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Rezension: Sachbuch : Welt voller Retter

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Nicht erst im k. u. k. Österreich gab es eine Mystik des Titels, sondern bereits in den antiken Grundlagen unserer Kultur - ist doch der Titel, zum Namen gehörig, öffentlicher Ausweis für Rang oder Leistung. Dabei will ein Titel nicht argumentativ überzeugen, sondern kumulativ die Größe einer Person aufzeigen.

          Nicht erst im k. u. k. Österreich gab es eine Mystik des Titels, sondern bereits in den antiken Grundlagen unserer Kultur - ist doch der Titel, zum Namen gehörig, öffentlicher Ausweis für Rang oder Leistung. Dabei will ein Titel nicht argumentativ überzeugen, sondern kumulativ die Größe einer Person aufzeigen. So kennt auch das Neue Testament rund vierzig "Namen Jesu", auch christologische Hoheitstitel genannt. Diese Titel kreisen das Geheimnis ein und sind zugleich bevorzugter Ausdruck des Lobpreises. Wie es denn im Gloria heißt: "Denn du allein bist heilig, du allein der Herr, du allein der Höchste . . ."

          Tausende Male war in der antiken Umwelt des Neuen Testaments der Ehrentitel "Retter" (griechisch: Soter) vergeben worden, ähnlich dem Bundesverdienstkreuz mit leicht inflationärer Tendenz. Nicht zum Anstecken war dieser Ehrentitel und auch nicht für den Briefbogen, dafür aber erhielt er sich zumindest zweitausend Jahre per Inschriften, eingemeißelt in Stein. So blieb vor allem menschliche Eitelkeit in Spuren bewahrt. In jedem besseren althistorischen Seminar sind die unübersehbaren Mengen antiker (Ehren-)Inschriften in Folianten verschiedener Serien gesammelt. Die Münchener Dissertation des katholischen Theologen Franz Jung ist Zeugnis gründlicher Kreuzfahrten im Meer dieser Lobeshymnen in Griechisch oder entsprechend Lateinisch mit der Rede vom Salus (Heil). Schließlich wurde auch der biblische Schöpfergott in der griechischen Übersetzung des Alten Testaments "Retter" genannt, und im Neuen Testament trägt er zusammen mit Jesus Christus diesen Titel.

          Beide Zuteilungen bedeuteten einen Einbruch auf dem Markt der Eitelkeiten. Denn bei den Lesern dieser Texte versiegte der Strom. Nur noch Gott und Jesus Christus wurden exklusiv Retter genannt, kein Bürgermeister und kein Kaiser mehr. Die einzige Ausnahme, die alttestamentlichen Richter, sind immer schon im vorhinein Retter, als von Gott gesandte, nicht auf Grund ihrer Taten. Diese Tendenz, das rettende Tun gar nicht zu beschreiben, setzt sich bei Johannes und Lukas fort: Jesus Christus ist die Neuordnung in Person.

          Wegen der tendenziellen Beschränkung auf Gott und Christus wurde aus dem Titel bald ein Eigenname, und in der Gnosis, aber auch im Mittelalter heißt Jesus nur noch "der Erlöser". Zu den späteren Erscheinungen gehören auch die Bildtypen "Salvator" und "Redemptor", zu dem das Kreuz gehört. Doch am Anfang ist vom Kreuz in Verbindung mit dem Retter keine Rede. Neu in der Bibel auch: Die Abkehr vom Retter macht diesen zum Richter. Gott ist immer der persönliche Retter, Aussagen über Retter-Epiphanien fehlen.

          Die Methoden, mit denen der Neutestamentler zu seinen Resultaten gelangt, sind Analysen semantischer Felder und eine erneuerte Formgeschichte. Konkret bedeutet das zu fragen: Mit welchen anderen Ehrentiteln oder Tätigkeiten wird der "Retter" kombiniert? Die Antwort: oft mit Lichtmetaphorik, mit den Titeln "Wohltäter", "Gott", "Gründer", "Erhalter", "Geber des Guten" oder mit Tugenden oder Attributen wie Menschenfreundlichkeit, Hilfe, Ehre oder "Alles"-Aussagen. Auffällig ist: Opposita gibt es nicht. Inhaltlich begünstigt der auf einen Gott angewandte Titel "Retter" den Monotheismus. Gerettet wird aus Krieg, Krankheit und Seenot. Dazu kommt die Frage, in welchen typischen Textsorten diese Kombinationen vorkommen. So konstatiert die erneuerte Formgeschichte das Vorkommen in Hymnen, Dankliedern oder Verteidigungsreden. Hätte die deutsche Forschung beide Methoden intensiver angewandt, dann liefe sie nicht längst der internationalen Entwicklung hinterher. Denn wenn man beide Zugangswege kombiniert, beginnen die Texte in der Wüste der Inschriften zu leuchten. Angesichts der Fülle des Materials sind diese Methoden freilich Wege der Armerzaufbereitung. Fragt man nach dem jeweiligen Gehalt des Titels "Soter", dann geht es einem mit den Belegen wie mit Klarsichtfolien, die aufeinanderliegen. Und dabei ist es so, daß das Herz, der gemeinsame rote Punkt, trotz unterschiedlicher Umrisse der Figuren immer ähnlich ist und auch an ähnlicher Stelle liegt. Stets signalisiert das Wirken des Retters menschenfreundliches, hilfreiches Eingreifen, also Lichtpunkte im Leben der antiken Gesellschaft. Was das bedeutete, kann man ermessen, wenn man überlegt, daß im Deutschen Reich Sozialgesetze erst unter Bismarck eingeführt wurden.

