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Rezension: Sachbuch : Was die Nacht so finster macht

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Wenn heutzutage ein Komet oder eine Supernova entdeckt wird, läuft die Kunde davon innerhalb von Stunden um die ganze Erde. Vor zweihundert Jahren war das noch nicht so. Deshalb ging der erste Kleinplanet, die am 1. Januar 1801 von Giuseppe Piazzi entdeckte Ceres, zunächst wieder verloren. Denn der italienische Astronom erkrankte und konnte ihn nicht weiter beobachten.

          Wenn heutzutage ein Komet oder eine Supernova entdeckt wird, läuft die Kunde davon innerhalb von Stunden um die ganze Erde. Vor zweihundert Jahren war das noch nicht so. Deshalb ging der erste Kleinplanet, die am 1. Januar 1801 von Giuseppe Piazzi entdeckte Ceres, zunächst wieder verloren. Denn der italienische Astronom erkrankte und konnte ihn nicht weiter beobachten. Zum Glück reichten die Daten aus, die Bahn des Objekts zu berechnen, so daß Franz Xaver von Zach es ein Jahr später wiederentdecken konnte. Das Leben Zachs (1754 bis 1832) hat Peter Brosche penibel anhand umfangreichen Archivmaterials verfolgt und in dem Buch "Der Astronom der Herzogin" Schritt für Schritt ausgebreitet.

          Zach hat sich vor allem als eine Art Manager der Astronomie große Verdienste erworben, wobei ihm seine vielen Kontakte zu Gelehrten und Staatsmännern zugute kamen. Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha holte Zach, der eine Zeitlang in Lemberg als Professor für Mechanik gearbeitet hatte, 1786 nach Gotha, wo er für ihn eine Sternwarte bauen sollte. Als Astronom des Herzogs - und nach dessen Tod im Jahr 1804 der Herzogswitwe Marie Charlotte Amalie - korrespondierte er ausführlich mit anderen Astronomen in ganz Europa. Engen Kontakt hatte er unter anderem mit Carl Friedrich Gauß und Joseph Jérôme Lalande, der eines Tages seinen Besuch in Gotha ankündigte und den Wunsch äußerte, bei dieser Gelegenheit auch andere deutsche Astronomen kennenzulernen. Das Treffen im Jahr 1798, bei dem eifrig Gedanken ausgetauscht wurden, gilt heute als erster astronomischer Kongreß.

          Im selben Jahr gründete Zach die erste Monatszeitschrift, in der die Astronomie maßgeblich vertreten war - die "Allgemeinen Geographischen Ephemeriden" -, und schon im Jahr 1800 eine weitere, diesmal nur der Astronomie gewidmete Monatszeitschrift, die "Monatliche Correspondenz". Damit war endgültig die Möglichkeit geschaffen worden, Entdeckungen am Himmel schnell und regelmäßig zu verbreiten. Dies kam vor allem der Kometenforschung und der neuen astronomischen Sparte zugute, die sich mit Kleinplaneten befaßte.

          Damals stand man im Begriff, die Planetenlücke zwischen den Bahnen von Mars und Jupiter zu füllen. Man erwartete, daß sich dort ein noch unbekannter Planet bewegt. Danach gezielt zu suchen war die Aufgabe der Vereinigten Astronomischen Gesellschaft - der weltweit ersten astronomischen Gesellschaft -, die Zach im Jahr 1800 in Lilienthal bei Bremen zusammen mit Wilhelm Olbers und anderen Himmelsforschern gründete. Die Nachricht, daß Piazzi in der Lücke den Kleinplaneten Ceres entdeckt hatte, dem später noch viele Kleinplaneten folgen sollten, hatte sich noch nicht bis Bremen herumgesprochen. Dank der Monatlichen Correspondenz konnte die Zahl solcher "Pannen" in der Folgezeit deutlich gesenkt werden.

          In historischer Akribie mit Hunderten von Anmerkungen hat Brosche den Lebenslauf Zachs nachvollzogen und damit verdienstvoll einen weißen Flecken im Geschichtsbuch der Astronomie beseitigt. Nebenbei lernt der Leser einiges über die Art und Weise, wie damals Wissenschaft betrieben wurde. Ausführlicher, wenngleich nur in ausgewählten Kapiteln, geht darauf das von Gerd Biegel, Günther Oestmann und Karin Reich herausgegebene Buch "Neue Welten. Wilhelm Olbers und die Naturwissenschaften um 1800" ein.

          Olbers (1758 bis 1840), von Hause aus Arzt, hat sich in Bremen zunächst als Amateur der Astronomie gewidmet, 1799 aber eine eigene Sternwarte gebaut, die ähnlich der Zachschen Sternwarte auf dem Seeberg bei Gotha zum astronomischen Treffpunkt wurde. Zu jener Zeit hatte sich Olbers schon durch seine Arbeit "Über die leichteste und bequemste Methode, die Bahn eines Kometen aus einigen Beobachtungen zu berechnen" (1797) einen Namen gemacht. Die Arbeit sollte für die folgenden anderthalb Jahrhunderte die wichtigste Grundlage der Bestimmung einer Kometenbahn aus nur drei Beobachtungen bleiben.

          Nicht nur in der Kometenforschung hat sich Olbers ausgezeichnet. Ihm ist auch die Entdeckung von zweien der ersten vier Kleinplaneten zu verdanken. Daß er noch heute bekannt ist, verdankt er jedoch hauptsächlich dem nach ihm benannten Paradoxon, das besagt, die unendlich vielen Sterne im Kosmos müßten die Nacht eigentlich zum Tage machen, was sie aber nicht tun.

          GÜNTER PAUL

          Peter Brosche: "Der Astronom der Herzogin". Leben und Werk von Franz Xaver von Zach (1754-1832). Verlag Harri Deutsch, Frankfurt am Main 2001. 304 S., zahlr. Abb., br., 24,80 [Euro].

          Gerd Biegel, Günther Oestmann, Karin Reich (Hg.): "Neue Welten". Wilhelm Olbers und die Naturwissenschaften um 1800. Braunschweigisches Landesmuseum, Braunschweig 2001. 272 S., zahlr. Abb., geb., 15,50 [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.05.2002, Nr. 105 / Seite 50

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