Yara-Colette Lemke Muniz de Faria: Zwischen Fürsorge und Ausgrenzung. Afrodeutsche "Besatzungskinder" im Nachkriegsdeutschland. Metropol Verlag, Berlin 2002. 229 Seiten, 19,- [Euro].
"Zwei kleine Negerlein, die fahren über'n Teich", titelte der "Mannheimer Morgen" am 4. Oktober 1951. Ein Junge und ein Mädchen im Alter von fünf und sechs Jahren waren unter viel journalistischem Getöse und von der Stadt Mannheim mit neuen Mänteln und Teddys beglückt nach Amerika aufgebrochen, um dort bei einer schwarzen Adoptivfamilie einer ungewissen Zukunft entgegenzugehen. Die beiden dunkelhäutigen Kinder waren zwei von insgesamt 4776 "afrodeutschen" Kindern, die während der Besatzungszeit aus Beziehungen zwischen deutschen Frauen und afroamerikanischen Soldaten hervorgegangen waren. Die Autorin kann anhand von Archivalien nachweisen, wie sehr und in welcher Form sich die bundesrepublikanischen Behörden über diese Kinder den Kopf zerbrachen. Warfen die "Besatzungskinder" prinzipiell schon genug juristische und finanzielle Probleme auf, so erst recht die "brown babies", denen aufgrund ihrer angeblichen "Fremdheit" keine glückliche Zukunft in Deutschland prophezeit wurde.
Bezeichnend für die nach wie vor weite Verbreitung von rassistischen Auffassungen in der frühen Bundesrepublik ist nicht nur die große Angst der Wohlmeinenden vor dem ausländerfeindlichen Potential ihrer Mitbürger. Entlarvend ist die Tatsache, daß selbst diejenigen, die sich mit vermeintlich bestem Wissen und Gewissen für die Belange der "Negerkinder" einsetzten, auf rassistische Argumentationsstrukturen zurückgriffen. So bezweifelten deutsche Behörden, daß die Kinder aufgrund ihrer physischen Konstitution den klimatischen Bedingungen in Deutschland gewachsen wären, und gingen wie selbstverständlich davon aus, daß sich ihre "seelische Struktur" gänzlich von der "unserer Kinder" unterscheide. Schon deshalb seien sie im "Land ihrer Väter" besser aufgehoben als in Deutschland. Dabei würden nicht allein die Kinder, sondern auch die Deutschen von einer solchen Lösung nur profitieren, schließlich sei vorprogrammiert, daß die enttäuschten Mischlingskinder Frustrationen in Aggressionen verwandeln und als "Störenfriede" erhebliche Schwierigkeiten bereiten würden. Von den jungen Mädchen wurde zudem eine "sittliche Gefährdung" befürchtet, schließlich seien seriöse Partnerschaften mit Weißen ausgeschlossen, so daß zur Befriedigung sexueller Bedürfnisse der schwarze Körper leicht als temporäre Beute weißer Männer feilgeboten werden könnte.
Weder Lehrer noch Wissenschaftler waren davon frei, Eigenheiten der Kinder mit Hinweis auf ihre "Rasse" zu erklären. Daß selbst die Wissenschaft sich nicht von fragwürdigen Vorannahmen aus der Vergangenheit lösen konnte, belegen vier sozialanthropologische Studien über die afrodeutschen Kinder, die die Kontinuität deutscher Rasseforschung von der Kaiserzeit über den Nationalsozialismus bis in die Nachkriegszeit hervortreten lassen.
Wie wenig die soziokulturellen Umstände der einzelnen Kinder jeweils berücksichtigt wurden, zeigt sich allein daran, daß weder die Kinder selbst noch ihre Mütter bei den Erhebungen zu Wort kamen. Die - vor allem auch psychischen - Belange von Müttern und Kindern scheinen ohnehin keine Rolle gespielt zu haben, was schon deshalb verwundern muß, weil ein Großteil der afrodeutschen Kinder bei ihren Müttern aufwuchs. Dies war dabei keineswegs im Sinne aller: Ganz im Gegenteil wurde manchen Müttern schwer zugesetzt, damit sie ihre Kinder entweder zur Adoption freigaben oder in ein Kinderheim brachten.
Ausführlich informiert die Autorin über die juristischen Tücken einer länderübergreifenden Adoption und die Geschichte des Albert-Schweitzer-Kinderheimes, das den afrodeutschen Kindern eine heile Welt unter ihresgleichen ermöglichen wollte. Sowohl bei der Adoption als auch beim Kinderheim gingen die Initiativen jeweils von Privatpersonen aus, die sich in die vermeintlich gute Sache regelrecht verbissen und für die langsameren Mühlen der Behörden keinerlei Verständnis hatten. So wies das Adoptionsprogramm der afroamerikanischen Offiziersgattin Mabel Grammar eine überdurchschnittlich hohe Vermittlungsquote auf - allerdings um den Preis erheblicher rechtlicher Unsicherheiten.
Welche Folgen es für die Kinder hatte, nach mißlungenen Vermittlungsversuchen von einer zur nächsten Betreuungsperson gestoßen zu werden, schien niemanden zu interessieren. Auch die Finten von Irene Dilloo, der Leiterin des Albert-Schweitzer-Kinderheims, die Vorschläge und Auflagen der Jugendämter zu umgehen, lassen eher auf eine Obsession als auf wirkliches Mitgefühl mit den Kindern schließen, die nach langem Hin und Her wieder auf andere Heime verteilt oder ihren Müttern zurückgegeben wurden.
Darüber hinaus untersucht die Autorin die amtlichen Direktiven und öffentlichen Äußerungen anläßlich der Einschulung und des Berufseinstiegs der ersten afrodeutschen Kinder. Die gut lesbare Studie verzichtet zwar auf eine theoretische Einordnung in die aktuelle Gender-Race-Debatte, bietet aber dennoch erhellende Einsichten in den Zusammenhang von Geschlechter- und Rassediskurs in der deutschen Nachkriegsgesellschaft.
BIRGIT ASCHMANN