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Rezension: Sachbuch : Was nicht in den Akten ist

  • Aktualisiert am

Jugend im Nationalsozialismus: Zwei Erinnerungsbücher

          Akten werden immer mehr zur Grundlage der Geschichtsschreibung über die NS-Zeit. Bei den älteren Historikern schimmerten eigene Erfahrungen durch, bereichernd, manchmal verzerrend. Gelegentlich klang etwas an, was von den Jüngeren, die sich zu Richtern der Älteren aufschwangen, als Rechtfertigungsversuch getadelt wurde. Dieser Vorbehalt gilt besonders gegenüber der Erinnerungsliteratur, die aus der Innenwelt der Diktatur kommt: Albert Speer ist ein Beispiel. Wieder eine andere Innensicht spiegeln die Arbeiten, die von Teilnehmern am Widerstand stammen: etwa Fabian von Schlabrendorff.

          Jetzt, da die Vierzigjährigen, also Nachgeborene, die NS-Zeit wissenschaftlich beschreiben, melden sich - glücklicherweise - die allmählich absterbenden Jahrgänge der zwischen 1925 und 1935 Geborenen zu Wort. Sie wuchsen in die Diktatur hinein, fanden unterschiedlich Halt gegen die Verführungen des Systems, die Älteren wurden noch in den Krieg hineingezogen. Der Aktenhistoriographie wächst hier eine wichtige Ergänzung zu. Als "Geschichtsschreibung von unten", bestenfalls der Unterhaltung dienlich, sollten die Historiker das nicht abtun.

          Die beiden Bücher, um die es hier geht, haben gemeinsam, daß ihre Autoren geprägt sind durch ein katholisches Elternhaus, aber in einem Umfeld, wie es unterschiedlicher nicht sein konnte. Hans Josef Horchem, später Jurist und von 1969 bis 1981 Leiter des Verfassungsschutzes in Hamburg, stammt aus dem streng katholischen Mechernich in der Eifel, einer Bergbaustadt (bis 1975 bedeutende Blei-Förderung). Die Erinnerungen an erlebte Episoden sind eingebettet in eine mit Dokumenten belegte Darstellung der Zeit. Horchem macht erkennbar, wie sich die Welle der nationalsozialistischen "Weltanschauung" an dem etablierten Katholizismus brach, der in Mechernich bestand, wie andererseits der sozialistische Aufputz des Nationalsozialismus in der Arbeiter- und Kleinbürgerstadt Wirkung hatte. Horchem, der sich später selbst der SPD anschloß, stammt aus einem sozialdemokratischen Elternhaus. Der Vater war Reichsbahnbeamter, trat trotz allem inneren Widerstreben gegen das NS-System im März 1933 in "die Partei" ein: einfach, weil er die Zeit des Probebeamten noch nicht erfüllt hatte und die Ernennung auf Lebenszeit nicht gefährden wollte.

          Abenteuer im Untergrund

          In dem Milieu, aus dem Horchem kam, verfehlte es seinen Eindruck nicht, daß der Werksdirektor im SA-Sturm mitmarschierte, unter Führung eines "seiner" Arbeiter, daß der Chefarzt mit dem Hausarbeiter am 1. Mai, dem "Tag der nationalen Arbeit", gemeinsam Erbsensuppe löffelte, wohl mit dem Gedanken, so schlimm sei das nicht und es gehe auch vorüber.

          Der Dienst im Jungvolk - einen "Führer"-Rang hatte Horchem nicht erlangt, er behauptet aber nicht, daß er dies aus Prinzip verweigert hätte - konkurrierte mit der Erlebniswelt, die es in Mechernich für Jungen gab. Drill und Schulung konnten es nicht aufnehmen mit dem, was stillgelegte Bergwerksstollen, die in unterirdische Seen führten, an Abenteuer boten. Horchem erzählt, wie der Pfarrer, in provokativer Absicht von Jungvolk-Pimpfen mit ausgestrecktem Arm und "Heil Hitler" gegrüßt, gelassen antwortete "Gelobt sei Jesus Christus". Dem jungen Horchem tat es weh, als in Mechernich die - sicherlich nicht sehr ausgiebige - Bücherverbrennung stattfand. Ungehindert holte er sich ein Buch aus dem Feuer. Es war ein Buch von Hermann Sudermann, einem heute vergessenen Autor aus der Zeit des Naturalismus, dessen Werke über die NS-Zeit hinweg zum Bestand gutbürgerlicher Bücherschränke gehörten.

