23.09.2002 · Eine Handvoll Geschichten, die mit dem Tod zu tun haben, mit schönen Frauen und mit reichlich Alkohol, sowie sein Lehrsatz für Fotografen, daß ihre Aufnahmen immer dann nichts taugten, wenn sie nicht nahe genug am Motiv gewesen seien, haben ausgereicht, den Bildreporter Robert Capa zum Prototypen dieses Berufs zu machen.
Eine Handvoll Geschichten, die mit dem Tod zu tun haben, mit schönen Frauen und mit reichlich Alkohol, sowie sein Lehrsatz für Fotografen, daß ihre Aufnahmen immer dann nichts taugten, wenn sie nicht nahe genug am Motiv gewesen seien, haben ausgereicht, den Bildreporter Robert Capa zum Prototypen dieses Berufs zu machen. In seiner Figur bilden Zynismus, menschliches Engagement und unbeherrschtes Draufgängertum eine eigentümliche Allianz. Daß Capa ums Leben kam, während er eine Gruppe französischer Soldaten im Indochina-Krieg begleitete, hat der Legendenbildung nicht geschadet. Am 25. Mai 1955 trat er auf eine Landmine der Vietminh. Capa war damals einundvierzig Jahre alt.
Was angesichts der plakativen Verknappung seines Charakters augenfällig in den Hintergrund trat, sind seine Fotografien. Es ist kaum ein Dutzend Motive, das wieder und wieder gezeigt wird - darunter der sterbende Milizionär im Kampf während des spanischen Bürgerkriegs, die weinenden Mütter bei einem Begräbnis in Neapel während des Zweiten Weltkriegs und die Landung der Alliierten an der Küste der Normandie, zudem Szenen eines Jagdausflugs mit Hemingway und der Besuch bei Picasso an der französischen Riviera: Ikonen allesamt, aber herausgerissen aus dem Anspruch, Geschichten zu erzählen, in denen Geschichte sich verdichtet.
Diesen Mangel behebt das Buch "Robert Capa - Die Sammlung". Zwei Jahre lang sichteten Richard Whelan, der Biograph Robert Capas, und Cornell Capa, sein Bruder, die etwa siebzigtausend Bilder des Gesamtwerks. Knapp tausend Aufnahmen wählten sie für diesen Maßstäbe setzenden Bildband aus. Ohne zu zögern, darf man ihn ein Standardwerk nennen.
Chronologisch sortiert und auf den Seiten ausgebreitet nach dem Layout-Muster einer Illustrierten, unterläuft die Präsentation den Kunstanspruch, der heute oft und gern auch an die Reportagefotografie gestellt wird. Statt dessen blättert man durch das Album eines Fotografenlebens, in dem kein Mangel herrschte an Begegnungen mit dem Horror und an Freundschaften mit der Prominenz - und über dem immer ein Hauch von Melancholie zu liegen schien.
Fern des Hasardeurs, der sich selbst erfand, der 1913 in Ungarn als Endre Friedman zur Welt kam und sich in den dreißiger Jahren in Paris mit der ausgedachten Lebensgeschichte des Amerikaners Robert Capa - dem ungarischen Wort für "Hai" - in die erste Reihe der Fotoreporter drängte, vermittelt die Auswahl dieses Buchs das Bild eines Verlorenen, eines Suchenden. Nicht um des optischen Effekts willen, so bginnt man zu glauben, drückte Capa den Leidenden der Kriege und Nöte auf vier Kontinenten die Kamera ins Gesicht, sondern um ebendiese Fotos den Lesern der Hochglanzmagazine buchstäblich um die Augen zu hauen. Statt Beispiele für überdrehtes Heldentum finden sich in dem Buch Dokumente der Hoffnung auf eine ruhigere, bessere Zeit. Capa bangt mit den Passanten beim Fliegerangriff und spürt die Spannung der Zuschauer bei einem Radrennen. Es ist die Frage nach dem Wohin, die ihn beschäftigt und für die er immer wieder neue Metaphern findet, nicht zuletzt in vielen Kinderbildern - nie jedoch eine Antwort. Unsere Abbildung zeigt Robert Capa und den amerikanischen Schriftsteller John Steinbeck in in Moskau; 1947 reisten die beiden für das gemeinsame Buch "A Russian Journal" durch die Sowjetunion. ("Robert Capa - Die Sammlung". Mit einem Vorwort von Richard Whelan. Phaidon Verlag, Berlin 2001. 572 S., 961 Abb., geb., 75,- [Euro]).
FREDDY LANGER