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Rezension: Sachbuch Wie ein Weichtier haust im neunzehnten Jahrhundert

14.11.1995 ·  Der ewige Sezessionist: Walter Benjamin als junger Mann im Spiegel seiner Briefe / Von Thomas Steinfeld

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Wer kann, mag sich Walter Benjamin als fröhlichen Menschen vorstellen. "In der Luft jubelten die Lerchen", schreibt er im Juli 1910 aus dem Eden Hotel in St. Moritz, "der Himmel war blau, und die Bergspitzen funkelten im Sonnenlichte." Kaum achtzehn Jahre ist er alt, und er berichtet dem Freund Herbert Blumenthal, wie es wohl sein mag, wenn man Schulferien hat und mit seinen Eltern in den Alpen weilt. Dann rollt ein zweispänniges Fuhrwerk aus Vaduz hinaus, und wer sitzt im Wagen? "Kein anderer als unser wohlbekannter Walter. Malerisch verdeckte ein gelber Panama zur Hälfte sein sonnengebräuntes Gesicht aus dem hinter den dunklen Brauen zwei stahlblaue unverzagte Augen ihre Blitze schossen." Die Szene ist vielleicht nicht ganz erfunden, doch mit Sicherheit entstellt: Hier spricht ein Stimmenimitator, und er ist gar nicht ironisch. Warum erzählt man eine solche Geschichte seinem besten Freund?

Wie sich die Dinge gleichen: Mehr als zwanzig Jahre später verfaßt Walter Benjamin eine Reihe von Erinnerungsbildern unter dem Titel "Berliner Kindheit um Neunzehnhundert". Darin erzählt er die Geschichte einer Fotografie, wie es sie in jenen Jahren zu Tausenden gegeben haben muß. Ein Knabe in Tracht soll darauf zu sehen gewesen sein, ein Berliner Kind in einer gemalten Berglandschaft. "Ich stehe barhaupt da; in meiner Linken ein gewaltiger Sombrero, den ich mit einstudierter Grazie hängen lasse." Die "Berliner Kindheit" ist als eine Autobiographie zu lesen. Walter Benjamin ruft Bilder auf, die für Kontinuität und Gehalt eines Lebens stehen sollen - Gleichnisse, die die Wahrnehmung beschwören, um darin die Wahrheit der Erfahrung aufleuchten zu sehen. "Ich aber bin entstellt vor Ähnlichkeit mit allem, was hier um mich ist. Ich hauste so wie ein Weichtier haust im neunzehnten Jahrhundert, das nun hohl wie eine leere Muschel vor mir liegt."

Wer die Briefe eines Gelehrten und Schriftstellers liest, erwartet Post vom Ich. Er hofft, ein Autor möchte das Niveau seines Werks verlassen und Aufschluß über das ebenso flüchtige wie einzigartige Private geben. Und lag nicht, für eine Zeit wenigstens, etwas Geheimnisvolles über der ersten, von Gershom Scholem und Theodor W. Adorno 1966 veröffentlichten Ausgabe von Walter Benjamins Briefen? Aus sechshundert Schriftstücken hatten die beiden die Hälfte ausgewählt, und einige davon waren, um Überlebende zu schonen und weiter bestehende Interessen zu schützen, von der Edition ausgeschlossen worden. Doch war Walter Benjamin schon zu einem großen Gegenstand der deutschen Philologie geworden. Immer mehr Briefe tauchten auf, und viele, die in der ersten Ausgabe nicht enthalten waren, wurden in die von 1972 bis 1989 erscheinenden "Gesammelten Schriften" aufgenommen. Außerdem erschien im vergangenen Jahr der Briefwechsel zwischen Theodor W. Adorno und Walter Benjamin in einer definitiven Ausgabe.