          Bis dahin mußte man sich auf ebenjene freiwillige Hilfsbereitschaft verlassen, die zum Beispiel in den Ehreninschriften öffentlich geehrt wird. Denn diese Inschriften enthielten auch ein plebiszitäres Element, ist doch oft von der Einstimmigkeit des ganzen Volkes die Rede. Auch dieses ändert sich, als Jesus diesen Titel erhält. Denn die Volksmasse, die ihn ans Kreuz bringt, ist nicht für ihn. Den Titel "Retter" erhält Jesus nach manchen Texten daher erst durch den Vater, der ihm die zuvor fehlende Anerkennung verschafft.

          Bedeutsam an der Arbeit von Franz Jung sind folgende Ergebnisse: Als erster kann er feststellen, daß der Retter-Titel nicht nur Göttern, sondern auch Menschen zukam. Und erstmalig wird die Verwendung eines Titels heidnischer Herkunft im frühen Christentum nicht im Sinne der Enteignung oder der polemischen Opposition (im Sinne von "der christliche Retter ist der wahre") gedeutet. Denn kein christlicher Text bestreitet einem heidnischen Retter den Gebrauch dieses Titels. Und es gilt die Anfrage Jungs: "Wie wollte man sich in einer Welt voller Retter gerade mit dem Prädikat Soter von anderen unterscheiden?" Vielmehr haben Judentum und Christentum den hellenistischen Ehrentitel, der relativ allgemeinen positiven Gehalt hatte, auf ihre Weise neu gefüllt. Jesus ist Retter nicht gegen andere, sondern Retter eigenen Rechts und Anspruchs.

          Das hat unter anderem zur Folge, daß die jüdische Linie in dieser Arbeit stärker hervorgehoben wird. Denn in der Septuaginta war die Benennung der "Richter" als "Retter" besonders auffällig. Wenn man bedenkt, wie nahe die Szene der Verkündigung an Maria in Lukas 1 der entsprechenden Ankündigung der Geburt an die Eltern des Retters und "Richters" Simson in Richter 13 steht, dann begreift man, wie leicht dem Griechisch schreibenden Evangelisten hier der Gebrauch des Titels "Retter" gefallen ist; dabei überbietet Jesus die Retterfiguren des Richterbuches.

          Im übrigen aber muß der Gebrauch des Titels "Retter" in Johannes 4,42 "Retter der Welt" keineswegs erst nachösterlich sein. Denn gerade weil Franz Jung zeigen konnte, daß der Titel "Retter" immer schon auch Menschen zukam, muß es sich auch in Johannes 4,42 nicht erst um eine sekundäre "Vergottung" handeln. Auch die Behauptung, "Retter" diene in Johannes 4,42 zur Profilierung gegenüber dem Heilgott Asklepius, kann mit den Methoden Franz Jungs widerlegt werden: Nirgends wird der "Retter" mit heilender Tätigkeit verbunden; erst bei Philo von Alexandrien ist Gott der Retter auch Arzt.

          Beachtenswert sind die forschungs- und damit ideologiekritischen Züge in Jungs Arbeit: Sie räumt mit dem älteren Dekadenzmodell auf, als sei der christliche Retter-Titel das siegreiche und überlegene Konkurrenzmodell angesichts der letzten Zuckungen antiker Religiosität im allgemeinen Religionsverfall insbesondere des Kaiserkultes gewesen. Jedenfalls ist der Retter-Titel kein fester Bestandteil der offiziellen römischen Kaisertitulatur. Kurzum: Lebten wir nicht im jüdisch-christlichen Kontext, der Autor dieser Arbeit könnte glatt als Anwärter auf den Soter-Titel durchgehen.

          KLAUS BERGER

          Franz Jung: "Soter". Studien zur Rezeption eines hellenistischen Ehrentitels im Neuen Testament. Aschendorff Verlag, Münster 2002. 404 S., geb. 59,- [Euro].

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