. Dabei wird einmal mehr deutlich, wie tief das „Jahrhundert der Demütigungen“ zwischen 1840 und 1949 im Gedächtnis der chinesischen Führungsschicht verankert ist. Noch Mao Tse-tung betrachtete die Meere um China als geographische Barrieren.

Damit ist es seit den 1980er Jahren vorbei. Ozeane, so schreibt Lixin Sun, sind zu Arenen für internationalen politischen, wirtschaftlichen und militärischen Wettstreit geworden. Deshalb muss auch China seine Interessen weit off shore verteidigen. Dabei spielt das Prinzip der Souveränität eine entscheidende Rolle, das China strikt interpretiert. China beansprucht keine Hegemonialstellung, schreibt er. Aber überall dort, wo es seine Souveränität gefährdet oder beeinträchtigt sieht, wird es nicht zurückweichen. Bei allen Unterschieden in der Wortwahl ist diese Sicht mit der Mearsheimers durchaus vereinbar. Zumal der Optimismus des Autors nur die chinesische Seite betrifft.

Mark Beeson von der University of Western Australia in Perth reklamiert in dem Beitrag „Asymmetrical Regionalism: China, Southeast Asia and Uneven Development“ in der Zeitschrift East Asia diesen Optimismus auch für die übrigen Staaten in der Region. China tritt in Organisationen wie ASEAN sehr diplomatisch auf, auch weil es am Ausbau der Handelsbeziehungen mit den anderen südostasiatischen Staaten großes Interesse hat. Selbst wo es um territoriale Konflikte geht, etwa bei den Spratly-Islands, verhält sich China behutsam und gemäßigt. Mit den staatszentrierten, nichtdemokratischen Regierungen anderer Staaten versteht sich Peking besonders gut. Ist das eine Beruhigung? Beeson sieht es jedenfalls so.

Geteilt wird diese Perspektive von Andrew Phillips von der Australian National University (Canberra) in dem Beitrag „From the Age of Asymmetry to the Great Reconvergence: Securing Order in the Asian Century“ im Australian Journal of International Affairs. Phillips sieht eine wichtige Zäsur im Jahr 1972. Im 20. Jahrhundert war Asien bis dahin schwach gewesen, und politische Schwäche bringt andere Akteure dazu, ihre eigenen Interessen einseitig auf Kosten des Schwächeren zu verfolgen. Schwäche provoziert Gewalt. Seit 1972, der Annäherung zwischen Washington und Peking und der zwar nicht frei von Rückschlägen gebliebenen, aber doch insgesamt erfolgreichen Annäherung zwischen Peking und Tokio, ist Asien insgesamt stärker, selbstbewusster und dadurch auch zu einer friedlicheren Region geworden. Große revolutionäre Projekte gibt es nicht mehr. Die Regierungen wissen, dass sie die weiterhin bestehenden Probleme, so vor allem die Teilung Koreas, nur langfristig und einvernehmlich lösen können. Wenn der ökonomische Aufschwung anhält, schließt der Autor, wird Asien ein friedlicher Kontinent werden.

Das wäre ja schön. Andererseits gibt es mehr als nur ein regionales Problem, das mit einem politischen Zeitzünder versehen ist. John W. Garver und Fei-Ling Wang vom Georgia Institute of Technology in Atlanta analysieren die Akzentverlagerungen in Chinas Politik gegenüber Indien und Japan. „China's Anti-encirclement Struggle“ wird in der Zeitschrift Asian Security von den Autoren beschrieben als ein Versuch, diese beiden großen Mittelmächte in Asien erstens von einer zu engen Partnerschaft untereinander und zweitens auch von zu engen Verbindungen mit den Vereinigten Staaten abzuhalten.

Dazu hat sich Peking in den vergangenen Jahrzehnten einer geschickten Zuckerbrot-und-Peitsche-Politik bedient. Die Autoren bemühen einen aufschlussreichen Vergleich: Chinas Anti-Einkreisungspolitik müsste so ähnlich konzipiert werden wie Bismarcks Rückversicherungspolitik nach 1871. Deren Schicksal gibt aber wenig Anlass zu Optimismus.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen