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Auf der Suche nach der versunkenen Zeit

 ·  Die unvollendeten Erinnerungen von Günter Gaus führen bis zum Machtwechsel von 1969

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Günter Gaus: Widersprüche. Erinnerungen eines linken Konservativen. Propyläen Verlag, München 2004. 380 Seiten, 25,- [Euro].

"Das alles ist jetzt verloren", sagte Egon Bahr während der Beisetzung. Der langjährige Weggefährte ahnte zu diesem Zeitpunkt schon, daß die Memoiren von Günter Gaus für immer Fragment bleiben, also kaum ein Wort zur politischen Karriere als Staatssekretär im Kanzleramt, als erster Ständiger Vertreter der Bundesrepublik bei der DDR, als kurzzeitiger Wissenschaftssenator in Berlin enthalten würden. Erst unter dem Eindruck seiner lebensbedrohlichen Erkrankung hatte Gaus sich im Mai 2000 überhaupt erst darangemacht, in fein ziselierter Sütterlinschrift Erinnerungen zu Papier zu bringen. Nach einer längeren, fast einjährigen Unterbrechung zu Beginn schrieb er dann unermüdlich bis in seine letzten Lebenstage hinein, bis zum allerletzten Krankenhausbesuch fast auf den Tag genau vier Jahre später, im Mai 2004.

Daß hier einer über und zugleich um sein Leben schreibt, man merkt es jeder Zeile an und merkt es doch, je länger man liest, immer weniger. Der melancholisch-resignative Grundton des Anfangs wird bald überlagert durch erzählerische Passagen voller Anschaulichkeit und Leuchtkraft, die vom visuellen Gedächtnis und der Sprachkunst des langjährigen Journalisten zehren, dabei ganz ohne streng-steife Belehrungen auskommen. Sicher, Gaus ist ein Mann, der sich in und mit der deutschen Teilung eingerichtet hatte, der diese Teilung als wohlverdiente Strafe für nationalsozialistisch-großdeutsche Untaten empfand und hinzunehmen bereit war, der zudem die ihm so gut wie kaum einem zweiten Westdeutschen bekannte Regierung der DDR als "Herrschaft des kleinen Mannes" bei aller Kritik auf erstaunliche Weise idyllisierte und verklärte - und mit der deutschen Vereinigung wenig anzufangen wußte.

"Wendewut" nennt er 1990 ein kurzes Stück. "Mein Tag, meine Epoche ist vor einem Jahrzehnt mit der so genannten Wende in Deutschland und Europa vergangen", heißt es jetzt zu Beginn des Bandes. Auch wenn "der rote Zar" Breschnjew, wenn Valentin Falin und Nikolaj Portugalow noch kurz porträtiert werden, auch wenn Gaus zudem über einen konspirativen Besuch 1988 in Moskau, bei zunehmend ratlosen Kreml-Herren, berichtet, die - welche Ironie der Geschichte - von ihm, dem westdeutschen "Experten", wissen wollen, was die anderen Deutschen in Ost-Berlin wirklich beabsichtigen, spielen deutsche Frage und DDR als Schlüsselthemen erstaunlicherweise in diesen Erinnerungen kaum eine Rolle, bleiben wir diesbezüglich für immer besonders auf seinen Erklärungsband "Wo Deutschland liegt" angewiesen.

Im Mittelpunkt stehen die ersten vier Lebensjahrzehnte bis zum Machtwechsel 1969. "Mein Tag war lang und meistens sonnig", resümiert Gaus. Der "sonnigste" Tag? Für ihn der Tag, als Willy Brandt Regierungschef wurde. "Die Unsrigen waren im Kanzleramt angekommen", notiert er und "naive Freude auf das Ende der restaurativen Epoche". Ist es wirklich Zufall und nicht doch schicksalhafte Fügung, daß das Buch ausgerechnet mit diesem Glücksmoment endet, daß wir nichts mehr über die bitteren Kabalen des Kanzlersturzes und alles Weitere erfahren, nachdem Brandt im November 1972 Gaus vom "Spiegel" ins Kanzleramt geholt hatte? Zumal Gaus durchaus am Zustandekommen der sozialliberalen Koalition mitwirkt, nicht zuletzt die Geheimnummer Scheels an Brandt weitergereicht hatte für die entscheidenden Absprachen in der Wahlnacht 1969, auch die berühmte erste Regierungserklärung Brandts ebenso wie später die Nobelpreis-Rede redigiert und mitformuliert hatte.

