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Rezension: Sachbuch : Zur Abstraktion gehört Glaubensmut

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Das Gewissen regt sich: Arnold Angenendts Geschichte der religiösen Aufklärung im Mittelalter

          "Mitten im Leben" - das war die Losung, unter der die christliche Partei Deutschlands die Macht im Staate möglichst rasch wieder zu erobern gedachte, bevor sie der abgründigen Doppelbödigkeit dieser Parole ansichtig wurde. Was die Behauptung des lebensnahen Engagements sein sollte, erwies sich als triste Ortsbeschreibung: Es offenbarte sich, daß die Partei der Christen ganz von dieser Welt ist, auch dort mitten im Leben steht, wo es ganz finster ist. Es ist die Spannung des Christentums, seit es existiert: in dieser Welt zu leben und doch nicht von dieser Welt zu sein; diese Welt entschieden zu gestalten und doch von einer anderen und auf eine andere zuzuleben. Alle bedeutsamen Auseinandersetzungen der Kirchengeschichte, von der Frage: "Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuern zu bezahlen?" bis zum Kampf um die Schwangerschaftskonfliktberatung, sind Variationen dieser Dialektik. Sowenig wie es ein "reines" und also gutes Christentum ohne "Welt" gibt, so wenig kann es nach der christlichen Überzeugung von der Inkarnation des Göttlichen in die Welt eine reine, besser: eine rein böse Welt geben.

          Das europäische Mittelalter sieht aus wie eine vollkommene Symbiose aus Kirche und Welt. Nie war weniger unterscheidbar, was (und wer) zu welchem Bereich gehört. Die Kaiser sind gesalbte vicarii Christi und die Bischöfe wiederum Fürsten und Wahlmänner. Das gesamte Leben, vom Ackerbau, der ohne Segnung und Prozession nicht denkbar ist, über die Gerichtsbarkeit bis zu Politik und Kultur, ist religiös motiviert und imprägniert wie zu keiner anderen Zeit. Hier ist die Gestalt einer Religion zu besichtigen, die ganz Welt geworden ist - und die Gestalt einer Welt, die anders als religiös nicht verstanden werden kann.

          Da das Christentum im Mittelalter ganz Welt geworden ist, hat es hier nicht nur seine größten Triumphe, sondern auch seine tiefsten Sündenfälle erlebt. So ist das Mittelalter nicht nur die geheime Sehnsuchtsepoche aller Integralisten, es ist auch die sich nie abnutzende Referenzgröße aller Kirchengegner, das immer noch die Munition liefert für Auseinandersetzungen der Gegenwart. "Mittelalterlich" ist in weiten Kreisen keine Epochenbeschreibung, sondern noch immer ein emotionalisierendes Attribut, das alles Finstere, Unaufgeklärte und politisch Inkorrekte umfaßt.

          Das hat Arnold Angenendt schon immer geärgert. Der katholische Kirchenhistoriker, der als akademischer Lehrer in Bochum und Münster einer der prominentesten Vertreter seines Fachs geworden ist, hat ein Gelehrtenleben lang an dem Werk gearbeitet, das nun in zweiter, überarbeiteter Auflage vorliegt. Fast tausend Seiten erzählen von einer heute doppelt fremd gewordenen Welt - von der Welt des Mittelalters und der der quasi totalen Religiosität. Es ist diese doppelte Fremdheit, die das Buch auf jeder Seite zu einer spannenden, oft staunenerregenden Lektüre macht. So erfahren wir von der Praxis des "Totbetens" von Feinden ("Seine Tage sollen weniger werden"). Wir lesen von den Seelen der Bösen als "schmutzigen Mohren", von Hostien, die als Medizin unter das Viehfutter gemischt werden, wir hören von Teufeln, die durch alle Ritzen des Hauses und durch Speisen in den Körper eindringen, von Nonnen, die sich mit glühendem Holz gegen sinnliche Gelüste zu immunisieren versuchen. Wir erfahren aber auch von den intellektuellen Höchstleistungen der Theologie, von selbstlosen Heiligen, sozialen Organisatoren, unermüdlichen Reformen, ekstatischen Mystikern. Wir werden zu Zeugen der spannenden Geschichte der Veränderung des Gottesbildes, des Taufritus, des Bildungswesens, Zeugen auch der Entdeckung und Entwicklung des Individuums, in der Ehe, in der Beichte, im Gebet.

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