Home
http://www.faz.net/-gr7-14g4s
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 19. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Aus den Archiven des Grauens

23.11.2009 ·  Verschleppte und hingerichtete Österreicher in Moskau 1950 bis 1953

Artikel Lesermeinungen (0)

"Ein von Schmerz und Kummer gezeichneter junger, arbeitsfroher Mensch bittet Sie um Gnade und Vergebung seiner vom Hohen Militärgericht ausgesprochenen Todesstrafe." Wilhelm Eichele war 25 Jahre alt, als er diese flehentlichen Worte an das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR richtete. Zu Weihnachten, am 25. Dezember 1951, hatte ihn das Sowjetische Militärtribunal (SMT) 28990 in Baden bei Wien wegen "antisowjetischer Spionagetätigkeit" zum "Tod durch Erschießen" verurteilt. Weder die Beteuerung "Als 14. Kind einer armen Arbeiterfamilie entstammend, lernte ich mein ganzes Leben lang nur Not und Elend kennen", konnte seine "Richter" milde stimmen, noch sein Gnadenappell: "Ich bitte Sie daher, üben Sie Gerechtigkeit, lassen Sie Ihr Herz sprechen, für einen armen, jungen, zum Tode verurteilten Menschen, der nur das Gute wollte, und ich glaube und vertraue auf Sie! Ich denke an die Worte unseres ,größten Mannes', Generalissimus Stalin." Am 22. Februar 1952 bestätigte das Oberste Gericht der UdSSR das Todesurteil. Eichele wurde am 28. März 1952 in Moskau erschossen, eingeäschert, seine Asche in einen Blechkübel gekehrt; diesen entleerte man ins wenige Schritte entfernte Grab Nr. 3, das "Massengrab mit nicht abgeholter Asche aus den Jahren von 1945 bis 1989", unter dem es auf dem Friedhof des Donskoje-Klosters heute offiziell bekannt ist. 1998 rehabilitierte ihn die russische Hauptmilitärstaatsanwaltschaft.

Von 2201 Zivilisten, die sowjetische Organe in Österreich verhafteten, erhielten mehr als tausend hohe Haft- und Lagerstrafen. 132 Personen verurteilte das SMT in Baden zum Tode, 39 in den Jahren 1945 bis 1947 und 93 zwischen 1950 und Stalins Tod am 5. Februar 1953. Niemand in Österreich wusste, dass in Baden derartige "Prozesse" stattfanden, in denen die Beschuldigten keinen Rechtsbeistand hatten. Die Anklage war stets dieselbe: "Antisowjetische Spionagetätigkeit". Und das Urteil stets gleichlautend: Tod durch Erschießen. Das Delikt, das den in die Kellerräume einer Badener Villa Geschafften, wo das SMT tagte, zur Last gelegt wurde, konnte in jenen Jahren gerade im Wien des "Dritten Manns", also der Drehscheibe der Spionageaktivitäten von Ost und West, viel umfassen oder wenig. In den meisten Fällen waren es Lappalien, deren sich die Verhafteten schuldig gemacht hatten, getrieben aus schierer materieller Not und vom Willen, die widrigen Zeitläufte zu überstehen.

Das wirkliche Schicksal all derer, die unter diesen Umständen und auf dieselbe Weise ums Leben kamen, war noch bis vor vier Jahren gänzlich unbekannt. Der entscheidende Hinweis kam von Arsenij Roginskij, Chef der einst von Andrej Sacharow gegründeten Bürgerrechtsorganisation "Memorial". Er kontaktierte den Grazer Historiker Stefan Karner, Leiter des Ludwig Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgenforschung, der sich nicht nur durch die Erforschung des Schicksals aller österreichischen Kriegsgefangenen im Gewahrsam der Sowjetunion, sondern auch der dahinter stehenden GULag-Verwaltung einen Namen gemacht hat. Ihm und seinen Mitarbeitern war es dann in Kooperation mit dem Moskauer Staatsarchiv auch möglich geworden, die Schicksale dieser besonderen Gruppe unter den letzten Opfern Stalins zu rekonstruieren und in der vorliegenden Publikation mustergültig zu dokumentieren - und zwar durch Strafprozessakten aus dem einstigen KGB-Archiv, Gerichtsbescheide aus dem russischen Staatsarchiv sowie die Gnadengesuche der Hingerichteten. Während sich im ersten Teil des Buches österreichische, deutsche und russische Historiker diesem dunklen Kapitel der späten Stalinzeit widmen, werden im zweiten Teil die Biografien der Opfer nachgezeichnet.

In Moskau war Wassilij Michailowitsch Blochin zwischen 1924 und 1953, mithin in der gesamten Periode von Lenins bis Stalins Tod, für die Erschießung von "Staatsfeinden" zuständig. Viele der Exekutionen nahm der mit Stalin persönlich bekannte Generalmajor des NKWD (Vorläufer des KGB) persönlich vor. Dabei trat er bisweilen auf, als wollte er die Delinquenten eher köpfen, als ihnen den Genickschuss verpassen. Er legte oft die Montur eines Schlächters an: braune Schirmmütze, lange Lederschürze und Handschuhe, die bis über die Ellbogen reichten. Kurz nach Stalins Tod wurde er seines Amtes enthoben, im Zuge der unter Nikita Chruschtschow eingeleiteten "Entstalinisierung" ging er seines Generalsrangs verlustig, kurz darauf verstarb er. Blochins gepflegtes Grab befindet sich übrigens nahe dem Eingang zum Donskoje-Friedhof, keinen Steinwurf von den dortigen Massengräbern entfernt.

In den Jahren des Terrors (zwischen 1932 und 1938) darbten ungefähr 30 000 Häftlinge in der Butyrka, in der eigentlich nur für tausend Platz war und wo, wie in der Lubjanka, dem Sitz des KGB, "Volksschädlinge" und "Staatsfeinde" ihrer Aburteilung respektive Urteilsvollstreckung entgegensahen. Von Kriegsende bis zu Stalins Tod wurden 7000 Menschen in der Butyrka erschossen, unter ihnen mehr als 900 deutsche und jene 104 österreichischen "Spione", von denen das vorliegende Buch handelt. Dabei hatte Stalin, der "weise Vater der Völker", die Todesstrafe 1947 ausgesetzt. Angesichts innerer Wirren, Stalins Phobien (Stichwort: "jüdische Ärzteverschwörung") und des immer eisiger werdenden Kalten Kriegs führte er sie 1950 wieder ein.

Heute weiß man, dass spätestens vier Tage nach Ablehnung der Gnadengesuche die Exekutionsanordnung erlassen wurde; in den Akten ist nur die Urteilsvollstreckung festgehalten, nicht jedoch der Ort. In den Moskauer Einäscherungsprotokollen scheint lediglich die Unterschrift des Ausführenden auf, die Exekutierten blieben namenlos. Erst seit der FSB, Nachfolger des KGB, die Türen in seine Archive des Grauens einen Spalt öffnete, konnten Forscher den Opfern die Namen wiedergeben und deren Angehörigen die Gewissheit.

REINHARD OLT

Stafn Karner/Barbara Stelzl-Marx (Herausgeber): Stalins letzte Opfer. Verschleppte und erschossene Österreicher in Moskau 1950-1953. Verlage Böhlau und Oldenbourg, Wien und München 2009. 676 S., 39,80 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.11.2009, Nr. 272 / Seite 8
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen