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Mittwoch, 15. Februar 2012
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Rezension Über allen Gipfeln nie eine Ruh'

06.08.2004 ·  Der Orgasmus als Thema ist unerschöpflich - aber auch ermüdend. Ein neues Buch versucht, das „Höchste der Gefühle“ zu beschreiben: Nach der Lektüre ist man informiert, aber doch nach wenigen Seiten tief deprimiert.

Von Eberhard Rathgeb
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Entweder Beine oder Töne. Der Jazz-Liebhaber soll, so steht es in dem Buch von Rolf Degen über den Orgasmus, ein feuriger Liebhaber des sexuellen Aktes sein. Aber auch der Läufer, heute Jogger genannt, wird durch das Rennen durch Wald und Flur sexuell stimuliert. Entweder also man rennt, damit man zum Höhepunkt gelangt. Oder, wenn man dafür zu träge ist, man hört Jazz, damit einem der Höhepunkt naherückt.

Der Orgasmus als Thema ist unerschöpflich, wie zum Beispiel nur ein kurzer Blick in die Buchhandlungen und Lebensfreuderegale beweist. Aber auch ermüdend, und dieses Gefühl kennt doch jeder, der mal einen Orgasmus hatte. Auch daß sich über den Augenblick der koitalen Gedankenferne keine Ruhe einstellen möchte, führt zur seelischen Schlappheit. Der Sex begegnet einem ja heute allerorten bis zum Überdruß.

Orgasmusfähige Affen

Aus dem Tierreich kommt frischer Wind in die Schlafzimmer der Orgasmusorganisierten. Wir erfahren aus Degens Buch, was wir nicht wußten: daß das afrikanische Büffel-Webervogelmännchen stolzer Besitzer eines Piepmatzes ist: wir gratulieren - anders als die meisten anderen Vogelarten, die nur ihre Popos aneinanderreiben. Daß die meisten Tiere gar keinen Orgasmus kennen und in ihrem trüben Leben auch nicht kennenlernen werden - und also Degens Buch nicht werden lesen wollen, ausgenommen die orgasmusfähigen Affen: Diese Lesefrucht reichen wir hier gerne weiter.

Selbstredend untersucht Degen auch die Unterschiede zwischen männlichem und weiblichem Orgasmus (ohne sich dabei in Details zu verlieren, was sagt er dabei, was sie, lieber schweigen oder nur schauen): Häufigkeit, Intensität, Warum und Wieso, präkoitale und postkoitale Zustände.

Schale Ursuppe

Insgesamt fühlten wir uns nach der Lektüre informiert, aber doch nach wenigen Seiten tief deprimiert. Nicht, weil wir nicht den Genuß kennen würden, in den das Büffel-Webervogelmännchen kommt. Sondern weil die Ursuppe kalt und schal ist. Liegt's an uns? Zu alt? Frigide? Uns packte also die abrupte Entglückung, mit der ja auch Mann und Frau nach dem Höhepunkt jedes Mal fertig werden müssen: indem sie oder/und er eine Fluppe rauchen, ins Dösen fallen, ein Bierchen holen, den Kühlschrank ausräumen, Licht an oder Licht aus und so weiter.

Wir bestätigen deshalb notgedrungen die Einsicht des Autors, daß die "unangenehmen Gefühle im Leben ohnehin die Oberhand haben". Unangenehme Gefühle sollen den Menschen, schreibt Degen, dazu aufrufen, endlich einmal einzugreifen, endlich einmal etwas Gefährliches oder Schädliches abzuwenden. Das hieße auf dem Felde der Orgasmusehre zu weit gehen. Eine lustvolle Empfindung trägt uns leider nicht und läßt uns leider auch nicht zufrieden "zurücklehnen".

Unsere evolutionäre Vorgeschichte

Als Leser des "Höchsten der Gefühle" werden wir ganz im Sinne des Autors, der die Liebhaber im Taumel der Lust vom Tiger bedroht sieht, an unsere evolutionäre Vorgeschichte erinnert: "Die Kreaturen, die damals Gefahren rasch erkannten und mit Nachdruck auf sie reagierten, hatten einen Überlebensvorteil und konnten mehr Nachkommen produzieren." Kein Leser wird nach der Lektüre des Orgasmus-Buches mehr Nachkommen in die Welt setzen als vor der Lektüre. Mann und Frau wissen, wie es geht und was sie davor, dabei, danach erwartet.

Auch einen Überlebensvorteil im rüden sexuellen Alltagskampf - wer kriegt die Schönste, wer den Besten ab, und das wird immer schlimmer - können wir aus dem Buch nicht ziehen, das rundum dem Orgasmus und den diversen Theorien, warum Frauen und weshalb Männer so und nicht andersherum, für den unerfahrenen Laien genügend Platz einräumt.

Tja, wenn aber eines Tages alles zu Ende ist und der "Sex-Appeal schwindet" - was dann? Dann, wenn die Liebhaber ausbleiben und andere Seitensprünge in die Ekstase nicht offenstehen, dann winkt das Grauen: der "entsexte Mensch", und dann bleibt nur die Flucht in eine "der großen Weltreligionen", unter deren warmen Fittichen die Lust "verteufelt" wird. Armer Orgasmus. Glückliches Büffel-Webervogelmännchen.

Rolf Degen: "Vom Höchsten der Gefühle". Wie der Mensch zum Orgasmus kommt. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2004. 303 S., geb., 19,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.08.2004, Nr. 181 / Seite 41
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