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Rezension: Sachbuch Warum ist da nicht nichts?

Daß die Naturwissenschaften "ein grenzenloses Morgen" vor sich haben, hat George Steiner schon mehrfach betont, denn ihr Prinzip ist der Fortschritt. An der "Erfahrungsbeschleunigung", nach Reinhart Koselleck das Kernkriterium im Prozeß der Modernisierung, sind sie deshalb mehr als alle anderen Wertsysteme der ...

Daß die Naturwissenschaften "ein grenzenloses Morgen" vor sich haben, hat George Steiner schon mehrfach betont, denn ihr Prinzip ist der Fortschritt. An der "Erfahrungsbeschleunigung", nach Reinhart Koselleck das Kernkriterium im Prozeß der Modernisierung, sind sie deshalb mehr als alle anderen Wertsysteme der Gesellschaft beteiligt und somit "modern" in einem ganz spezifischen Sinn.

Zur Zeit sind sie auf der Suche nach den Ursprüngen des Lebens ebenso wie des Bewußtseins, der Materie, der Welt und des Kosmos. Ein erstaunlich großes Stück sind sie auf diesem Wege vorangekommen, und "keine Winde der Mode" - sagt Steiner - werden sie "in die Vergangenheit zurückwehen". Sie sind auf Sekunden an den "Urknall" herangekommen, sind in das Innere des Lebens eingedrungen und haben es der technischen Intervention offengelegt, sie haben das scheinbar Unspaltbare (das "Atom") gespalten und damit Kräfte freigesetzt, von denen vorher nur Mythos und Märchen berichtet haben, sie haben die Konstanz der Elemente durchbrochen und in ihren Teams und Arbeitsgruppen eine Gemeinschaftskultur geschaffen, die es weltweit noch nie gegeben hat. Selbst dort, wo Naturwissenschaftler um Patente und Preise und Gelder miteinander konkurrieren, "kommunizieren sie miteinander in einem ,Cyberspace' wechselseitiger Wahrnehmung, die den heutigen tatsächlichen Netzen informationeller Unmittelbarkeit um tausend Jahre voraus ist".

George Steiner, einer der großen fragenden Kulturkritiker unserer Zeit, hat mit einer grundlegenden Frage gegenüber seinem hier skizzierten Befund den ganzen so heftig umrätselten Unterschied der beiden Kulturen von science und literature schlaglichtartig deutlich gemacht. "Was stellt", fragt er, "im Gegensatz hierzu einen Fortschritt gegenüber Homer oder Sophokles, gegenüber Platon oder Dante dar?" Moral, Ästhetik und Geschichte, die grundlegenden Objektbereiche der Geisteswissenschaften, sind nicht jenem "Imperativ des Fortschritts" unterworfen, der die Naturwissenschaften zu den modernen Wissenschaften par excellence macht. Im Schnellschritt des sich steigernden Entwicklungstempos, in einem tendenziell gedächtnislosen Fortschritt gehen offenkundig Erfahrungen und Bewußtseinszustände verloren, die zum Überleben moderner Hochkulturen ebenso wichtig sind wie naturwissenschaftliche Erkenntnisse, Erfindungen und Entdeckungen. "Es gibt keine Gemeinschaft auf der Erde und kann sie nicht geben . . ., die ohne Musik, ohne eine Form der graphischen Kunst, ohne jene Erzählungen von imaginierter Erinnerung auskäme, welche wir Mythos und Dichtung nennen." Zumindest gefährdet sind heute Gedächtnis und Erinnerung, Einsamkeit, Stille und Privatheit, der wirkende Zufall und jetzt auch - das ist George Steiners Thema - die Idee der Schöpfung und der Kreativität. Sie wird ersetzt durch bloßes Erfinden und Entdecken, wobei die Vorstellung der Kosmogonie ebenso unter Druck gerät wie ihr Analogon, die schöpferische Phantasie des Künstlers.

Schöpfung ist mehr als Erfindung, und gerade der Bezug des künstlerischen Schaffens und Erschaffens auf den Anfang aller Dinge, die Zeitlosigkeit des großen (erschaffenen) Kunstwerkes, inmitten des historischen Ablaufs der Zeit, hebt "Schöpfung" und "Schöpfer" über die Immanenz auch der bedeutenden Erfindung und der genialen Entdeckung hinaus. Der Glanz, der dieser Kreativität eignet, entspringt der Wiederholung ebenjenes "ersten Augenblicks" der Schöpfung, alle große Literatur ist ein einziges Déjà-vu. So haben die "Grammatiken der Schöpfung", die George Steiner uns zu lesen lehrt: das Buch Hiob, die Epen Homers, Platons "Timaios", Dante, Hölderlin, Flaubert, Joyce, Celan und viele andere, allesamt etwas vom Abglanz des ersten Tages, ja einer Zeit vor aller Zeit an sich. Denn das ist die grundlegende Frage, die George Steiner, allen naturtheoretischen Warnungen zum Trotz, noch einmal und wieder einmal zu stellen wagt, die ontologische Frage: "Warum ist da nicht nichts?"

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