http://www.faz.net/-gqz-6qayb

Rezension: Sachbuch : Zeitreise mit der Kamera

  • Aktualisiert am

August Sanders Köln-Bilder

          Das ,Antlitz der Zeit", heute ein Klassiker der Fotoliteratur, erschien 1929. August Sander, der bedeutendste deutsche Porträtfotograf in diesem Jahrhundert, konnte sein umfangreiches Porträtvorhaben hier nur mit sechzig Aufnahmen beginnen. Die ,Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts", auf wenigstens 46 Mappen zu je zwölf Aufnahmen angelegt, sollten eine neusachliche Fotosoziologie entwerfen, nach Sanders Vorstellung ,den Weg vom erdgebundenen Menschen bis hin zur höchsten Spitze der Kultur in den feinsten Gliederungen abwärts bis zum Idioten". Alfred Döblin betonte im Vorwort zum ,Antlitz der Zeit", wie der Tod und die Gesellschaft die Gesichter verflachen und immer ähnlicher werden lassen. Kurt Tucholsky sprach in einer Rezension aus dem Jahre 1930 von fotografierten Typen, ,von Menschen, die so sehr ihre Klasse, ihren Stand, ihre Kaste repräsentieren, daß das Individuum für die Gruppe genommen werden darf".

          Für den Fotorestaurator Jean-Luc Differdange im Kölner August Sander-Archiv sind das ,Bauernpaar aus dem Westerwald", die ,Monschauer Kleinstadtbürger" und die Bildnisse von Boxern, Industriellen und Philosophen, die sich über seinem Arbeitsplatz zu einem unkonventionellen Porträt-Puzzle aus der Weimarer Zeit gruppieren, wichtige Muster für die gültige Abzugsqualität im Sinne ,letzter Hand". Sanders Nachlaß, den Differdange bearbeitet, umfaßt allein mehr als elftausend Glasplattennegative. Die Abschnitte, nur wenige Zentimeter groß, erfordern oft viele Stunden Retuschierung und Restaurierung mit Klinge, Bleistift und Tusche. Zu dieser Arbeit gehören auch Sanders Fingerabdrücke auf den Glasplatten. Der Fotograf arbeitete mit dem Ziel höchster Perfektion bisweilen direkt am Negativ-Korpus. Nicht nur um die Beseitigung von Schadhaftem ging es dem bodenständigen Handwerker Sander, dem ,Mätzchen, Posen und Effekte" ein Greuel waren. Vielmehr sollten diese Materialattacken auch störende Eindrücke der Zeitgeschichte entfernen. Hinter der grauen Wolkigkeit mancher Wand darf in Arbeiten aus den dreißiger Jahren das eine oder andere Führerbildnis vermutet werden. Auch ist es wohl nicht zufällig, daß manch fotografischer Blick ins Rheintal auf Ausflugsschiffe traf, deren Hakenkreuzflaggen im entscheidenden Augenblick gänzlich um den Mast gewickelt waren.

          Die Archivarbeit umfaßt auch die Bearbeitung von Korrespondenzen, Dokumenten und sechs Radiovorträgen Sanders aus dem Jahre 1931. Gerade der schriftliche Nachlaß war bei der Edition des ersten Bandes der ,August Sander Werkausgabe", der jetzt vom Sander-Archiv in Zusammenarbeit mit dem Kölnischen Stadtmuseum veröffentlicht wurde, äußerst hilfreich.

          Der Fotoband ,Köln, wie es war" knüpft an Sanders grundsätzlichem Konzept an: Menschen, wie sie sind - Köln, wie es war. Der Band ordnet das Bildmaterial aus dem Besitz des Kölnischen Stadtmuseums neu und enthält 392 seitenfüllende Fotografien. Das entspricht dem Typologisierungssystem Sanders, alles gleichbedeutend, gleichberechtigt und daher in gleicher Größe nebeneinander zu präsentieren. Sander hat auch im Zusammenhang mit der von Menschen geprägten Kulturlandschaft, der er sich nicht nur im Rheinland und in benachbarten Regionen gewidmet hat, sondern 1927 auch in Sardinien, vom ,physiognomischen Zeitbild einer Nation" gesprochen.

          Weitere Themen

          Stillleben gibt es nicht

          Kiarostamis Vermächtnis : Stillleben gibt es nicht

          In „24 Frames“ zeigt Abbas Kiarostami, wie Wahrheit zwischen den Bildern hindurchfallen kann. Der Meisterregisseur starb im Sommer 2016. Ein würdigeres letztes Werk hätte er nicht schaffen können. Bei Arte ist es nun zu sehen.

          Topmeldungen

          Nach den Kongresswahlen : Die Politik der lahmen Enten

          „Lame Duck Session“ heißt es in Amerika, wenn eine Partei vor Beginn der neuen Legislaturperiode noch schnell versucht, ihre politischen Projekte zu retten. Die Republikaner versuchen das nun in mehreren Staaten.

          Diesel-Fahrverbote : Städte gegen Video-Kontrollen

          Das geplante Gesetz zur Video-Überwachung von Diesel-Fahrverbotszonen erntet Kritik von den betroffenen Städten. Verkehrsminister Scheuer geht seinerseits in die Offensive: Er will die Positionen von Messstationen überprüfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.