          Die Zwangssterilisierung Schwerbehinderter erscheint Horchem im Rückblick als eine erste Probe für die Euthanasie und später die Judenvernichtung. Aber er erwähnt, daß es seit 1907 in amerikanischen Bundesstaaten entsprechende Regelungen gegeben habe. Horchem zitiert: "Es ist für alle Welt besser, wenn die Gesellschaft bei jenen, die offenkundig nichts taugen, die Vermehrung von ihresgleichen unterbinden kann, statt darauf zu warten, bis degenerierter Nachwuchs für seine Verbrechen hingerichtet wird" - so die heute leichtfertig erscheinenden Worte des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten in einem Urteil aus dem Jahre 1927.

          Wenig bekannt ist, daß die von Hitler eingesetzte Regierung Dönitz 1945 dem Reichsgericht die Verfolgung der NS-Verbrechen übertragen wollte, was die Alliierten untersagten. Sie wollten das selbst machen. Horchem schildert die Realität der Kinderlandverschickung. Er selbst war "Lagermannschaftsführer", ohne je einen Rang in der Hitlerjugend innegehabt zu haben. Die Aufgabe war - trotz der martialischen Bezeichnung - offenbar, die Verbindung zu den weiterhin verantwortlichen, mit"verschickten" Lehrern zu halten, also dazu beizutragen, daß die Schulbildung nicht gänzlich unter die Räder kam.

          Horchem war zuletzt Seekadett, er war relativ sicher auf Sylt stationiert. Er habe Anfang 1945 den Kommandeur gebeten, zum Heer versetzt zu werden. Die grausamen Kämpfe im Hürtgenwald waren der Anlaß: "Ich möchte dabeisein, wenn meine unmittelbare Heimat verteidigt werden muß." Der Vorgesetzte habe geantwortet: "Matrose Horchem, ich muß das ablehnen. In drei bis vier Monaten werden Sie wissen, warum." Um zwei Monate zu früh habe also der Chef das Ende des Krieges geschätzt.

          Aus eigenem Erleben folgen Horchems Antworten auf die Frage "Wie konnte das geschehen?" Horchem belegt, wie wenig der normale Bürger vom Staatsmord an den Juden wußte. Einzelne Erlebnisse wie zufällige Zeugenschaft beim Abtransport von Juden, wohin und zu welchem Ende, wußte man nicht, wurden verdrängt, die Grausamkeit des Vorgangs führte zu schlimmen Ahnungen und später Scham. In einer Atmosphäre des Antisemitismus ist Horchem, wie viele andere seiner Generation, nicht groß geworden. Die Juden in seinem Heimatort waren kaum je "reiche Leute", und: "In Mechernich und in den Dörfern der Voreifel war die Distanz zu den Protestanten größer als zu den Juden." Ein anderes Beispiel wäre anzufügen: In Sachsen waren die Vorurteile gegen Katholiken stärker als die gegen Juden. Horchems Schluß, resigniert und mit leiser Hoffnung: "Wenn man zur Nation gehört, dann gehört man zu ihr im Guten wie im Bösen."

          Die Mostrichbande

          Bertram Otto schreibt ausdrücklich Erinnerungen auf. Er ist ein paar Jahre älter als Horchem: Jahrgang 1924. In jenen Jahren des Umbruchs hat jeder Jahrgang seine eigene Sichtweise. Otto, Katholik wie Horchem, stammt aus Halle, also aus einem strikt evangelischen Landstrich. Seine streng katholische Familie gehörte zum aufstrebenden gewerblichen Kleinbürgertum: Großvater und Vater führten ein aufblühendes Textilgeschäft. Gerade wegen der Diaspora-Situation geriet Otto in Konflikt zu dem (für sich allein durchaus nicht abgelehnten) "Neuen", das die Nationalsozialisten brachten. Auch er wurde - freiwilliges - Mitglied der Hitlerjugend. Vater und Großvater sprachen von den Nationalsozialisten als der "Mostrichbande"; wegen der hellbraunen Uniformen der NS-Funktionäre. Der Sohn gehörte gegen den Stil der Familie dazu. Er erreichte den Rang eines "Gefolgschaftsführers" der HJ - es war die vierte Stufe. Da geschah etwas für diejenigen, die nur Akten-Darstellungen der NS-Diktatur kennen, Unbegreifliches. Hitlerjungen brachen lärmend in einen katholischen Gottesdienst ein. Mit einigen anderen prügelte Otto die Störer aus der Kirche. Von einem hohen HJ-Führer zur Rechenschaft gezogen, entschied sich Otto für die Kirche und gegen die Hitlerjugend. Aus ihr trat er aus.

