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Rezension: Sachbuch : Wiederkehr mit Anemone

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Ursula El-Akramy geht mit Elisabeth Langgässer ins Gericht

          Die Lebensgeschichte der christlichen Dichterin Elisabeth Langgässer ist für heutige Leser ein besonders irritierendes Stück unverdaulicher Vergangenheit. Langgässers Vater war getaufter Jude, und so galt sie in der Hitlerzeit als Halbjüdin; ihre uneheliche Tochter Cordelia wurde als Volljüdin eingestuft. Elisabeth Langgässer heiratete im Jahre 1935 einen Arier, kurz bevor die Rassengesetze in Kraft traten. Mit ihm hatte sie drei Töchter, die nicht bedroht waren. Sie war daher im Dritten Reich dem Dilemma ausgesetzt, zwischen Cordelia und dem Rest der Familie wählen zu müssen. Nach vergeblichen Versuchen, ihr ältestes Kind zu retten, sah sie zusammen mit ihrem Mann zu, wie die Vierzehnjährige allein nach Theresienstadt verschickt wurde, und gab sich der müßigen Hoffnung hin, daß dies alles nicht so schlimm sei.

          Zäh, aber vergebens bemühte sie sich, ihren Beruf als Schriftstellerin - sie war durch ihr Frühwerk schon einigermaßen bekannt geworden - weiterhin ausüben zu dürfen. Da sie gezwungen war, als "innere Emigrantin" für die Schublade zu schreiben, konnte sie direkt nach dem Krieg ihren Roman "Das unauslöschliche Siegel" veröffentlichen, der in den späten vierziger und Anfang der fünfziger Jahre gefeiert und viel gelesen wurde. Die Tochter Cordelia hatte Auschwitz überlebt, war nach Schweden gelangt, erwarb die schwedische Staatsbürgerschaft und schrieb im Jahre 1984 (auf schwedisch) ein Buch über ihre Kindheit und Jugend mit dem provokanten Titel "Gebranntes Kind sucht das Feuer". Heute lebt sie als Nahostkorrespondentin einer schwedischen Zeitung in Israel.

          Langgässers Ruhm war kurzlebig. Als man sich in den sechziger Jahren von metaphysischen und religiösen Deutungen politischer Phänomene und Katastrophen abwandte, fand auch die mythologisierende und erzkatholische Dichtung Elisabeth Langgässers nur noch bei einem kleinen Publikum Anklang. Erst Cordelia Edvardsons Buch löste in der deutschen Übersetzung von 1986 sowohl ein erneutes als auch neuartiges Interesse an ihrer Mutter aus: Elisabeth Langgässer wurde zum Sündenbock für deutsche Schuld, wegen der im Stich gelassenen Tochter. Cordelia Edvardson protestiert jedesmal, wenn auf Grund ihres Buches von deutscher Seite Vorwürfe gegen ihre Mutter erhoben werden, und erinnert daran, daß nicht die Mutter es war, die das Kind verschleppte, daß man vielmehr denen die Schuld zu geben hat, die einer Mutter ein solches Dilemma aufzwingen.

          Die Geschichte dieser einmaligen Mutter-Tochter-Beziehung wird noch eigentümlicher und komplizierter, wenn man den arischen Stiefvater Wilhelm Hoffmann miteinbezieht, dem die "geopferte" Cordelia ihre eigene Tochter Elisabeth anvertraute. Hoffmann hat nach dem Tode seiner Frau im Jahre 1950 diese Stiefenkelin, die spätere Herausgeberin von Langgässers Briefen, adoptiert und aufgezogen.

          Der Untertitel des vorliegenden Buches ist irreführend. El-Akramy schreibt eigentlich nur über Elisabeth Langgässer, nicht über Cordelia Edvardson. Letztere wird in einseitiger und vereinfachender Auswahl nur zitiert, um die Mutter zu belasten. Weder Cordelia Edvardsons Leben noch ihre beachtliche schriftstellerische Leistung in "Gebranntes Kind", die mit dem Geschwister-Scholl-Preis gewürdigt wurde, werden einer Untersuchung unterzogen. Unerörtert bleibt auch der unübersehbare literarische Einfluß von Langgässer auf Cordelia Edvardsons Stil. Zu dem Thema Langgässer/Edvardson gibt es schon einige, wenn auch keine selbständigen Veröffentlichungen. Diese Arbeiten von Heidi Gidion, Elisabeth Hoffmann, Wolfgang Frühwald und Helga Kraft kommen in El-Akramys Anmerkungen nicht vor. Sie schreibt über Elisabeth Langgässer von dem liberal-politischen Standpunkt einer späteren Zeit, mit einer Herablassung, die an Verachtung grenzt und ihr den Blick trübt. Das schriftstellerische Werk wird als schwer verständlich abgetan, und die Lyrik, mit Ausnahme des berühmt gewordenen Gedichts "Frühling 1946" ("Holde Anemone, / bist wieder da?"), das sich auf Cordelias Rettung bezieht, bleibt fast unerwähnt. Zudem liegt die Vermutung nahe, daß hier zu schnell geschrieben und nicht ausreichend lektoriert wurde, denn dieselben Fakten tauchen in verschiedenen Kapiteln neu auf, als hätte die Autorin vergessen, daß sie sie uns schon vorgelegt hat. Gelegentlich werden Quellen angegeben, an anderen Stellen vermißt man sie: Zum Beispiel hätte man gern einen Beleg für die zweimal aufgestellte Behauptung, Langgässer habe bei den Wahlen 1933 für die Nationalsozialisten gestimmt.

          "Die Vergangenheit ist unserer Barmherzigkeit ausgeliefert" - so lautet das Motto, das Cordelia Edvardson für "Gebranntes Kind sucht das Feuer" wählte. Barmherzigkeit, diese von Christen, Juden und Anhängern der Aufklärung gleichermaßen empfohlene Tugend, ist zwar eine unzulängliche Reaktion auf die Verbrechen der Nazizeit, doch für ihre oft kurzsichtigen Opfer ist sie allemal angebracht und gerade für diejenigen, die sich nicht als Helden bewährten. Vor allem aber ist das literarische Werk Elisabeth Langgässers einer Überprüfung wert, und es wäre wohl an der Zeit, daß man es abstaubt, sichtet und dem kritischen Urteil der Gegenwart unterzieht. Ursula El-Akramy läßt die Gelegenheit leider ungenützt vorübergehen. RUTH KLÜGER

          Ursula El-Akramy: "Wotans Rabe". Elisabeth Langgässer, ihre Tochter Cordelia und die Feuer von Auschwitz. Verlag Neue Kritik, Frankfurt am Main 1997. 133 S., geb., 29,80 DM.

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