Nun hat der Suhrkamp Verlag mit einer neuen Edition der Briefe Walter Benjamins begonnen. Der Fundus ist mittlerweile auf knapp dreizehnhundert Schriftstücke angewachsen. Doch große Entdeckungen sind zumindest im ersten Band, der 221 Briefe und Karten aus den Jahren von 1910 bis 1918 umfaßt, nicht zu machen, und das Intime bleibt meist verborgen. Der Krieg und sogar der Selbstmord der Freunde Fritz Heinle und Rika Seligson hinterlassen vielleicht Gedichte, aber nur äußerliche Spuren in den Briefen. Und spektakuläre Stücke wie zum Beispiel der Brief, in dem sich Walter Benjamin von seinem Lehrer Gustav Wyneken "gänzlich und ohne Vorbehalt" lossagt, waren oft bereits zuvor, wenngleich an entlegenerer Stelle, veröffentlicht. Das philologische Interesse an dieser neuen Edition ist daher begrenzt. Und weil ihr darüber hinaus die Schreiben der Briefpartner, soweit sie erhalten sind, fehlen, liegt ihr Verdienst woanders: Sie protokolliert eine Einseitigkeit, und in dieser Einseitigkeit erscheint das Leben eines heiklen und strapaziösen Menschen als ein obsessives Kreisen um sich selbst. Hier spricht der wohlbekannte Walter: Er ist bis zur Kenntlichkeit verzerrt.

"Der Anfang" hieß die Zeitschrift, in welcher der Primaner Walter Benjamin alias "Ardor" seine ersten poetischen Versuche publizierte, und dem "Anfang" blieb er auch in seinen ersten Semestern in Freiburg und Berlin treu. Im "Anfang" sammelte sich eine Jugendbewegung, und zwar nicht deren expressionistischer Flügel, sondern die Sonettfraktion. Ihr letzter Herausgeber war Gustav Wyneken, Walter Benjamins Lehrer im Landerziehungsheim Haubinda, ein beredter Anwalt der ästhetischen "Jugendkultur", die eine ganze Gesellschaft erneuern sollte. "Ich habe im Positiven keine eigenen Ansichten, sondern bin strenger und fanatischer Schüler von G. Wyneken", schreibt er im September 1912 an Ludwig Strauss.

Seine Überzeugungen überdauern das Ende der Jugendbewegung und die Trennung von Gustav Wyneken nach dessen öffentlichem Eintreten für den Krieg: "Jung sein heißt nicht so sehr dem Geist dienen, als ihn erwarten", hatte er die Freundin Carla Seligson noch im Herbst 1913 belehrt, "ihn in jedem Menschen und im fernsten Gedanken zu erblicken. Das ist das Wichtige: wir dürfen uns nicht auf einen bestimmten Gedanken festlegen." Das ist ein Plädoyer für die Reform des Bildungswesens und geht gegen die Berufsidee, wie Gustav Wyneken es vorgeschrieben hatte. Der Plan richtet sich aber auch gegen jede Festigkeit des Begriffs. An seine Stelle setzt er ein ebenso kindliches wie moralisches Modell der Kontemplation.

Es ist ein mythisches Programm fürs Leben, und Walter Benjamin folgt ihm beharrlich. Über die "unendliche Aufgabe bei Kant" will er 1917 promovieren. Acht Jahre später schreibt er: "Die Wahrheit, vergegenwärtigt im Reigen der dargestellten Ideen, entgeht jeder wie immer gearteten Projektion in den Erkenntnisbereich." Das steht im "Ursprung des deutschen Trauerspiels", in der erkenntnistheoretischen Vorrede, die man für unverständlich hielt. Dabei ist es nicht schwierig: Walter Benjamin hat den Aufbruch zum theoretischen Prinzip erhoben. Alles ist Anfang.

Berühmt geworden ist Walter Benjamin erst Jahrzehnte später, nachdem er im September 1940 auf der Flucht vor den Nationalsozialisten Selbstmord begangen hatte. Seitdem ist er ein tragischer Held, die Ikone eines genialischen Bücherwurms. Das mag so sein. Doch zuerst ist Walter Benjamin ein Apologet der immerwährenden Sezession. Dazu gehört der Anspruch, ein Führer im Intellektuellen zu sein - ein Anspruch, der um so grundsätzlicher ist, je mehr er auf Gründe verzichten zu können meint. "Die Juden stellen eine Elite dar in der Schar der Geistigen", teilt er im Herbst 1912 Ludwig Strauss mit. Und zwei Jahre später tritt er auf dem Freistudententag in Weimar auf und polemisiert gegen das soziale Engagement. Es sei "Relativismus" und verrate den Geist. Walter Benjamin wird niedergestimmt. "Das einzige Ergebnis" dieser Zusammenkunft, schreibt er an Ernst Schoen, sei "der einsam erhöhte Platz, den unsere Freistudentenschaft - nach außen - einnimmt, und respektvolle Furcht der andern." Es ist ein kurzer Weg vom Führer zum Desperado. Der eine hat Freunde, der andere keine mehr.

