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Rezension: Sachbuch Wenn man nur wüßte, was der grüne Tisch da soll

 ·  Bekannt wurde Judith Butler Anfang der neunziger Jahre als postmoderne Feministin, die die Ordnung der Geschlechter durcheinanderbrachte. Ein gleichermaßen philosophisches wie strategisches Dilemma hatte die feministische Theorie bewogen, den Begriff des "Geschlechts" aufzuspalten: Die Unterscheidung zwischen ...

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Bekannt wurde Judith Butler Anfang der neunziger Jahre als postmoderne Feministin, die die Ordnung der Geschlechter durcheinanderbrachte. Ein gleichermaßen philosophisches wie strategisches Dilemma hatte die feministische Theorie bewogen, den Begriff des "Geschlechts" aufzuspalten: Die Unterscheidung zwischen "sex" und "gender", zwischen dem "biologischen Geschlecht" und der "sozialen Geschlechtsidentität", sollte es ermöglichen, "Weiblichkeit" als gesellschaftliche Konstruktion zu entlarven, ohne das Subjekt des Feminismus, die Frauen nämlich, preiszugeben. Dieser Politik des "Teile und herrsche" entzog sich Butler, indem sie die sexuelle Differenz inklusive des kleinen biologischen Unterschieds auf konsequente Weise zu einem "diskursiven Effekt" erklärte. An die Stelle klarer Oppositionsarbeit war die Travestie der von "Patriarchat" und Feminismus gleichermaßen vorausgesetzten Kategorie getreten.

In den letzten Jahren hat Judith Butler ihre Theorie der "performativen Geschlechtsidentität" zunehmend aus dem Rahmen des Feminismus gelöst, ohne den Anspruch politischer Radikalität preiszugeben. Zwei Eigenarten Butlers treten damit in ein so spannungsreiches Verhältnis, daß die Lektüre ihrer Texte, obwohl sie eine brillante Stilistin ist, kein reines Vergnügen bereitet. Was Butler ursprünglich bestritt, die Vermutung, sie habe in "Das Unbehagen der Geschlechter" eine Theorie des Selbst formulieren wollen, ist jetzt Programm. Die erweiterte Perspektive von "Psyche der Macht" zeigt eine auf hohem Niveau argumentierende Theoretikerin. Um den anarchistischen Eros der Postfeministin Butler aber zu kanalisieren, bedarf es offensichtlich eines zweiten Autorensubjekts, das seine Waffen gegen die "disziplinierenden Effekte der Reglementierungsordnungen" aus unterschiedlichen Registern zieht. Dieser rhetorische Kampf, der gelegentlich in revolutionärer Pose zu erstarren droht, macht ihre neue Subjektphilosophie doppelbödig.

Mit dem Gedanken der "Subjektivation" bewegt sich Butler noch auf vertrautem Terrain. Den für ihre eigene Position prägenden Begriff entnimmt sie Foucaults später Machttheorie: Er bezeichnet einen zweischneidigen Vorgang, der Subjektivität gerade als Folge eines Unterworfenwerdens durch die Macht entstehen läßt. Nach Butler ist der von der Macht (oder vom "Gesetz") gestiftete Selbstbezug nicht als Verinnerlichung eines überindividuellen Standpunkts, sondern als Inkorporation von Herrschaftsverhältnissen zu interpretieren. "Der Mensch, zu dessen Befreiung man uns einlädt", schrieb Foucault in "Überwachen und Strafen", "ist bereits in sich das Resultat einer Unterwerfung, die viel tiefer ist als er". Diese Vorstellung, die Foucault auch auf die Formel bringt, die "Seele" des Menschen sei das "Gefängnis des Körpers", findet sich nach Ansicht Butlers schon in Hegels "Phänomenologie des Geistes". Dort beschreibe Hegel die Aufhebung des Herr-Knecht-Verhältnisses im "unglücklichen Bewußtsein" als Knechtung des Körpers durch das Gewissen.

