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Aus Brandts Kanzlerküche

15.03.2010 ·  Reinhard Wilkes Sicht

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Viele Köche verderben den Regierungsbrei - besonders, wenn sie sich über Rezepte nicht einigen und den Chefkoch nicht respektieren. Diesen Eindruck vermittelt das unterhaltsame, aber auch ernüchternde Buch von Reinhard Wilke (1929-2009), der von 1970 bis 1974 Leiter des Büros von Bundeskanzler Brandt war. Später stieg der beamtete Jurist zum Abteilungsleiter im Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit auf und war zuletzt Generalsekretär des Deutsch-Französischen Jugendwerks. Horst Ehmke, von Oktober 1969 bis Ende 1972 als Bundesminister der Chef des Bundeskanzleramtes, holte ihn in die Regierungszentrale, die Brandt sogar einmal "Scheißhaus" genannt haben soll. Aus der "Froschperspektive" verfasste der Willy-Verehrer Wilke - für einzelne Phasen gestützt auf Tagebuchaufzeichnungen - seine "sehr subjektive Darstellung".

Hin und wieder sei es vorgekommen, dass bei Sitzungen "sämtliche Beamte aus dem Kabinett verwiesen wurden, weil etwas nur zwischen den Ministern besprochen werden sollte". Helmut Schmidt, Verteidigungs- und danach Finanzminister unter Brandt, sagte angeblich bei einer Sitzung mehrmals: "Schickt die Domestiken raus!", worauf sich Paul Frank, Staatssekretär des Auswärtigen Amts, verwundert zeigte, dass ausgerechnet ein Sozialdemokrat "einen solchen Ausdruck für seine engagierten Mitarbeiter gebrauchen könne". Wilke bezeichnet Egon Bahr als "Graf Holstein" wegen dessen Geheimniskrämerei, tadelt Herbert Wehners "makabre Analwitze und Namensverdrehungen" und bescheinigt Ehmkes Nachfolger als Chef des Bundeskanzleramtes, dem Staatssekretär Horst Grabert, einen "lockeren, unprätentiösen Stil", Humor und Exaktheit. Das Gegeneinander der Besserwisser, Einflüsterer und Intriganten vermag Grabert jedoch nicht zu bändigen, so dass Brandt Anfang 1974 meint, "dass der Einfluss des Bundeskanzleramtes gegenüber früher, als er sicherlich unter Ehmke etwas zu stark gewesen sei, auf 25 Prozent gesunken sei". Der wohl selbst stark überforderte Wilke lernt erst im Kanzleramt, "dass Organisationsfragen letztlich Machtfragen" seien, und so habe er "auf klare Organisationsstrukturen und Zuständigkeiten gedrungen", allerdings bei Brandt ohne Erfolg. Zum Verhältnis des Kanzlers zum SPD-Fraktionsvorsitzenden notiert er, dass Brandt "geradezu physische Angst vor Wehner hat, und sie erhöht seinen Hass auf ihn". Zur Guillaume-Affäre, die im Mai 1974 zum Kanzlerrücktritt führt, trägt das Buch nichts Neues bei. Die Pannen bei der Observierung des schon 1973 unter Verdacht geratenen DDR-Agenten seien nur der Anlass, nicht aber der Grund für den Abgang gewesen. Hierzu habe seit Brandts Wiederwahl Ende 1972 die "andauernde Erosion seiner Autorität beigetragen, die durch physische und psychische Probleme bedingt und durch mangelnde Solidarität von Partei- und anderen Freunden beschleunigt wurde".

RAINER BLASIUS

Reinhard Wilke: Meine Jahre mit Willy Brandt. Die ganz persönlichen Erinnerungen seines engsten Mitarbeiters. Mit einem Vorwort von Ulrich Wickert. Hohenheim Verlag, Stuttgart 2010. 272 S., 19,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.03.2010, Nr. 62 / Seite 6
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