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Veröffentlicht: 10.10.1995, 12:00 Uhr

Rezension: Sachbuch Volkseigene Individualität

Wolfgang Englers komplexer Osten / Von Mark Siemons

Mit der Wiedervereinigung stieß nicht nur die östliche Verstehenskapazität an ihre Grenzen. Auch das westliche Vorstellungsvermögen kam meist nicht über die hilflose Wendung vom "real existierenden Sozialismus" hinaus, der nun der modern ausdifferenzierten, pluralistischen Gesellschaft der Bundesrepublik Platz gemacht habe. Begriffe völlig verschiedener Sphären stießen aufeinander: Auf Marx folgt Luhmann, und den DDR-Bürgern kommt es zu, sich der überlegenen Terminologie so rasch als möglich einzugliedern.

Schon vor der Wende versuchte der Ost-Berliner Philosoph Wolfgang Engler diese Beziehungslosigkeit zu durchbrechen, indem er die Gesellschaft der DDR nicht mit den Fachausdrücken des Marxismus-Leninismus, sondern in den Kategorien westlicher Theorie, mit Norbert Elias, Foucault und Lévi-Strauss beschrieb. In einem kleinen Kunstinstitut am Prenzlauer Berg hatte er die nötige Freiheit dazu, jenseits des Zirkels von Staatsinteresse und Dissidenten-Engagement.

Nun werden die Früchte dieses Eremitendaseins sichtbar. Engler sieht den Grundfehler der westlichen Beurteilung des Ostens darin, aus dem abstrakten Begriff "Staatssozialismus" unvermittelt auf alle konkreten Umstände der Existenz zu schließen: "Man identifiziert die DDR, die Lebensverhältnisse und Lebensweisen ihrer Bewohner so sehr mit dem politischen Kalkül der Machthaber, daß kein Rest bleibt." Engler zeigt nun, daß viele Absichten in der Wirklichkeit nicht aufgingen, vielmehr geradezu paradoxe Effekte erzeugten. In seiner ersten, 1993 erschienenen Aufsatzsammlung "Die zivilisatorische Lücke" hatte er beschrieben, wie durch die frühe Austreibung des Bürgertums Stil und Formen in der DDR verfielen. Die auf Fremdzwang beruhende Ordnung, die die barbarischen neuen Funktionseliten etablierten, konnte deren Herrschaft nicht überdauern; das im Westen übliche Fremd-Selbstzwang-System, so schloß Engler mit Eliasschen Kategorien, ein anspruchsvolleres Muster der Verhaltenszivilisierung, müsse nun erst mühsam erworben werden.

Das neue Buch, "Die ungewollte Moderne", hat einen deutlich anderen Ton. Er ist gereizter, aggressiver - aber nicht gegenüber der DDR-Vergangenheit, sondern gegenüber der Gegenwart der Bundesrepublik. Er wirft den westlichen Intellektuellen vor, daß sie ihre vornehmste Aufgabe vernachlässigen: von ihrem eigenen So-Sein Abstand zu nehmen, sich selbst in die Objektivierung einzubeziehen. Sie seien derart in die harmonisch ineinandergreifenden Sphären des Luhmannschen Kosmos eingegliedert, daß sie dessen Kategorien ohne weitere Nachfragen übernehmen, wenn sie das Bild ihrer selbst "als moderne Menschen formen". Englers fremder Blick fällt nun auch auf diese westliche Gesellschaft, die er nicht länger bloß nach ihren eigenen Absichten bewerten will. Er macht Ordnungsregeln der erstarrten westlichen Diskurse aus, die allzeit "weiblich, Ich-bezogen, stark engagiert, links, mit sich selbst identisch, universell erregbar, radikal zivilisationskritisch" sein müßten. Das schlechte Gewissen der Achtundsechziger, daß sie ohne Systemwechsel heute die Gesellschaft mitgestalten, habe zu einer "notorischen Unfähigkeit, sich zu freuen" geführt.

Engler greift den träge gewordenen Überlegenheitskomplex des Westens an seiner empfindlichsten Stelle an: der "Individualisierung". Auch wenn der Westen noch so viele soziale, ökologische und persönliche Katastrophen zugestehen muß, so hält er sich doch zugute, daß dies zumindest auf höchst moderne, eben "individualistische" Weise geschieht. Die Individualisierung sieht er als eines seiner letzten verbliebenen Unterscheidungsmerkmale an. Engler zeigt nun sowohl, daß es entgegen allem Anschein Individualisierung auch im Osten gab, wie auch, daß man sie sich keineswegs immer als einen glücklichen Vorgang vorstellen muß, daß sie zur Bewältigung der modernen Probleme allein nicht hinreicht.

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