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Rezension: Sachbuch : Von hinten durchbohrt

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Vorgebirgsprosa: Die Manifeste der Avantgarde

          Stehen, sagt der Philosoph, ist Nichtumfallen. Man mag das eine sparsame Auskunft nennen, doch sie hilft begreifen, worum es ging, als die Kunst sich noch "avantgardistisch" nannte. Avantgardismus ist Nichtanhalten. "Kein Stehenbleiben!" rief 1920 Ludwig Kassák im Namen der ungarischen Aktivisten den Künstlern aller Länder zu. "Brüder, verbrüdert euch zum Aufbau des neuen Menschen, des kollektiven Individuums!"

          Über derlei begriffliches Schwermetall ist die Zeit hinweggegangen. Doch schon damals dürfte die avantgardistische Rede manchem Rätsel aufgegeben haben, und das mit Absicht. Lebhaft interpunktiertes Pathos entpuppte sich unversehens als Albernheit, und was eben noch schrill und übermütig tönte, war tatsächlich bitter ernst gemeint. Auf diese Art hat die Avantgarde so ziemlich alles ausprobiert, was sich an zerebralem Allotria denken läßt: einen "Aismus" etwa, der auf den ersten Buchstaben des Alphabets fixiert und im übrigen ein Seitenstück des ungleich prominenteren "Dadaismus" gewesen ist, oder einen eher bärbeißigen "Artifizialismus", der die Schranke zwischen Malerei und Dichtung anfocht, oder einen "Zenitismus", dessen Auftritt schon 1921 erkennen ließ, daß es hernach eigentlich nur noch abwärtsgehen konnte.

          Der Avantgardismus, so lautet die Summenformel der Herausgeber Asholt und Fähnders, war ein "Manifestantismus". Jeder Ismus eine Konfession. Man war polyglott, agierte publikumsbezogen und mit Verve. Mit der Wahl des Begriffsnamens stand überdies die traditionskritische Haltung fest. Avantgarde heißt Vorhut, und genau dies wollte sie sein. "Wir stehen", erklärte das Gründungsmanifest des Futurismus, "auf dem äußersten Vorgebirge der Jahrhunderte!" Typisch avantgardistisch wurde diese Position nicht begründet, sondern proklamiert. Die Manifeste des Avantgardismus sind Ausdruck der reinen Erwartung.

          Nun hätte der Avantgardismus seinen unbestreitbaren Erfolg nicht gehabt, wäre er blindlings den Parteien des Fortschritts gefolgt. Er ist eine Erscheinung des zwanzigsten, nicht des neunzehnten Jahrhunderts, und entsprechend vielschichtig ist sein Repertoire. Es ist das Verdienst der vorliegenden Sammlung, diese Mannigfaltigkeit vor Augen zu führen. Zahlreiche Manifeste werden hier nach Jahrzehnten wieder zugänglich gemacht, nicht wenige sind erstmals oder neu übersetzt. Der so erschlossene Blick aufs Ganze ist aufschlußreich, denn er läßt die Bruchlinien klar hervortreten. "Das Wort Avantgardismus gehört ausgelöscht", forderte der katalanische Avantgardist Sebastià Gasch, und bereits 1920 veröffentlichte Francis Picabia ein "Von hinten durchbohrtes Manifest". Das waren paradoxe Versuche einer Rettung durch Widerruf, doch einem Konzept, das durchaus naiv auf den Elan der Bewegung, auf das Nichtstehenbleiben gesetzt hatte, war durch Raffinement kaum zu helfen. Mit wildem Gelächter quittiert Picabia die Welle des Erfolgs, die den Avantgardismus emporgetragen hatte und die ihn schon bald mit sich fortspülen sollte. RALF KONERSMANN

          "Manifeste und Proklamationen der europäischen Avantgarde. 1909-1938". Hrsg. v. Wolfgang Asholt und Walter Fähnders. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart / Weimar 1995. 481 S., geb., 98,- DM.

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