Den Foucaultschen Subjektivationsgedanken konfrontiert Butler nun mit psychoanalytischen Einsichten über die Ich-Bildung. Sie inszeniert die bislang fehlende Integration von Machttheorie und Psychologie als Gipfeltreffen zwischen Foucault und Lacan. Spätestens seit sich Foucault in seinen Untersuchungen über die Geschichte beziehungsweise die "Wahrheit" der Sexualität auch für die Mikrophysik der Lüste interessierte, war die Vision, den Historiker der Wissenssysteme und den Analytiker des gespaltenen Subjekts zusammen an einen imaginären grünen Tisch zu setzen, in den Bereich des Denkbaren und Wünschenswerten gerückt.

Zunächst erhebt Butler also Einspruch gegen Foucaults Ausdünnung des "reichen psychoanalytischen Begriffs der Psyche" zu dem der "einkerkernden Seele". Sie spekuliert darüber, ob der von Foucault zum einzigen Ort des Widerstands gegen die "Subjektivation" stilisierte "Körper" nicht vielleicht der unangemessene Ausdruck für eine Funktionsweise der Psyche sein könnte, für die Foucault keinen Platz fand: Diese Funktionsweise, die der diskursiven Normierung des Subjekts widerstehen können soll, nennt Butler "unbewußt" im Sinne Freuds und ordnet sie dem "Imaginären" Lacans zu.

Die Verbindung von "Körper" und "Imaginärem" liegt insofern nah, als sich nach Lacans Theorie das Kleinkind in der "Urszene" des Imaginären, im "Spiegelstadium", mit der vom Spiegel reflektierten Gestalt seines Körpers identifiziert. Wie Slavoj ciCek jedoch in seiner Auseinandersetzung mit Butlers Buch kürzlich klargestellt hat, ist das Unbewußte bei Lacan nicht imaginär, sondern symbolisch strukturiert. Und selbstverständlich kennt, so ciCek, Lacan das Imaginäre als Ort des Widerstands, nur sei damit der Widerstand gemeint, den das Ich gegen die psychoanalytische Aufdeckung seiner Konflikte mobilisiere, keinesfalls ein Widerstand gegen gesellschaftlichen Zwang.

Das alles weiß Butler natürlich, was der Leser aber nur wissen kann, wenn er einen Blick in frühere Bücher wirft, in denen sie das Lacanianische Konzept des "Symbolischen" genau der eingehenden Kritik unterzieht, die sie sich in ihrer jüngsten Arbeit spart. Ihr Anliegen, das Imaginäre gegenüber dem "Gesetz des Vaters" zu rehabilitieren, welches Lacan zufolge die "symbolische Ordnung" aufrechterhält, teilt sie mit vielen feministischen Kritikerinnen. Nur Butler verkauft ihre Sicht der Dinge allerdings, streng nach den Regeln der parodistischen Wiederholung, als den wahren Lacan.

Da am Ende auch das Imaginäre für Butler kein zuverlässiger Bündnispartner ist, weil es Normen nur punktuell scheitern lasse, ohne sie zu reformulieren, sucht sie nach einer "Foucaultschen Perspektive innerhalb der Psychoanalyse". Zu diesem Zweck rekapituliert sie die psychoanalytische Erzählung von der Ich-Entwicklung des kleinen Mädchens, dessen erstes Liebesobjekt die Mutter ist - für Butler ein willkommener Anlaß, die heterosexuellen Fundamente unserer Kultur in Frage zu stellen. Sie macht "das Gesetz der Zwangsheterosexualität" dafür verantwortlich, daß das Mädchen sein frühestes Liebesobjekt verliert, dessen Verlust aber nicht betrauern kann, weil er unbewußt bleiben muß. Wie Freud in "Trauer und Melancholie" gezeigt hat, läßt sich ein unbewußter Verlust nur durch die Identifikation mit dem verlorenen Objekt verarbeiten. Das Mädchen erhält auf diese Weise eine weibliche Identität, wird heterosexuell und melancholisch.

Judith Butler: "Psyche der Macht". Das Subjekt der Unterwerfung. Aus dem Amerikanischen von Rainer Ansén. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001. 198 S., br., 19,90 DM.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.10.2001, Nr. 234 / Seite L53
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