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Rezension: Sachbuch : Versteinerte Weiblichkeit

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Silke Wenk über Allegorien in der Skulptur der Moderne / Von Beate Soentgen

          Man begegnet ihnen überall, doch prägen weibliche Skulpturen vor allem das Bild der Städte, die im neunzehnten Jahrhundert ihr Gesicht erhielten. Im Gegensatz zu ihren männlichen Pendants handelt es sich bei den versteinerten Frauen nicht um Abbilder berühmter und bedeutender Persönlichkeiten, sondern um Allegorien. Meist zeigen sie errungene Siege oder angestrebte Tugenden an und verweisen damit auf Macht und Ethos der Nation, in deren Dienst sie errichtet wurden. Doch auch im Falle einer Niederlage tröstet und erhebt eine weibliche Allegorie: Die Figur der trauernden Mutter gibt dem Schmerz über einen Verlust nicht nur Ausdruck, durch die Erinnerung an Maria erhält dieser auch die Bedeutung von Notwendigkeit.

          Diese Ambivalenz der Trauernden als Mahnung und Rechtfertigung lieferte den Zündstoff für die Debatten um die zur Über-Mutter aufgeblähten und an bedeutungsträchtigem Ort aufgestelltem Pieta von Käthe Kollwitz. Doch steht die allegorisierende Form der Darstellung überhaupt in Mißkredit, denn statt Authentizität und Unmittelbarkeit bietet sie zumindest den Augen ihrer Gegner nur konventionalisierte Zeichen.

          Mit dem im neunzehnten Jahrhundert einsetzenden und in jüngster Zeit aktualisierten Streit eröffnet Silke Wenk ihre Studie über Allegorien in der Skulptur der Moderne. Ihr geht es nicht um eine Rehabilitierung der Allegorie als angemessene künstlerische Strategie, wie sie im Anschluß an Walter Benjamin gleichermaßen von Künstlern, Kritikern und Theoretikern unternommen wird. Wenk fragt zunächst jenseits von Wertungen nach Wirkungsweise und Geschichtlichkeit eines "optisch Unbewußten". In Werken von Henry Moore, Bernhard Heiliger und Yves Klein - skulptierte Niken aus den ersten Nachkriegsjahren - sind auf ganz unspektakuläre Weise Bilder von Weiblichkeit gegenwärtig, die bereits hundert Jahre zuvor formiert und im gleichen Zuge naturalisiert wurden. Überdeckt von den emphatisch gesetzten Zeichen eines Aufbruchs in die Abstraktion, der den Anschluß an die internationale Moderne bedeutete, entfalten diese Bilder und ihre Konnotationen dennoch ihre Wirksamkeit.

          Im neunzehnten Jahrhundert wird die weibliche Allegorie aus ihrer Funktion des kommentierenden Reliefs an einer Herrscherstatue gelöst und vollplastisch auf den Sockel erhoben. Statt eines personifizierten Bildnisses stellt nun ein idealisierter weiblicher Körper Nation, Kunst und Wahrheit dar. Das Verhältnis zwischen steinerner Frau und dem, was sie repräsentieren soll, ist jedoch von beredter Indirektheit, wie Wenk in einem unmittelbar einleuchtenden Vergleich mit den Signets auf Toilettentüren anschaulich macht: während diese Schildchen eindeutig meinen, daß dort, wo Frauen zu sehen sind, auch nur Frauen Zugang haben, repräsentiert die weibliche Plastik Bereiche, die Frauen verschlossen waren.

          Die Popularität dieser Skulpturen beruhte paradoxerweise auf ihrer Fähigkeit des "natürlichen" Sprechens - eine Qualität, die den steinernen Allegorien im Streit um unmittelbar wirkende und erst zu entziffernde Zeichen den verpönten allegorischen Charakter nahm. Seit Goethe verbunden mit "Natur" im Sinne von Bezugspunkt und Ursprung, schien das Bild des Weiblichen etwas auszudrücken, über dessen Bedeutung eine Verständigung nicht nötig war. Der weibliche Leib, gleichermaßen Natur und Ideal, veranschaulichte auf selbstverständliche Weise das "eigentliche" Wesen der Geschichte.

          Konstituiert als "natürliches" Zeichen mit unmittelbarer Wirkung, konnte die weibliche Allegorie auch in die Moderne hinübergerettet werden. Hier verbirgt sie sich in Figuren, deren abstrahierende Formen den Teufel der Allegorisierung zu bannen scheinen. So inszeniert Henry Moores hochaufgerichtete Bronzeplastik "Stehende Figur: Messerschneide" von 1961 augenfällig das von konkreter Gestalt gelöste Spiel von Massivität und Dynamik; dennoch vermeint man angesichts der nach vorne drängenden Bewegtheit der Figur das Rauschen der Flügel Nikes zu hören.

          Die Beliebtheit der Nike vor allem in den fünfziger und sechziger Jahren führt Wenk auf ihre vielschichtigen Konnotationen zurück. Als Allegorie des Sieges, als Bild des Schwerelosen und - durch die berühmte Antike im Besitz des Louvre - als Inbild abendländischer Kunst schleppt die Figur der Nike Bedeutungsreste mit sich, die auf verschiedenste Weise aktiv werden können.

          Bei Moore zeigt sie die klassischen Fundamente an, um deren Überforderung ganz im Geiste traditioneller aemulatio als Übertreffen auszustellen, das die Qualitäten auch des Alten birgt. Heiliger inszeniert Nike als flammendes Zeichen des Aufbruchs: die assoziierte Läuterung durch Opfer steht im Dienste der Entlastung durch sichtbare Erneuerung. In leuchtendem "International Klein Blue" gefärbt, gerät die kleine Gipskopie der Nike von Samothrake zum Konkurrenzunternehmen der Weltraumfahrt. Der hier gewiesene Weg in die Schwerelosigkeit erhält erst durch künstlerische Markierung wahren Wert: das Immaterielle steigert sich ins Übersinnliche.

          In ihren plastischen Beschreibungen macht Wenk die verzweigten, sich oft gegenseitig ausblendenden Assoziationen sichtbar. Sie legt das gewandelte System der Bezüge in der modernen Allegorie offen, ohne nach einer Festschreibung neuer "Bedeutung" zu suchen. In der Ausprägung einer neuen, männlichen Künstleridentität kommt dem "Weiblichen" eine passive, aber strukturierende Rolle zu. Künstler des frühen 20. Jahrhunderts verdammten, wie Lisa Tickner vorgeführt hat, in kraftstrotzenden Posen das Weibliche als Verweichlichung, um auf dieser Folie die Moderne als ehrliche, harte "Männerarbeit" herauszustellen. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg dient das Weibliche der Selbstverständigung männlicher Künstler, nun jedoch als allegorisches Zeichen ihrer Modernität und gleichzeitigen Verwurzelung in der Tradition der Väter.

          Silke Wenk: "Versteinerte Weiblichkeit". Allegorien in der Skulptur der Moderne. Böhlau Verlag, Köln 1996. 374 S., 100 S/W-Tafeln, br., 88,- DM.

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