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Rezension: Sachbuch : Zu Besuch bei Onkel Adolf

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Hans-Georg Behrs Autobiographie seiner Kindheit kommt nur auf den ersten Anblick einfach daher. Sie steckt voller literarischer Kunstgriffe. Natürlich hat die Simplex-Perspektive ein großes Vorbild. Die Ereignisse einer pathetischen Zeit gewinnen in der unpathetischen Begriffsstutzigkeit des Kindes erst ihren wahren Schrecken.

          Hans-Georg Behrs Autobiographie seiner Kindheit kommt nur auf den ersten Anblick einfach daher. Sie steckt voller literarischer Kunstgriffe. Natürlich hat die Simplex-Perspektive ein großes Vorbild. Die Ereignisse einer pathetischen Zeit gewinnen in der unpathetischen Begriffsstutzigkeit des Kindes erst ihren wahren Schrecken. Das Kind schlägt die Augen auf und sieht, ohne zu verstehen. Ein Bombenangriff in Berlin: Es kracht, "und dann war alles finster und irgend etwas schlug das Kind. Danach, wann danach, wußte es nicht, sah alles ganz anders aus, auch das Mädchen, das aus Mund und Ohren blutete. Das Kind war zornig und schlug das Mädchen, weil es die Kette nicht bezahlen wollte, aber das Mädchen wehrte sich nicht, und sein Kopf flog hin und her." Ein Angriff von Lightnings, Tieffliegern: "Er hatte in der Schule gelernt, daß man sich dann schnell hinlegen sollte. Schnell legte man sich also in den Wassergraben, das Zischen war ein fürchterlicher Lärm, und man hörte Pfeifen, Krachen und Platschen, ganz, ganz nahe, aber man konnte sich nicht die Ohren zuhalten und spuckte das Wasser aus, das in den Mund gekommen war." Die Seiten, auf denen das Kind erzählt, wie statt des erwarteten Fluchtwagens die ersten Russenpanzer das Gut der Mutter erreichen, werden zum beklemmenden (und meisterhaften) Höhepunkt solch simplizianischer, ornamentloser Fassungslosigkeit. "Der Junge wußte nicht, was er denken sollte" - keine wortreiche Panik auch, nicht einmal ein Zeichen der Empfindung, als man den toten Bruder findet, der den Panzern in HJ-Uniform und mit einem Luftdruckgewehr entgegengelaufen war und überrollt wurde. Auf dem Lastwagen dann: "Mutter und der Junge saßen auf Kisten links und rechts von Stefan, der aus dem Sack tropfte." Die Folgen zeigen sich erst später und wie nebenbei: Der Junge ist zum Stotterer geworden.

          Andere Vorteile hat der simplizianische Blick, wenn er unmittelbar die Großen der Zeit ins Visier nimmt. Die familiäre Höhenlage des Kindes gibt dazu immer wieder Gelegenheit. So ist Berlin voller denkwürdiger Onkels. "Da war der noch ziemlich junge Onkel Albert mit dem imponierenden Ledermantel, der etwas kleinere Onkel Josef, an dem die ungleichen Schuhe so faszinierten, Onkel Baldi mit seiner imponierenden Marineuniform und Onkel Ernst aus Linz mit den vielen Narben im Gesicht, die angeblich aus seiner Studentenzeit stammten, aber in Wahrheit von einem Autounfall." Zum Tee bei Tante Magda werden Mutter und Kind von Onkel Josefs Chauffeur abgeholt; die Goebbels-Töchter spielen mit ihm das Onkel-Doktor-Spiel. Selbst ein Empfang beim "Führer" kommt vor; haften bleibt eine Uniform und der Wind. "Der Führer hatte die hellste an, aber er sah anders aus. Das Beeindruckendste aber war eine Art Wind, der plötzlich durch die Halle wehte, eigentlich ein Lüftchen, aber es roch" - und hier hilft der Erzähler nach - "nach Parfum, Fisch, Leder, Schweiß, Urin und sehr weiblichen Gerüchen, auch aus dem Nachmittagskleid der Mutter pustete eine Wolke Chanel." Als Hitler haltmacht, bringt sich das Kind hinter der Mutter in Sicherheit, da es das Kinnkraulen und Backenkneifen kennt und fürchtet - "wenn schon die anderen Onkels ... wie dann erst ER ..."

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