Walter Benjamins Briefe aus der Zeit zwischen dem letzten Schuljahr und der Abfassung der Dissertation sind Zeugnisse einer langen Kette von Versuchen, die elitäre Gemeinschaft zu behaupten, während die Erfahrung ihr zunehmend widerspricht. Wickersdorf, Gustav Wynekens freie Schule, sei das "Asyl einer wirklichen, seienden Kultur", teilt er 1912 Ludwig Strauss mit. Die "Sprechsäle" der Freien Studentenbewegung, in denen man sich trifft, um gemeinsam zu streben, tragen diese Hoffnung noch einige Semester fort. Doch dann zerbricht das Idyll. Dieses Ende ist, obwohl man leicht den Ausbruch des Weltkriegs dafür verantwortlich machen kann, bereits im Anfang begründet.

Denn was tut eine solche Gemeinschaft, wenn ihre Wahrheiten abstrakt bleiben müssen, weil nicht der Inhalt, sondern nur das Streben zählt? Dann versichert man sich gegenseitig hoher und höchster Vorhaben, und der kleinste Verdacht begründet eine Spaltung. Dieses Prinzip zieht sich durch die Briefe. Es funktioniert nach innen, als Beschwörung von Bündnissen. "Du hast mich wahr gesehen, wenn ich auf Deinen Spaziergängen schweigend Dich begleitete", teilt Walter Benjamin seinem Freund Herbert Blumenthal im Juli 1914 mit. Und es funktioniert nach außen, wenn einer nicht dazugehören darf. Was wird zum Beispiel aus der Verehrung, die das Erstsemester Walter Benjamin dem Kunsthistoriker Heinrich Wölfflin entgegenbrachte? Drei Jahre später besucht er eine Vorlesung in München und berichtet: "Wölfflin fehlt nachgerade jede Ehrfurcht vor dem Kunstwerk, die noch der primitivste Mensch aufbringt." In der bayerischen Hauptstadt könne man guten Gewissens nur eine Veranstaltung besuchen: ein Kolleg über mexikanische Kultur und Sprache, in dem auch Rainer Maria Rilke sitze. Wiederum drei Jahre später wohnt Walter Benjamin im Dorf Muri außerhalb von Bern und phantasiert, nur halb im Scherz, von einer Privatuniversität, mit ihm selbst als Rektor und Gershom Scholem als Pedell.

So gehört beides zusammen, die elitäre Gemeinschaft und das polemische Prinzip. Die Gemeinschaften werden zwar kleiner, und sie sind, je älter Walter Benjamin wird, von zunehmend prekärer Art. Die Polemik aber wird weitergeführt. "Zu lange schon ist die Ohrfeige fällig, die schallend durch die Hallen der Wissenschaft gellen soll", heißt es in der ungedruckten Vorrede zum "Ursprung des deutschen Trauerspiels", dem Buch, mit dem Walter Benjamin 1925 habilitieren wollte. Und als er 1938 die Arbeit des Instituts für Sozialforschung darstellen soll, klingt es immer noch bekannt: "Die Theorie ist zum hölzernen Pferd geworden und die universitas litterarum ein neues Troja, in dem die Feinde des Denkens und der Vernunft ihrem Versteck zu entsteigen begonnen haben." Er will die Abkehr und sucht die Überbietung.