          Trotzdem blieb er, wie er es - gegen den Willen der Familie - beschlossen hatte, Offiziersbewerber. Im Alter von siebzehn Jahren wurde er einberufen, versehen mit dem "Reifevermerk" der Schule, an der er, anders als Horchem, den Nationalsozialismus verkündende Lehrer nur als Ausnahme erlebt hatte. Er rückte rasch auf. Die Geschichtsschreibung weiß, daß sich der "Führer" in den letzten Kriegsjahren in seinen Hauptquartieren versteckt habe. Otto berichtet, daß er im Oktober 1943, also lange nach Stalingrad, mit vielen anderen Oberfähnrichen zum "Appell" vor dem "Führer" nach Breslau in die riesige Jahrhunderthalle gebracht wurde. Auch damals noch hat sich offenbar die rätselhafte Faszination gezeigt, die von Hitler ausging. Otto schreibt von dem Jubel der "Todgeweihten".

          Das Kriegsende erlebte Otto als neunzehn Jahre alter Leutnant und etwas hilfloser Führer einer Kompanie, in der er der Jüngste war. Die Logistik hat bis zuletzt funktioniert. Der Leutnant Otto bekam als einziger der Kompanie die nicht Volljährigen zustehende Zusatzverpflegung. Über alle "Verlegungen" reiste die Personalakte mit. Ein verbotener Blick in sie ergab, daß Otto von einem - unbekannt bleibenden - Wohlmeinenden der "Führerreserve" zugeschrieben worden war, was seinen äußerste Gefährdung vermeidenden Einsatz erklärt.

          Ein Fall von Befehlsverweigerung

          An der 1943 von den Amerikanern eröffneten Italien-Front wurde dem jungen Leutnant Otto vom Regiments-Kommandeur der Befehl erteilt, drei der Spionage verdächtige Italiener "auf der Flucht" zu erschießen; man wußte nicht, was mit ihnen anzufangen sei. Otto fuhr mit den nichtsahnenden Delinquenten in einem Kübelwagen los, begleitet von zwei Unteroffizieren. In einer stillen Gegend sagten sie, die Pistolen lockernd, "hier könnte man es machen". Der junge Leutnant aber befahl, die drei laufen zu lassen. Zurückgekehrt, meldete der Leutnant dem Oberst: "Ich habe es nicht fertiggebracht." Die Antwort: "Mensch, Mensch" - nichts weiter. In solchen Situationen konnte niemand wissen, ob das Todesurteil wegen Befehlsverweigerung folgen werde.

          Otto schreibt über die Wende des Jahres 1945 hinweg. Er hatte das Glück, alsbald wieder in Halle zu sein, aber das Pech, daß am 1. Juli 1945 die Rote Armee dort an Stelle der Amerikaner Besatzungsmacht wurde. Es kam, was fatal an das vergangene System erinnerte: Verhöre durch Russen, zu unüblicher Tageszeit, aber auch die verdeckte Warnung durch einen "Volkspolizisten". 1947 flüchtete Otto in den Westen. Eine Mauer war nicht zu überwinden. Der Lieferwagen der Firma brachte den Fluchtwilligen bis dicht an die Grenze. Die patrouillierende Besatzungsmacht war gerade nicht am Ort. Ein leidlich wohletablierter Onkel im hessischen Friedberg sprach die damals gegenüber Flüchtlingen üblichen Grußworte: "Das hat uns ja gerade noch gefehlt." Viele Westdeutsche sahen den Zustrom aus der Sowjetzone, später aus der DDR mit Unbehagen. Ihnen sagt Otto, daß die, die aus der "Zone" fortgingen, nicht nur Eigentum aufgaben, sondern Unwiederbringliches: die Heimat.

          FRIEDRICH KARL FROMME

          Hans Josef Horchem: "Kinder im Krieg". Kindheit und Jugend im Dritten Reich. Verlag E.S. Mittler & Sohn, Hamburg, Berlin, Bonn 2000. 256 S., Abb., geb., 48,- DM.

          Bertram Otto: "Wußten wir auch nicht, wohin es geht . . ." Erinnerungen 1927-1947. Universitas Verlag, München 2000. 288 S., geb., 39,80 DM.

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