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Veröffentlicht: 04.04.1998, 12:00 Uhr

Rezension: Sachbuch Was der Wille erstrebt, erreicht er

Wer's glaubt, wird befördert: Bärbel Schwertfeger berichtet aus den Innenwelten der Unternehmensethik

Daß bald eine Dissertation über die Heidegger-Rezeption der deutschen Unternehmensphilosophie fällig sein müßte, ist ein überraschender Befund des Aufklärungsbuches von Bärbel Schwertfeger. Immer mehr Pesonalchefs klagen über seinsmäßige Defizite ihrer Führungskräfte, die eine optimale Verzinsung des firmeneigenen Humankapitals verhindern: "Jeder ist der Andere und Keiner er selbst" (Sein und Zeit § 27); die "Sorge der Durchschnittlichkeit" (ebd.) verhindert innovative Leistungen. Eine zunehmend verbreitete Sorte Persönlichkeitstraining verspricht Abhilfe unter Berufung auf den Grübelguru aus dem Schwarzwald: "Schlüsselworte" legt Schwertfeger dar, sind dabei Transformationen, Geworfensein, Durchbruch, Möglichkeit und Ontologie". Haben wir es mit dem endgültigen Sieg des Geistes über das Materielle zu tun? Raunt man auf Chefetagen bald von An-gebot und Nach-frage? Doch keine Sprechübungen im Jargon der Eigentlichkeit stehen seinsvergessenen Managern bevor. In Ablegern des umstrittenen "Erhard-Seminar-Trainings" (EST) etwa arbeitet man mit Transzendentaler Meditation, Hypnose und anderen weniger respektablen, aber nicht minder tiefgreifenden Methoden, die auch in Sekten zu Anwendung kommen. Solchen Psychotrainings unterzieht sich auch in Deutschland eine wachsende Zahl von Spitzenkräften der Wirtschaft - aus eigenem Antrieb oder auf Anraten der Personalabteilungen.

Besonders tiefe Spuren hat die Heidegger-Lektüre bei Werner Erhard, dem Erfinder der EST-Methode, nicht hinterlassen. Der "Einebnung aller Seinsmöglichkeiten" begegnet seine Botschaft: "Du bist der Gott in deinem Universum. Du hast es geschaffen". Das Konkurrenzunternehmen "Lifespring" prägte den Slogan: "Hundert Prozent Verantwortung", zynisch gewendet: Wer Pech hat, ist selber schuld. Die Annahme, daß ein Mensch sich selbst neu zu erfinden und seine nur von der eigenen Lebenseinstellung abhängige Umgebung restlos zu kontrollieren vermöge, liegt dem Versprechen zugrunde, im psychologischen Hauruck-Verfahren jedermann zum unwiderstehlichen Machertypen umzupolen.

Ähnlichkeiten mit dem Omnipotenzwahn der Scientologen sind nicht zufällig. Deren Methode des "Auditing" - de facto der Versuch, die Individualität auszulöschen und an deren Stelle den perfekt funktionierenden "Operativen Thetan" aufzubauen - scheint nach Schwertfeger in verschiedener Verdünnung auch den Programmen erfolgreicher Seminaranbieter wie "Landmark", "UPT" oder "Block" zugrunde zu liegen. Organisatorische Unabhängigkeit schließt ideologische Nähe nicht aus. Will man vorab Genaueres über die Inhalte der sündhaft teuren Veranstaltungen erfahren, halten sich die Heilslehrer und meist auch frühere Teilnehmer bedeckt: "Da müssen Sie selbst hingehen. Das ist eben Ontologie."

Von Sekten bekannt sind zahlreiche von Schwertfeger (allerdings oft aus zweiter Hand) referierte Praktiken zur psychischen Zermürbung. Essens- und Schlafentzug, absolutes Kommunikationsverbot unter den Teilnehmern, körperliche Überanstrengung und Hyperventilation, öffentlicher Seelenstriptease und anderes können tatsächlich in kürzester Zeit die stabilste innere Festung sturmreif schießen. Manchem Personalchef ist das Paradox wohl nicht bewußt, daß er die Autonomie seiner Mitarbeiter durch die Unterwerfung unter ein kritiklos hinzunehmendes Schulungsprogramm fördern will.

Individualität serienmäßig? Vielleicht war es nicht zufällig ein Automobilzulieferer, der mit dem Versuch Schlagzeilen machte, seine komplette Belegschaft psychologisch auf Vordermann zu bringen. Die totale Absorption der Intimsphäre durch die Arbeitswelt steht dabei in krassem Widerspruch zu der Beobachtung, daß mangels Ressourcen eine ausschließliche Selbstdefinition über die Erwerbsarbeit immer anachronistischer wird. Man muß wohl komplett in der ökonomischen Sphäre sozialisiert sein, um nicht bereits die Idee einer Persönlichkeitsschulung jenseits erlernbarer Fähig- und Fertigkeiten abwegig zu finden. Der Idealtyp des zugleich visionären und unterwürfigen Angestellten mit Anti-Blockier-System scheint einem Machbarkeitsglauben aus der Mottenkiste des Fortschritts entsprungen: Nichts ist unmöglich.

Schwertfeger nennt Roß und Reiter, womit sie sich in der Vergangenheit nicht nur Freunde gemacht hat. Ausführlich beschreibt sie die Reaktionen betroffener Unternehmen auf frühere Veröffentlichungen. Die Rede pro domo gehört aber in diesem Fall zur Sache, denn so wird die Mischung aus Einschüchterung, Bestechung und offener Drohung deutlich, mit der kritische Journalisten ruhiggestellt werden sollen. Obwohl die streitbare Autorin mehrfach betont, keineswegs alle Anbieter in einen Topf werfen zu wollen, gibt sie sich unnötige Blößen. Mit dem Vergleich von Scharlatanen und gefährlichen Sekten macht sie es sich manchmal zu einfach.

Auf die Gefahren laienhafter Seelenklempnerei weist Schwertfeger deutlich genug hin. "Alle aufdeckenden Verfahren, bei denen unbewußte oder traumatische Ereignisse gezielt hervorgeholt werden, sollten daher bei einem Persönlichkeitsseminar außen vor bleiben." Auch für die Firmen kann sich eine unfachmännische Schulung als Bumerang erweisen. Dem Betriebsklima wenig zuträglich sind frischgebackene Genies in Nadelstreifen, die sich mit Kant ihre Regeln selbst geben. Beklagt wurden laut Schwertfeger schon Fälle von Größenwahn; so hatte man das mit der unternehmerischen Vision auch wieder nicht gemeint. RICHARD KÄMMERLINGS

Bärbel Schwertfeger: "Der Griff nach der Psyche". Was umstrittene Persönlichkeitstrainer in Unternehmen anrichten. Vorwort von Lutz Rosenstiel. Campus Verlag, Frankfurt am Main 1998. 300 S., geb., 39,80 DM.

Glosse

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