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Aufgetischte Zäsuren

06.08.2007 ·  Die erste Sozialgeschichte des ungarischen "Gulaschkommunismus"

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Ungarn wurde im Westen lange Zeit zum Osten gezählt; im Ostblock aber galt es als die lustigste Baracke, viel beneidet von den Genossen in den linientreueren Ländern des realen Sozialismus. Mit Arpad von Klimos Buch liegt nun die erste Sozialgeschichte dieses "Gulaschkommunismus" vor - die erste in deutscher Sprache zumindest. Gulaschkommunismus - das ist untrennbar verbunden mit dem Namen János Kádár, dem 1956 eingesetzten Parteichef. Der ließ zwar Imre Nagy hinrichten und bis 1962 die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft durchführen, suchte dann aber Popularität - oder doch zumindest Neutralität der Bevölkerung - durch wirtschaftliche Anreize zu erkaufen und kehrte den berüchtigten Slogan Stalins um in: "Wer nicht gegen uns ist, ist für uns." Das lief auf ein Stop-and-go-Verfahren in der Wirtschaft hinaus: 1968 ein "Neuer ökonomischer Mechanismus" mit Dezentralisierung und teilweiser Preisfreigabe nach jugoslawischem Vorbild; 1973 eine Rückkehr zur Orthodoxie auf Drängen der Sowjetunion, sodann ab 1982 eine langsame Aufgabe sozialistischer Dogmen, weniger aus Reformbegeisterung, sondern als Krisenstrategie.

Sozialgeschichte, das heißt einerseits "number crunching", eine Reihe von Statistiken demographischer, ökonomischer und sonstiger Natur - trocken, aber wertvoll, mit der einen Einschränkung vielleicht, dass es problematisch ist, Reallöhne in Planwirtschaften, wo man sich Güter leisten könnte, die es nicht gibt, zu vergleichen mit Märkten, wo Güter angeboten werden, die man sich nicht leisten kann. Sozialgeschichte, das ist in dem Fall auch ein einfühlsamer Versuch, Mentalitäten zu erfassen, hinter der Fassade der "entdifferenzierten Arbeitsgesellschaft" soziologische Prozesse aufzuspüren, die unmerklich subversive Wirkungen hatten; auch kulturelle Freiräume zu dokumentieren - so sind gleich mehrere Seiten dem ungarischen Pendant der Beatles gewidmet. Selbstverständlich darf die Verbeugung vor der Gender-Problematik nicht fehlen - obwohl es uns vielleicht gar nicht so sehr überrascht, dass der Stalinismus doch nicht das goldene Zeitalter der Frauenemanzipation einläutete.

Ausführlich Tribut gezollt wird natürlich dem "Schlüsselereignis der ungarischen Nachkriegsgeschichte", dem Herbst 1956. Eine kompetente Analyse, die hervorhebt, wie sehr unentschiedene parteiinterne Auseinandersetzungen nach Ende der Stalin-Ära dazu beitrugen, dass die Situation Imre Nagy und seiner Reformergruppe schließlich aus den Händen glitt, leitet über zu einer inflationär gebrauchten, leitmotivischen Verwendung des Topos 1956 im Sinne von Geschichtspolitik und Erinnerungskultur. Zum Schluss darf man über die Parteipolitik der neunziger Jahre lesen: "Natürlich gibt es auch neben Fragen der Geschichts- und Identitätspolitik andere politische Felder, auf denen sich die beiden Lager unterscheiden . . ." Tja, wer hätte das gedacht? Da spielt Klimo im Schlussakkord ein wenig "Haltet den Dieb!", wenn er seufzt: "Neue Generationen werden vielleicht die alten Streitereien über Kommunismus, Nationalismus oder Antisemitismus irgendwann einmal satthaben." Vielleicht tun das sogar schon die jetzigen, bloß nimmt der "Diskurs" der im Kokon der eigenen Debatten gefangenen Historikerzunft das nicht zur Kenntnis - oder möchte es vielleicht gar nicht zulassen?

Enttäuschend fällt der Abschnitt über den Systemwechsel von 1989 aus - schon einmal, weil es ihn eigentlich nicht gibt: Zwischen verschiedenen Kapiteln droht der epochale Umbruch verlorenzugehen - da sind wir zuerst noch bei der Vorgeschichte, dann schon bei den Folgen. Das ergibt ein seltsames Vexierbild: Einmal leitet die neue technokratische Nomenklatura, die Kádár 1988 ins Ausgedinge abgeschoben hat, souverän den Übergang ein; dann steht die Partei mit kaum 10 Prozent im Abseits, um wenige Jahre später triumphal an die Schalthebel der Macht zurückzukehren. Was sich da in der Zwischenzeit hinter den Kulissen abgespielt hat, erfährt der Leser bestenfalls in Andeutungen. Die ökonomische Entwicklung der Jahre seit 1989 wird ausführlich und kritisch besprochen; die politische bleibt weitgehend ausgeblendet. Klimo mag mit Viktor Orbán ein sehr distanziertes Verhältnis verbinden - aber wie es Orban und seiner Fidesz gelungen ist, alle Konkurrenten im bürgerlichen Lager aus dem Feld zu schlagen und zu integrieren, da muss neben einer mutigen Rede im Juni 1989 wohl auch sonst noch einiges passiert sein. Gut, wissenschaftliche Literatur zu dem Thema mag spärlich sein - aber zumindest Wahlanalysen, Umfragen, Stellungnahmen von Interessenverbänden wird es doch geben.

Es fällt auf, dass der Text und die Zusammenfassungen zuweilen ganz andere Akzente setzen. Das gilt nicht zuletzt für den Ausblick: Plötzlich werden uns genau zwei totalitäre Jahrzehnte aufgetischt, mit Zäsuren 1938 und 1958, die uns bisher nicht begegnet sind. Hat die Zwangskollektivierung nicht gerade in den Jahren nach 1958 ihren Höhepunkt erreicht? War das sozialistische System da schon "autoritär-fürsorglich", weil die kommunistische Diktatur doch "in der Tradition der europäischen Aufklärung stand"? Oder erweisen wir uns da bloß als gefangen im Antikommunismus, der meist mit Adjektiven wie "schlicht" und "unreflektiert" einhergeht, wenn nicht gar im Zusammenhang mit "Intoleranz"? Sind diese letzten Seiten als eine Art von Bekenntnisschrift gedacht, als politischer Wunschzettel - oder lassen die hoffnungsfrohen Verweise auf Ökoläden und Fahrradwege in Budapest vielmehr darauf schließen, dass Klimo sich für all das Vernünftige, das er immer wieder niedergeschrieben hat, beim deutschen Spießer grüner Observanz mit einer captatio benevolentiae entschuldigen möchte? Jemand anderem müsste man wohl auch gar nicht erst mit entschuldigendem Unterton erklären, dass "nicht westeuropäische Maßstäbe an die Erinnerungskultur der Länder angelegt werden können, die nicht von der US-Armee, sondern von der sowjetischen Armee ,befreit' worden waren".

LOTHAR HÖBELT.

Arpad von Klimo: Ungarn seit 1945. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006. 256 S., 16,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.08.2007, Nr. 180 / Seite 8
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