28.08.2011 · Wir stehen am Anfang einer ganz neuen Geschichte oder am Ende der Welt: Ian Morris legt eine eigenwillige Universalgeschichte vor.
Von Werner LinkDieses dickleibige Buch ist laut Klappentext mit überschwenglichem Lob bedacht worden. Ob sich der geneigte Leser dem anschließen wird? Gewiss, die „große Erzählung“ der gesellschaftlichen Entwicklung in den vergangenen fünfzehntausend Jahren auf fast 600 Seiten (plus Anhang, Anmerkungen und Register) ist schon alleine umfangsmäßig imponierend. Aber für die Lektüre braucht man viel Zeit und einen langen Atem. Und es drängt sich die grundsätzliche Frage auf, ob ein einzelner Wissenschaftler es vermag, die gesamte Menschheitsgeschichte zu vermessen und zu erklären.
Ian Morris, Historiker und Archäologe an der amerikanischen Stanford-Universität, ist davon überzeugt und bekennt sich ausdrücklich zur „interdisziplinären Ein-Autor-Methode“. Seine Vorgehensweise und der Gedankengang seines Buches seien kurz zusammengefasst. Der Autor benutzt drei „Instrumente“: die Biologie („die uns verrät, was Menschen in Wirklichkeit sind: schlaue Schimpansen“), die Soziologie, die Ursachen und Folgen gesellschaftlicher Veränderungen erkläre, und die Wirtschafts- und Sozialgeographie. Die biologischen und soziologischen „Gesetze“, denen die gesellschaftliche Entwicklung unterworfen sei, seien „gleichbleibende Größen, die immer und überall Gültigkeit“ hätten. Sie erklärten die weltweiten Übereinstimmungen, während die Geographie die Erklärung für örtliche Unterschiede liefere.
Gegenübergestellt werden der „Westen“ und der „Osten“. Mit diesem Begriffspaar ist, wohlgemerkt, weder das gemeint, was üblicherweise als Okzident und Orient, Abendland und Morgenland bezeichnet wird, noch die mit dem Begriff Ost-West-Konflikt bezeichnete Gegenüberstellung. Vielmehr identifiziert der Autor in der Frühgeschichte ein westliches und ein östliches „Kerngebiet“ samt ihren Randgebieten. Der Westen entstand als erstes Kerngebiet in der Region des sogenannten Fruchtbaren Halbmondes (Mittlerer und Naher Osten), der Osten als zweites Kerngebiet in Ostasien (China/Japan). Im Laufe der Zeit verschoben und veränderten sich diese Kerngebiete. Das westliche Kerngebiet erweiterte sich in den Mittelmeerraum, nach Europa und nach Nordamerika. Vierzehntausend Jahre lang war der Westen führend.
Dann, in der Mitte des 6. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung, übertraf der Osten mit seiner gesellschaftlichen Entwicklung erstmals den Westen. Im 18. Jahrhundert holte der Westen auf und übernahm schließlich die Führung: Im 19. Jahrhundert verwandelte die industrielle Revolution die westliche Führungsrolle in eine westliche Vorherrschaft, die durch beide Weltkriege gestärkt wurde. Was dann folgte, war - so der Autor - nicht ein Ost-West-Konflikt, sondern ein inner-westlicher Kampf zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion über die westliche Vorherrschaft, der zugunsten Washingtons ausging.
Das 20. Jahrhundert sei zugleich der Gipfel des westlichen Zeitalters und der Beginn seines Endes gewesen. Im 21. Jahrhundert werde sich durch die technologischen Innovationen die gesellschaftliche Entwicklung so rasant steigern, dass sich der Einfluss der natürlichen und sozialen Bedingungen grundlegend änderten und somit gegenüber der bisherigen Geschichte (in der es immer eine „undurchdringliche Entwicklungsdecke“ gegeben habe) eine singuläre Situation entstünde.
In dieser „Singularität“ sieht der Autor die eine mögliche Entwicklung. Die andere sei die „Weltendämmerung“, die dann eintrete, wenn die fünf „akopalyptischen Reiter“ obsiegen - nämlich Klimawandel, Hungersnöte, Staatszerfälle, Wanderbewegungen, Seuchen; vor allem, wenn es nicht gelinge, einen globalen Atomkrieg zu verhindern. In der Entwicklung zur „Singularität“ habe der Westen noch einen erheblichen Vorsprung beim Energieverbrauch, der Technik und der militärischen Macht.
Aber in der zweiten Jahrhunderthälfte werde gemäß der bisherigen geschichtlichen Entwicklungserfahrungen die Vorherrschaft auf den Osten übergehen. Indes, im Falle der Weltendämmerung werde niemand die Welt regieren, weder Ost noch West. Zukunftsentscheidend werde „das Große Rennen zwischen Singularität und Weltendämmerung“ sein. Und jetzt sind es (zum Erstaunen des Lesers!) nicht mehr Entwicklungsindizes und „Gesetze“, sondern „die Weisheit der Staatslenker und politisch-militärischen Strategen“, auf die sich die Hoffnung richtet, dass der Frieden erhalten und „zumindest die Option für die Singularität“ offen bleibt.
Abgesehen von dieser Volte, steht und fällt die skizzierte Argumentation des Autors mit der Schlüssigkeit des Entwicklungsindexes, den er aus vier Merkmalen gebildet und dann gewichtet hat - nämlich Energieausbeute, organisatorische Fähigkeit (gemessen als Grad der Verstädterung), Verarbeitung und Verbreitung von Nachrichten sowie Kriegsführungsfähigkeit. Hier müsste die kritische Auseinandersetzung ansetzen. Im Anhang verteidigt der Autor seine Methode. Aber er räumt ein, dass es sich bei den Indizes um Schätzwerte und eine „rohe Annäherung“ handelt. Fragwürdig sind ferner sein Gesetzesverständnis und theoretische Konstrukte wie sein „Morris-Theorem“ (das hier nicht erörtert werden kann).
Was schließlich die empirischen Belege aus der Geschichte von vierzehn Jahrtausenden anbelangt, so hat der Rezensent weder die Kompetenz noch die Ambition, seinerseits mit einer interdisziplinären Ein-Mann-Methode eine Überprüfung vorzunehmen. Es sei lediglich angemerkt, dass dort, wo der Rezensent aufgrund eigener Forschung kompetent zu sein glaubt, die Große Erzählung holzschnittartig und teilweise irritierend ist. So erstaunt - um nur ein Beispiel zu nennen - die Behauptung des Autors, dass die Sowjetunion 1978 das amerikanische Atomwaffenarsenal überflügelte und das heutige Russland „die größte Atommacht der Welt“ sei. Kurzum, das Buch von Ian Morris bietet Diskussionsstoff en masse - und das ist wahrlich kein geringes Verdienst.
Ian Morris: Wer regiert die Welt? Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden. Campus Verlag, Frankfurt/New York 2011. 656 Seiten, 24,90 Euro.
Wer ist Werner Link?
Kirstin Minge (KirstinMinge)
- 30.08.2011, 19:59 Uhr