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Rezension: Sachbuch : Von den konstruktionsbedingten Mängeln des Verstandes

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McGinn möchte aus diesem Kreis ausbrechen; er sucht nach einer metaphilosophischen Alternative und nach erkenntnistheoretischen Erklärungen für unser Scheitern in der Philosophie. Er glaubt, daß die Vernunft von Natur aus auf Probleme einer besonderen Art zugeschnitten sei: Sie beweise ihre Stärke immer dann, wenn spezifizierbare Grundelemente Verknüpfungsprinzipien gehorchen, die Beziehungen herstellen zwischen Komplexen aus solchen Elementen. McGinn spricht in diesem Zusammenhang von "kombinatorischem Atomismus mit gesetzartigen Abbildungen" und führt dafür wiederum ein Akronym ein, aus dem in der deutschen Fassung "KAGA" wird. Physik, Linguistik und Mathematik seien in besonderer Weise KAGA-tauglich; die Geometrie könne geradezu als KAGA-Bereich par excellence gelten. Philosophische Verwirrung dagegen stelle sich dann ein, wenn Dinge oder Beziehungen nicht im Rahmen unserer auf räumliche Verhältnisse geeichten Denkweise zu verstehen sind.

McGinn warnt immer wieder davor, aus unserem epistemischen Unvermögen ontologische Konsequenzen zu ziehen. Es sei nicht so, daß etwa das Bewußtsein an sich rätselhaft, verborgen oder übernatürlich sei; wir sind schlicht und einfach nicht dafür gebaut, bestimmte Zusammenhänge zu verstehen. Die philosophischen Probleme betreffen Phänomene, die wirklich und natürlich sind, nur sind sie uns nicht zugänglich. So kommt er dazu, seine Position als "transzendentalen Naturalismus" zu kennzeichnen, um gleichermaßen die Natürlichkeit des Phänomens wie auch seine kognitive Verschlossenheit für uns zu betonen.

Wenngleich der Leser beim Durchgang durch einige der prominentesten Diskussionen, wie der Klappentext verspricht, "einen Überblick über die Grundfragen der Philosophie" erhält, so ist das Buch doch keineswegs für Anfänger geeignet. Durch die kryptischen und parteiischen Ausführungen könnten sie nur überfordert und irregeführt werden. Vor allem würden sie den Fragen entfremdet, bevor sie diese gründlich verstanden hätten und bevor sie eine Chance gehabt hätten, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Wer dagegen auf eine längere Erfahrung im Umgang mit philosophischen Problemen zurückblicken kann, wird sich McGinns ernüchternden Rekonstruktionen und Spekulationen mit Gewinn stellen können. Er wird sich zunächst fragen müssen, ob McGinn mit seinen Diagnosen in bezug auf das Thema "Bewußtsein" recht hat. Und wenn er dies einräumen sollte, ist im einzelnen zu prüfen, ob die Hypothesen plausiblerweise auf andere philosophische Dauerbrenner wie Willensfreiheit oder den Skeptizismus übertragbar sind, ganz zu schweigen von moralphilosophischen Fragen, deren dauerhafte Strittigkeit ohnehin anders zu erklären sein dürfte. McGinn sieht in seinem Vorwort voraus, daß man seine metaphilosophische Anschauung nicht mit Begeisterung aufnehmen wird. Mit dieser Prognose dürfte er in jedem Falle recht behalten. OLIVER R. SCHOLZ

Colin McGinn: "Die Grenzen vernünftigen Fragens". Grundprobleme der Philosophie. Aus dem Englischen von Joachim Schulte. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 1996. 256 S., geb., 48,- DM.

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