Eine politische Aufstiegsgeschichte, die mit der privaten korrespondiert. Gaus, Jahrgang 1929, aus der skeptischen Flakhelfer-Generation, stammt aus bäuerlich-kleinbürgerlichem Braunschweiger Milieu. Er erzählt uns von Milchsuppe mit Brotbrocken und gelblich zerlaufener Butter - einem Festmahl. Von Schwarzschlachtung und Todesangst während der Bomben und Tieffliegerangriffe. Von seinem unbedingten Wunsch, Soldat zu werden: "Hoffentlich dauert der Krieg lange genug!" Von seinem Stolz, im Januar 1945 "kv 1", unbeschränkt kriegsverwendungsfähig, gemustert worden zu sein, und vom Zorn der Mutter: "Du wirst den Krieg auch nicht mehr gewinnen." Was zutrifft. Immerhin erlebt er seine "Stunde Null", dem vorsichtigen Kompanieführer sei Dank. Schwarzhandel und Kohlenklau, erste schriftstellerische Versuche, der Weg in den Journalismus, wo er zusätzlich Geld damit verdient, von Bombenkrieg und Löschwasser verfleckte Aktienpakete zu säubern - wir folgen gespannt den Etappen durch die Nachkriegszeit.

Die kleinen Leute als Spielball der Geschichtsmächte - sein roter Lebensfaden, vom neu abgedruckten Abituraufsatz bis ans Ende seiner Tage, auch wenn er das eigene Pferd und den Chauffeur durchaus schätzenlernt. Natürlich, es geht um eine "education politique", weniger allerdings um "links" und "konservativ". Gaus beschreibt sein Erschrecken über Auschwitz, verknüpft mit der "Gnade der späten Geburt" - das Wort stammt von ihm, nicht von Helmut Kohl - die Frage: "Zehn Jahre früher geboren, könnte ich die Hand für mich ins Feuer legen?" Reflexionen, die nicht aufgesetzt anmuten. Von Adenauer hält er ebensowenig wie von Schumachers radikalem Nationalismus. Der Mythos Vereinigte Staaten fasziniert ihn - noch. 1962 reist er mit Erhard Eppler zu einem Seminar nach Harvard zu Henry Kissinger. Frauen sind nicht eingeladen. Eine Fülle solch lakonisch mitgeteilter Details prägen das Buch, lassen eine versunkene Zeit lebendig werden. Dazu gehört auch die Erinnerung an die zwei Tomaten und das Ei, das ihm 1968 Daniel Cohn-Bendit bei einer Podiumsdiskussion entgegenschleudern wird. Kurzkommentar: "Die beiden Tomaten gingen fehl." Und dann die Wertung: "Meinesgleichen hat den 68ern fast bis zur intellektuellen Selbstaufgabe Verständnis entgegengebracht."

Eingebettet in den Erzählfluß sind drei Porträts. Ein langes, einfühlsames und überaus positives von Herbert Wehner, an dessen Doppelrolle, an einen Parteiauftrag aus Moskau, die SPD zu unterwandern, Gaus ausdrücklich nicht glaubt. Er bekennt offen: "Es war angenehm, an Wehners Tisch zu sitzen. Ich fühlte mich gut aufgehoben", und zugleich: "Ich stehe noch immer im Bann dieses vielschichtigen, schwierigen, selbstquälerischen Menschen, sobald ich über ihn nachdenke." Ein kritisches Porträt von Rudolf Augstein, an dessen Hamburger Hof Gaus zweimal, zuletzt als Chefredakteur, dient: "Er war in der Regel flatterhaft, wankelmütig und treulos - nicht zuletzt sich selbst gegenüber." Und ein bemerkenswertes Lebensbild von Helmut Kohl, den Gaus in seiner Zeit als Programmdirektor beim SWF in Baden-Baden kennenlernte und dessen erste Schritte zur Macht in Rheinland-Pfalz er begleitet bis hin zu Probeaufnahmen im neuen Medium Fernsehen.

Wer zugleich wissen will, wie sorgfältig Gaus seine berühmten TV-Interviews "Zur Person" ab 1963 konzipierte, der erfährt hier eine Fülle von Details bis hin zu den gelöschten dreißig Sekunden aus dem Gespräch mit Adenauer - wegen einer kurzen Ohnmacht des Altkanzlers. Diese Interviews sind nicht von ungefähr als Dokumentation dem Museum für Deutsche Geschichte in Bonn übereignet, sie gehören zum Besten deutscher Fernsehgeschichte. Zum Besten, was Günter Gaus zu Papier gebracht hat, gehört gewiß dieses Buch.

DANIEL KOERFER

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.11.2004, Nr. 276 / Seite 9
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