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Andreas Maiers „Der Ort“ : Die zärtlichste Entfremdung, seit es Heimatromane gibt

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Auch eine Art von Posing: So liegen in diesen Tagen die Rundballen auf den Feldern der Wetterau, Andreas Maiers Heimat und Inspirationsquelle. Bild: Wolfgang Eilmes

Andreas Maier setzt seine erzählerische Chronik der Wetterau fort: Im jüngsten Band „Der Ort“ geht es um erste Liebe in den achtziger Jahren und den besonderen Moment, in dem Posieren beginnt.

          Im Sport ist es verboten. In der Kunst nicht nur erlaubt, sondern längst zum beherrschenden Prinzip geworden: Eigenblutdoping. So nennt Diedrich Diederichsen das, wenn Künstler zur eigenen Biographie greifen, ihr Leben zur Kunst machen und ihrem Werk einen ordentlichen Schuss der eigenen Lebendigkeit verpassen. Der größte Eigenblutdopingfall der deutschen Literatur spielt sich derzeit in der hessischen Wetterau ab. Und der Haupttäter, Andreas Maier, macht aus seiner Praxis kein Geheimnis, sondern zählt seine Titel gleich als Erstes auf: „Der Ort, die Straße, das Haus, das Zimmer, neulich sagte ich mir, du nimmst jetzt alles, deine Heimat, die ganze Wetterau, deine Familie, deine Geschichte zwischen Grabsteinen und Steinbrüchen, setzt dich ins Zimmer deines Onkels und machst daraus dein letztes Werk, das du so lange weiterschreibst, bist du tot bist.“

          So beginnt der vierte Band von Andreas Maiers wagemutigem Großromanprojekt „Ortsumgehung“, von dem es heißt, es sei auf insgesamt elf Bände angelegt, obgleich der Autor seinerseits markiert, sich nur durch den Tod von diesem Werk scheiden zu lassen.

          Dass Maier vom Jahr 2009 auf sein Leben zurückschaut, mag willkürlich erscheinen, folgt aber einer regionalen Logik: Im Herbst des Jahres wurde der Handlungsort Friedberg mit der titelgebenden Ortsumgehung beglückt, ein Mammutprojekt, Kostengigant und ein tiefer Einschnitt in die Physiognomie der ländlichen Region. Vielleicht sollte man darauf wetten, dass die letzten Sätze des Romanzyklus mit der Eröffnung der Straße zusammenfallen. Zumindest schwebt das Straßenprojekt wie ein Damoklesschwert über Maiers Wetterau-Chronik. Schon die Geburt der Umgehungsidee hat der Autor als einen Moment kollektiver Entgeisterung imaginiert. Jetzt beschwört „Der Ort“ einen Schockmoment herauf, als der Protagonist, einer fixen Idee folgend, gezielt auf ein fahrendes Auto zuläuft. Kurz stockt einem der Atem, bevor man unwillkürlich in der Rolle des innerstädtischen Verkehrsberuhigers ausstößt: „Es braucht eine Ortsumgehung.“

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          Um was geht es sonst in dem Roman? Um Pubertät, erste Liebe, Provinz, um das Sittenbild der frühen achtziger Jahre und den Beginn der Ära Helmut Kohl, die mit einem Festzeltbesuch eingeläutet wird. Vor allem aber geht es um ein zentrales Problem, das aufgetreten ist, seit das Leben des Künstlers zum Kunstwerk, die Biographie des Politikers zum Teil seiner Politik, die Privatsphäre des Managers zur Ingredienz seiner Strategie geworden ist, seit Eigenblutdoping zur kulturellen Technik geworden ist: Wenn man sich etwa wie Maier autobiographisch am eigenen Leib und Leben bedient, was zapft man eigentlich an, da das Leben vor lauter Selbstdarstellungszwang längst zum Authentizitätsspiel und zur Pose geworden ist. Maier gesteht: „Bis zum heutigen Tag und bis zu diesem Wort, das ich eben schreibe, weiß ich nicht, ob das alles Pose ist oder ob das alles ich bin.“

          Chronist des Ländlichen: Andreas Maier
          Chronist des Ländlichen: Andreas Maier : Bild: Frank Röth

          Die Frage nach der Pose, als Ermächtigung seiner selbst einerseits, als Bedrohung des Wesenskerns andererseits, treibt den Erzähler nicht nur punktuell um. Aus dieser Frage entfaltet sich der gesamte Roman. Denn die Erinnerung sucht gezielt nach jenen Lebensmomenten, in denen das Posen ins Leben trat. Mit siebzehn, so erinnert sich der Erzähler, ist das Gefühl, das eigene Leben nur zu spielen, bereits komplett ausgereift. Von dieser Zeit berichten die eindrücklichen dreißig Seiten der Rahmenerzählung. Damals übt Andreas seine Posen anhand seiner Dostojewskij-, Hesse-, und Thomas-Mann-Lektüren ein. Das Nachäffen kanonischer Bildungsvehikel wird zum Alleinstellungsmerkmal. Noch in den eigenen vier Wänden spielt er sich selbst als einen anderen. Oder er streift, als verwilderter Melancholiker, verkleidet im Dostojewskij-Mäntelchen durch die Friedberger Straßen, um die Erinnerungsorte abzulaufen, die ihn an seine erste Liebe mit der Tochter des Buchhändlers erinnern. Zwei Jahre zuvor hatte er sich von ihr getrennt. Gefangen in seiner Gedankenwelt, entfremdet von seiner Gegenwart, inszeniert sich der Siebzehnjährige als Mnemotechniker, der seine Erinnerungen an affektbeladenen Orten ablegt, um sie beim Spaziergang wieder abzurufen: ein tägliches Stahlbad erinnerter Gefühle, das den Panzer des extravaganten Künstlers in spe undurchdringlich machen soll.

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