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Rezension: Sachbuch Wunderbar ist es, als Mensch unter Menschen zu leben

 ·  Die literarische Tradition legt uns nahe, daß es selbst den Dichtern die Rede verschlägt, wenn sie die grünen Stätten ihrer verlorenen Jugend nach fünfzig Jahren wiedersehen. Czeslaw Milosz fügt sich dieser Tradition gerne und mit geradezu raffiniertem Wohlgefallen. Auch er ist heimgekehrt und wählt, ...

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Die literarische Tradition legt uns nahe, daß es selbst den Dichtern die Rede verschlägt, wenn sie die grünen Stätten ihrer verlorenen Jugend nach fünfzig Jahren wiedersehen. Czeslaw Milosz fügt sich dieser Tradition gerne und mit geradezu raffiniertem Wohlgefallen. Auch er ist heimgekehrt und wählt, als "Ersatz" für Bericht, Roman oder Tagebuch, die minimalistische Form eines Abc oder einer Lebensfibel, in der Erlebnisse, Begegnungen, Menschen,Vorbilder und Widersacher in Stichworten "schlaglichtartig" auftauchen - ein "Mosaik" der Gleichzeitigkeit, das einzig den Anspruch erheben darf, widersprüchliche Lebenserfahrung zu repräsentieren. Einfach war diese wirklich nicht: Kindheit im polnisch-litauischen Grenzgebiet; Studien in Wilna und Illegalität in Warschau (unter der deutschen Okkupation); Diplomat im Dienst der polnischen kommunistischen Regierung in New York und Washington; Flüchtling und Emigrant, nach dem Absprung, in Paris; Universitätsprofessor in Kalifornien; Nobelpreisträger (1980); grand old man der polnischen Literatur, viel gescholten und viel gerühmt, aber immer "Glück gehabt" und auf festen Füßen gelandet.

Für eine ganze Lesergeneration zählt Milosz zu jenen mutigen Intellektuellen der einstigen Linken, welche die Manipulationen der stalinistischen Diktatur in Moskau und anderswo in den frühen Fünfzigern erkannten (als nüchterner Antistalinismus noch als Faschismus galt). Sein Buch über das "Verführte Denken" ist politisches Grundbuch der Epoche, zugleich mit den Werken von Arthur Koestler, George Orwell und Sidney Hook, die alle recht behielten - Kalter Krieg oder nicht.

Welche Sprache war es denn, die es ihm verschlug, als er seine Kindheitsszenerie wiedersah, über die der Krieg, die Fronten und die Massendeportationen der einen und der anderen hinweggegangen waren? Es war seine besondere polnische Sprache, die ihn seine sorgsam eifrige Mutter auf dem Gut von Szetejnie "im Schatten der Fliederbüsche" lehrte, "das Haus", wie er sagt, in dem er später "durch die Welt zog". Das philologisch genaue Abc bezeugt deutlich, wie sich in dieser Sprache, ohne jeden Nationalismus, Intimität und Distanz vermischten. Auf den Gütern stieß das Polnische an das Litauische, in Wilna verwahrte die Umgangssprache vieles aus dem Jiddischen, und die wenigen Jahre in Warschau waren die einzigen, in denen Milosz noch ganz im Polnischen lebte, dann nie mehr. Er nennt das "eine verzwickte Situation", und sie wird nicht weniger kompliziert, wenn er uns erklärt, ihm fehlten eigentlich alle patriotischen Gefühle für Weihnachtslieder, Volkstänze und Folkloristisches oder gar Chopin. Im Grunde ist das Polnische für ihn eine private Angelegenheit der Selbstverwirklichung, denn er ist "außerhalb des ethnischen Polen aufgewachsen". Vergleiche hinken, auch dieser, aber Franz Kafka hätte ähnliches behaupten können.

Ein Abc sollte eine einfache Sache sein, aber nicht in diesem Fall, denn die polnische Originalausgabe hat zwei Bände. Der Verlag hat die deutsche Edition, unter Mitwirkung des Autors, auf einen Band konzentriert. Noch eine verzwickte Situation? Aus der deutschen Ausgabe sind viele Mitschüler, femmes fatales und Lehrer verschwunden, und sie stellt uns den weltkundigen Kosmopoliten eher als den Provinzler aus einer polnisch-litauischen Ecke vor, der immer noch ein wenig daran leidet, aus einer grundbesitzenden Familie zu stammen. Das öffnet ihm den Blick für bedeutendere Kulturzusammenhänge, so die dominante Präsenz des Französischen in Osteuropa, die bis in die dreißiger Jahre dauerte: "Im Jahre 1938 begann man in Warschau Englisch zu lernen", das wiegt ganze Bände soziologischer Analysen auf.

Als Zeitzeuge zeigt Milosz höfliche Versöhnungsbereitschaft, allerdings mit einer bedeutenden, konsequenten Ausnahme: den französischen Intellektuellen der Jahrhundertmitte, die ihn als antikommunistischen "Sonderling" ignorierten und gemeinsam mit Sartre Camus attackierten. Simone de Beauvoir, die sich Sartre anschloß, nennt er in einem seltenen Zornesausbruch "ein dummes Weib". Allerdings kommt auch die spätere Generation der Pariser Intellektuellen nicht gut weg: Ihre Sprache ist aufgebauscht und unverständlich, das kulturelle Interesse hat sich von Paris nach New York verschoben, und die Dekonstruktionisten haben nichts zu lachen. In seinem deutschen Abc wird Milosz als Kritiker sichtbar, der sich nicht scheut, sich mit den Großen der Weltliteratur anzulegen; und obwohl er sich zur Rationalität bekennt, hat er auch den Mut, einzugestehen, aus Simone Weils und Lew Schestows mystischen Texten gelernt zu haben (daher sein spekulatives Interesse an biblischen Motiven). Wenig Natur und viele Bücher: Hügel, Linden und Eichenbäume bilden eine nostalgische Szene, und ich darf ihm nicht verargen, daß er nicht lange bei dem entsetzlichen Stichwort "Ponary" verweilt, weil die SS-Einsatzgruppen gerade an diesem beliebten Ausflugsort der jungen Poeten 120 000 Menschen massakrierten.

Also Literatur und Philosophie: Schopenhauer, zu dem er in einem produktiven Mangel an Konsequenz in verschiedenen Lebensmomenten zurückkehrte; Rimbaud, der Urvater aller Jugendrevolten, auch der von 68; Robert Frost, der den rustikalen Amerikaner immer nur vortäuscht, und Robinson Jeffers, der wahrhaftig ins Elementare fliehen will und sich sein Haus auf einer Klippe Kaliforniens erbaut. Dostojewski, der "große Prognostiker", ist auch "ein gefährlicher Lehrer"; und wenn ihn Bachtin als Erfinder des modernen polyphonen Romans rühmt, hört Milosz hinter den vielen Stimmen vor allem die eines "fanatischen Eiferers". Der einundneunzigjährige Milosz denkt nicht daran, zu resignieren, provoziert durch seine kritische Wißbegierde und bekennt sich (obwohl er die Grenzen seines sanften Optimismus am eigenen Leibe erfahren hat) unermüdlich dazu, wie "wunderbar es ist, als Mensch unter Menschen zu leben". Hoch an der Zeit, daß uns einer dieses Abc unserer Erdentage ins Gedächtnis zurückruft.

Czeslaw Milosz: "Mein ABC". Von Adam und Eva bis Zentrum und Peripherie. Aus dem Polnischen übersetzt von Doreen Daume. Hanser Verlag, München und Wien 2002. 180 S., geb., 15,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.07.2002, Nr. 172 / Seite 46
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