Wer so redet, muß eine Wahrheit gepachtet haben. Wie sie lautet, erklärt Walter Benjamin im Dezember 1915 dem Freund Fritz Radt: "Theorie ist es, die eigentlich die quellende Fruchtbarkeit unserer Produktion, ihre Gesundheit im höchsten ausmacht . . . Nach dem Maß der Theorie erfüllt sich das Leben der Schaffenden rhythmisch mit Produktion. Sie verbürgt die Reinheit, indem sie jede Gewaltsamkeit fernhält, und dies vermag sie, indem sie mit einem stillen, klaren Feuer ständig die Bilder jener ersten und einfachsten Ideen erhellt . . ." Wie ein Theologe Wahrheit und Heil zusammendenkt, so verbindet Walter Benjamin die Theorie mit der Versöhnung. Was dabei entsteht, ist ein zutiefst aphoristisches, ganz an die Wahrnehmung hingegebenes Denken, dessen Kern aus der Emphase von Sinn besteht. Darauf beruht auch die eigenartige metaphorische Redeweise Walter Benjamins. Er sucht die Bilder, er spricht in Gleichnissen, und er tut dies noch in seinen spätesten Werken, wenn er das "Erlebnis" gegen die "Erfahrung", das Kontinuierliche gegen das Bruchstückhafte stellt und zum Beispiel das "Passagenwerk" zum "unbekümmert archaischen, naturbefangenen Philosophieren" erklärt.

Der erste Band der neuen Ausgabe von Walter Benjamins Briefen endet im Dezember 1918. Der Held lebt mit Frau und Kind in Bern und schickt Post an Gershom Scholem, den er, immer wenn es heikel wird, auf "Gespräche" verweist, in denen allein man das Wesentliche behandeln kann. Außerdem schreibt er an seiner Dissertation über den "Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik". Es ist schwer, diese Briefe zu lesen, ohne gleichzeitig daran zu denken, was ihnen folgte: nicht nur das Scheitern in der akademischen Welt, sondern auch die bescheidenen Erfolge als Kunstkritiker, vor allem aber Elend und Tod im Exil. Dieses Schicksal scheint ihm auf Dauer recht zu geben, auch wenn man sich gesteht, daß Walter Benjamin ein manchmal unangenehmer und zuweilen höchst anstrengender Mensch gewesen sein muß.

"Die Wissenschaft ist eine Kuh", dichtet Walter Benjamin im ersten Semester in Freiburg, "sie macht muh / Ich sitze im Hörsaal und höre zu!" Nicht die Ausnahme des akademischen Lebens wäre Walter Benjamin gern geworden, sondern der Erste. Er glaubt an die Utopie einer besseren Philologie, er begeistert sich für den nur wenige Jahre älteren Norbert von Hellingrath, mit dessen Hölderlin-Ausgabe die Neubewertung des Dichters begann. Walter Benjamin ist der ewige Sezessionist, doch er verachtet nicht die Philologie der historisch-kritischen Editionen, und mißtrauisch denkt er an Rudolf Borchardt, den "Abenteurer, den es nach höchstem Lorbeer gelüstet".

Walter Benjamins später, aber nachhaltiger Ruhm verdankt sich nicht nur seinen Schriften. Als er entdeckt wurde, waren viele davon weder ediert noch veröffentlicht. Und schließlich sind es nicht seine philologischen Arbeiten über Baudelaire, Jochmann oder die "Wahlverwandtschaften", die das größte Interesse auf sich ziehen, obwohl sie Vergessenes und Übersehenes in die Philologie zurückholen. Berühmter sind die Programmschriften wie der Aufsatz über den "Erzähler", das "Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduziertbarkeit" oder die "Geschichtsphilosophischen Thesen" geworden. In ihnen muß sich finden, was in den sechziger Jahre und danach eine neue Generation von Geisteswissenschaftlern für ihn begeisterte, und man mag darin eine Erneuerung der Jugendbewegung erkennen und ein Bedürfnis nach Gemeinschaft.

Walter Benjamins Nachruhm begann, als die Germanistik existentiell wurde und die Schriftgelehrsamkeit als Lebensform wiederentdecken wollte. Diesem Bedürfnis kam sein Denken entgegen, und seitdem schaut er, den Kopf nach unten geneigt, nie lächelnd, von den Wänden unzähliger Studierstuben. Er selbst hat wenig davon gehabt. Wer einmal seine Gemeinschaft verfehlt, findet sie nicht mehr.

Walter Benjamin: "Gesammelte Briefe". Herausgegeben vom Theodor W. Adorno Archiv. Band I. 1910-1918. Herausgegeben von Christoph Gödde und Henri Lonitz. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1995. 546 S., geb., 98,- DM, Subskriptionspreis 78,- DM

Gesammelte Briefe (Bd. 1)

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.11.1995, Nr. 265 / Seite L11
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