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Rezension: Sachbuch : Werd' nicht melancholisch, Ede

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Die Dunkelheit kommt: Bastian Bretthauers Nachtgedanken

          Die Kritik der Nachtvergessenheit der aufgeklärten Wissenschaft ("Die Nacht ist das Andere der Wissenschaft"), das Lob der Dämmerung als Bild postmodernen Wissens ("Nur im Zwielicht ist es möglich, nicht die perfekten Blicke auszubilden, die immer schon verstanden haben"), die Unentschiedenheit, ob es nun um anthropologisch konstante Wahrnehmungsformen oder um kulturell relative Metapherngebäude geht, die Wahl- und Ahnungslosigkeit, mit der die Geschichte der Gaslaterne, Heines "Jugendaufsatz ,Die romantische Schule' (1836)", Adorno und Sloterdijk, Doppelgänger und Werwölfe ("Der Werwolf als Symbol der Nacht markiert die Grenzen der Vernunft"), Mythen und Kindheitsängste, Novalis und Caspar David Friedrich, Benjamins Haschischprotokolle, die barocke Festkultur, Dietmar Kampers Kritik von Platons Höhlenkino und Gernot Böhmes Theorie der Atmosphäre (beides in Wahrheit von Hermann Schmitz übernommen), halt alles, was einem so in mehreren Jahren Forschung zum Thema Nacht einfällt, angeführt wird, die autobiographische Penetranz ("Ich suche nach dem roten Faden, der mich diesen Stapel aufschichten ließ", "Ein Anflug von Scham und Ärger machten mir deutlich, wie wichtig es mir ist, eigene negative Gefühle und Befindlichkeiten in der Begegnung mit einem Unbekannten zu verstecken"), die Unprofessionalität, mit der der Gesprächigkeit der Interviewpartner freier Lauf gelassen wird, das methodologische Desinteresse, mit dem unter Hinweis auf Clifford Geertz Probleme von Repräsentanz oder Hypothesenbildung übergangen werden, die das Gesagte einfach verdoppelnden Interpretationen - all dies beiseite geschoben, bleiben von Bastian Bretthauers "Nachtstadt" sieben nicht uninteressante Selbstdarstellungen Berliner Nachtschwärmer.

          "Ich arbeite in einem Supermarkt und bin abends körperlich fertig. Die Gefahr ist groß, sich gleich ins Bett zu legen und nur noch fernzusehen. Ich brauche etwas, das mir sagt, daß ich noch am Leben bin." "Die Büroarbeit ist eintönig, und du kannst nicht weg. Mit dem Ausgehen verbinde ich den Wunsch, noch Anteil am Leben zu haben." "Es ist ja tatsächlich der Horror, regelmäßig früh zur Arbeit zu gehen." "Ich habe so viel nachzuholen. In der achtjährigen Ehe hat doch gar kein Nachtleben stattgefunden. Nachtleben, ja, das haben wir uns manchmal angetan, weil wir dachten, daß das so auch nicht geht. Das übliche Pflichtprogramm, um den Anschein zu wahren. Das war alles ganz schön traurig, so an einen Punkt zu kommen, wo nur noch Leere herrscht, ein Gefühl, das du spürst, wenn du abends nach Hause kommst."

          Da könnte man nun genauer hinsehen, welche Realität überschritten werden soll: Fremdbestimmung, Monotonie, Rollenfestlegung, Deklassierung - und auf der Suche nach was: dem Traumprinzen, dem Abenteuer, einem Gefühl des Unheimlichen, Mystischen und Unerklärlichen, spritzigen, lustigen Kontakten, dem alten Ede, tiefsinnigen Gesprächen, einem Gefühl der Gemeinsamkeit, der Möglichkeit, ein anderes Ich zu entwerfen. Und man könnte untersuchen, wie auf das recht genaue Bewußtsein reagiert wird, daß die Männer nur abschleppen wollen, die nächtliche Gemeinsamkeit nur eine Illusion und der nächste Tag im Büro dann wieder der totale Absturz ist. Was jedoch liest Bastian Bretthauer den Interviews ab? "Die Dunkelheit problematisiert den kulturgeschichtlich ausgelegten Sinn von Sein als Bei-Tage-Sein." So werden mit dem Wechsel von den Sozial- zu den Kulturwissenschaften gesellschaftliche Probleme zu anthropologischen Dualismen und praktisch-politische Fragen zu Metaphysik. Anders als der Titel suggeriert kommt übrigens auch Berlin in dem Buch kaum vor.

          GUSTAV FALKE

          Bastian Bretthauer: "Die Nachtstadt". Tableaus aus dem dunklen Berlin. Campus Verlag, Frankfurt am Main 1999. 220 S., 12 Abb., br., 39,80 DM.

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