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Von Schirachs neue „Stories“ : Scheiblettenkäse im Taucheranzug

Ferdinand von Schirach Bild: dpa

Banale Sätze und Moral von der Stange: Ferdinand von Schirach bewirtschaftet mit seinem Erzählband „Strafe“ menschliche Abgründe und ist immerhin manchmal komisch – unfreiwillig.

          An einem Sonntagabend sieht der Schriftsteller im Fernsehen eine Reportage über Sexpuppen. Noch während die Sendung läuft, schaltet er den Laptop ein und beginnt, eine Kurzgeschichte darüber zu schreiben. Die Hauptfigur nennt er Meyerbeck. Zack, einfach nur mit Nachnamen, möglichst kurz und kalt. Die Puppe kommt per Post. „Zehn Tage nach Lydias Ankunft schläft Meyerbeck zum ersten Mal mit ihr. Drei Wochen später bestellt er für sie über das Internet Kleider, Dessous, Schuhe, Nachthemden und einen Schal. Meyerbeck lernt kochen, um abends nicht ins Restaurant gehen zu müssen, er will bei ihr sein. Oft sieht er sich jetzt Liebesfilme mit ihr an.“

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Dieser Meyerbeck ist echt eine arme Sau. Von seiner Frau plötzlich verlassen, zum Geburtstag eine vorgedruckte Karte von der Sparkasse – da muss man ja depressiv werden und Sexpuppen bestellen. Und dann kommt auch noch ein missgünstiger Nachbar ins Spiel. Sieht Meyerbeck mit seiner Puppe, bricht bei ihm ein und verwüstet alles, schreibt mit Lippenstift auf den Tisch „Perverse Sau“. Ist doch klar, dass Meyerbeck nun die Sicherung durchbrennt. Bestellt sich einen Baseballschläger und schlägt dem Nachbarn die Zähne ein. Der Schriftsteller beschreibt nicht den Vorgang, sondern nur das Ergebnis: Schule der Neuen Sachlichkeit.

          Rache ohne Reue

          Dann kommt Meyerbecks Fall vor Gericht. Ein Sachverständiger darf die Sexpuppenreportage nacherzählen. Und dann sogar noch – es ist ein ungewöhnlicher Anfall von Weichheit des Schriftstellers – frei nach Max Frisch die  Bildnisthematik beim Sichverlieben erklären. „Die kritische Phase beginnt, wenn dieses Bild von der Realität eingeholt wird, wenn wir also erkennen, wer der andere wirklich ist.“ Aua! Der Schriftsteller haut sich selbst auf die Finger. Auf keinen Fall hypotaktische Sätze, hatte er sich doch gesagt. Geht ja gar nicht. Lieber jetzt mal Schluss mit dieser Geschichte, Punkt machen und nächstes Thema. Gibt ja zum Glück so viele Abgründe der menschlichen Seele.

          Also eine Story über Selbststrangulier-Onanisten. „Ist das ein qualvoller Tod?“ – „Nein, es geht sehr schnell.“ Und eine über einen abgehalfterten Anwalt, der am System zweifelt, aber noch eine Chance bekommt. „Früher war Schlesinger ein guter Anwalt gewesen. Er hatte immer geglaubt, er stehe auf der richtigen Seite.“ Mehrere Geschichten über Rache ohne Reue. Und noch eine. Und noch eine. Dem Schriftsteller gehen die Plattitüden nicht aus. Weil das Leben schrecklich banal ist, dürfen seine Sätze es auch sein. Läuft. Ist ja auch schon der dritte Erzählband, nach „Schuld“ und „Verbrechen“ jetzt „Strafe“. Angeblich der letzte Teil einer Trilogie, so heißt es zumindest, um ihn zu bewerben. Aber wenn die Leser wüssten! Da ist noch Stoff für so viel mehr.

          Moral gibt es auch darin, nämlich von der Stange. Vor Gericht kommt nicht immer die Wahrheit heraus. Der Firnis der Zivilisation ist dünn. Strafverteidigung ist ein einsamer Job, aber einer muss ihn machen. Manchmal gibt es keine Erklärung für ein Verbrechen. Manchmal allerdings unfreiwillige Komik bei der Schilderung von Ekel-Tatorten: „Sind solche Dinge wie der Scheiblettenkäse und der Taucheranzug nicht merkwürdig?“ – „So was passiert immer wieder.“

          Der Schriftsteller weiß, dass die Menschen schlecht sind, und vom Schlechtesten geht er immer aus. Wenn ein Paar seit vielen Jahren zusammen ist, muss er deshalb schon dazusagen: „Sie hatten nie aufgehört, miteinander zu sprechen.“

          Der Schriftsteller gibt seit Jahren dieselben Interviews über das Böse im Menschen, raucht dabei Kette und schaut in die Ferne. Erzählt von seinem früheren Leben, in dem er selbst Strafverteidiger war. Fährt für die „Bild“-Zeitung mit dem Auto durch Berlin. „Fahren Sie noch an die Orte des Verbrechens?“ – „Heute nicht mehr.“ Aber: „Ich weiß ein bisschen etwas vom Scheitern des Menschen, von seiner Einsamkeit und seinem Erschrecken über sich selbst. Ich schreibe darüber, weil mir das nah ist.“ Der Leser soll glauben: Dem macht keiner was vor, das Leben ist Mist, und dann stirbt man.

          Damit es auch wirklich der Letzte kapiert, schreibt der Schriftsteller alle paar Seiten Erkenntnissätze in sein Buch. „Die meisten Menschen kennen den gewaltsamen Tod nicht.“ Stimmt. Die meisten sind nur ständig davon umgeben, wenn sie den Fernseher anschalten oder in die Auslage der Bahnhofsbuchhandlung schauen.

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