04.03.2010 · Das Allensbacher Jahrbuch belohnt den Suchenden mit handfesten Antworten
Der Begriff "Berliner Republik" ist nicht neu, aber jetzt beschreibt er nicht mehr nur Vermutungen oder Beschwörungen, sondern die Lebensumstände und das Lebensgefühl der Deutschen, und zwar mit Zahlen, Zahlen, Zahlen. Das Institut für Demoskopie Allensbach hat den zwölften Band seines Jahrbuchs über die Jahre 2003 bis 2009 "Die Berliner Republik" überschrieben. Der erste Band war 1956 erschienen, herausgegeben von Elisabeth Noelle (ihr ist der neue Band gewidmet) und Erich Peter Neumann, die im Jahre 1947 das Institut am Bodensee gegründet hatten. Als Herausgeberin der Ausgabe "Berliner Republik" zeichnet Renate Köcher, eine Gesellschaftswissenschaftlerin, die mit der Politik wie mit der Wirtschaft gleichermaßen gut vernetzt ist.
Die Zahlen des Jahrbuchs zeigen, dass die Wirklichkeit keine Rücksicht nimmt auf Überheblichkeiten oder Selbstüberschätzungen. Gleich die erste Angabe im Befund über die "Berliner Republik" widerlegt die Mär von der Überlegenheit der Westdeutschen gegenüber den Neubürgern. "Wissen Sie zufällig, wann die Bundesrepublik Deutschland gegründet wurde, in welchem Jahr?", wollte das Institut wissen. Die richtige Antwort - 1949 - konnten nicht einmal die Hälfte der Westdeutschen (49 Prozent), aber fast zwei Drittel der Ostdeutschen (64) Prozent geben, was allerdings im Bundesdurchschnitt den doch recht mickrigen Anteil von 52 Prozent ergibt. Vor allem den jungen Leuten zwischen 16 und 29 Jahren ist das Gründnungsjahr nicht erinnerlich, nur 38 Prozent lagen richtig. Mehr als 59 Prozent wissen aber auch bei denen, die über sechzig Jahre alt sind, nicht Bescheid.
"Kann man als Deutscher stolz darauf sein, wie sich Deutschland in den letzten 60 Jahren entwickelt hat, oder würden Sie das nicht sagen?", schoben die Interviewer nach, ganz im Duktus Elisabeth Noelles, die den Befragten stets von vornherein auch die Möglichkeit nahelegte, die Frage zu verneinen. Diesen Duktus stellt der Tradition gemäß heute die Fragebogenkonferenz in der Giebelstube des alten Bauernhauses in Allensbach sicher. 81 Prozent der Westdeutschen, doch nur 68 Prozent der Ostdeutschen teilen diesen Stolz. Auffallenderweise antworteten jedoch jeweils neun Prozent mit Nein. Zur Unentschiedenheit bekannten sich im Westen zehn Prozent, im Osten aber 23 Prozent - auch noch im Februar 2009, fast zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung, tut sich beinahe ein Viertel der Bewohner der neuen Länder schwer, ein Urteil über seinen neuen Staat zu fällen. Steckt dahinter das Gefühl mangelhafter Kenntnis der Bundesrepublik oder Wehmut über den verlorenen "eigenen Weg", nicht zum Sozialismus, sondern zur Gestaltung eines Staates, sei es für sich allein oder unter Einschluss der westdeutschen Brüder und Schwestern?
Selbstbewusst - ob zu Recht oder zu Unrecht, ist eine andere Frage - holen die Bürger all jene auf den Boden der Tatsachen zurück, die sich gerne als Gestaltungselite besondere Verdienste zurechnen. Nebenbei wird so auch ein Konstrukt der Kommunikationswissenschaft - die sogenannten Meinungsführer - deutlich angekratzt. "Welche (Gruppen und Institutionen) haben Deutschland besonders vorangebracht, welche waren besonders wichtig für die Entwicklung Deutschlands?", lockten die Allensbacher den sprichwörtlichen Mann auf der Straße - ebenso wie die Frau im Garten. Die Politiker kamen noch vergleichsweise gut weg (43 Prozent im Westen, 32 Prozent im Osten). Künstler und Schriftsteller wurden im Westen von 21 Prozent, im Osten aber von 24 Prozent hoch bewertet - ein Nachhall auf ihre jeweilige ortsbezogene Rolle in den vergangenen Jahrzehnten. Noch geringer bewertet wurden nur noch die Parteien (19 Prozent West, 20 Prozent Ost) und Journalisten (14 Prozent West, 11 Prozent Ost). Einer Sensation kommt die Einschätzung der Bedeutung der Kirchen gleich: Lediglich 8 Prozent im Westen und 6 Prozent im Osten gestehen ihnen zu, "Deutschland besonders vorangebracht" zu haben. Sind die Beiträge der Kirchen zur Bürgerbewegung im Osten und damit zur deutschen Einheit sowie zur Fundierung des Sozialstaates im Westen durch die katholische Soziallehre und die evangelische Sozialethik so schnell in Vergessenheit geraten? Die "Berliner Republik" war ihrem Wesen nach schon eine kirchenferne Gemeinde, noch bevor die jüngsten Vorwürfe Bedeutung erlangten.
In ihrem Mittelpunkt sehen sich "die Bürger selbst", sich selbst messen sie den größten Anteil an der gelungenen Gestaltung Deutschlands zu (81 Prozent im Westen, 80 im Osten). Für die Nächstwichtigen halten sie die Unternehmer (76 Prozent West, 65 Prozent Ost), die Wissenschaftler (68 beziehungsweise 66 Prozent) und die Ingenieure (in West und Ost jeweils 63 Prozent). Damit allerdings scheinen auch gewisse methodische Grenzen der Demoskopie auf: Wie könnte der Durchschnitt der 82 Millionen zählenden Bevölkerung sich selbst für weniger wichtig halten als zum Beispiel einige Dutzend deutschen Schriftsteller, die den Leuten wirklich im Gedächtnis haften, oder das Heer der Journalisten, die auch in Alltagsfragen kein hohes Ansehen genießen. Als ob Frau Köcher diese Fragwürdigkeit geahnt hätte, hat sie einen Beitrag mit dem Titel "Ein schwieriger Dialog" über die "Verständigungsprobleme zwischen Experten und Bevölkerung" geschrieben (Seite 496 ff.). Doch da geht es um die Antworten der Bürger zu Aids, Datenschutz, BSE und Geburtenrate - nicht um die Fragen an die Bürger über "die Bürger selbst". Doch außer dieser einen Frage scheint es auf den 914 Seiten für alle anderen eine Antwort zu geben. Man muss nur suchen.
GEORG PAUL HEFTY
Renate Köcher (Hrsg.): Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie 2003-2009, Band 12: "Die Berliner Republik", Berlin, New York und Allensbach am Bodensee 2010, 914 Seiten, 1642 Tabellen, 229,- [Euro].