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Rezension: Sachbuch : Verdrehte Augen

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Der Symbolist Ola Hansson himmelte den Erdenbürger Nietzsche an

          In einem Kopf-an-Kopf-Rennen veröffentlichten im Winterhalbjahr 1889/90 der renommierte dänische Literaturkritiker und Hochschullehrer Georg Brandes und der junge schwedische Erzähler Ola Hansson Aufsätze über den gerade zur Kultfigur avancierenden Friedrich Nietzsche. Brandes, engagierter Vorkämpfer für emanzipatorische Ideen, hatte seine Studenten schon 1888 in einer Vorlesungsreihe an der Universität Kopenhagen mit Nietzsche bekannt gemacht. Die Übersetzung seines Aufsatzes mit dem Titel "Aristokratischer Radikalismus" übertrug er der baltendeutschen Schriftstellerin Laura Marholm, die sich so viel Zeit damit ließ, daß ihr frischangetrauter Ehemann Ola Hansson ihm mit seinem Artikel um einige Monate zuvorkam. So jedenfalls die Version von Brandes, der seine Wut auf das Ehepaar in der damals progressivsten deutschen Kulturzeitschrift, der "Freien Bühne", ausließ.

          Dabei ging es um mehr als einen privaten Konflikt, denn die Zeitschrift war Austragungsort einer weitreichenden Auseinandersetzung zwischen den Naturalisten, die die Außenwelt zu vermessen suchten, und den Vertretern des modernen Symbolismus, denen die komplexe Innenwelt auf der Seele lag. Hansson war mit seinen Erzählungen und Essays maßgeblich daran beteiligt. Der Wortführer der neuen Stimmungskunst, der Wiener Kritiker Hermann Bahr, lobte ihn im Sommer 1890: "Die Diskussion der neuesten Phase, in welcher die Literatur sich über den Naturalismus hinaus entwickelt, wird seinen Namen bald zu einem Schlagwort schleifen." Heute kennt man ihn kaum mehr, obwohl Hanssons Aufsätze und Erzählbände bei den Dichtern der Avantgarde Furore machten.

          Verdienstvoll, daß ein kleiner Verlag es nun riskiert, ausgewählte Schriften Hanssons neu zu edieren. Den Auftakt bilden die "Sensitiva amorosa" von 1887 und eine Sammlung mit zwei Aufsätzen zu Nietzsche. Diese beiden wichtigsten Aufsätze Hanssons, "Friedrich Nietzsche - Seine Persönlichkeit und sein System" und "Friedrich Nietzsche und der Naturalismus", 1889 und 1891 in deutschen Zeitschriften erschienen, wurden auf der Grundlage der schwedischen Werkausgabe vom Herausgeber Hans Gloßmann neu übersetzt. Obwohl sie sich eng an die deutschen Erstdrucke anlehnt, fehlt der modernen Übersetzung der leicht angestaubte Zeitschriftenton von damals. Entfallen ist auch das aufschlußreiche Postskriptum der Redaktion von "Unsere Zeit", wo man Hanssons ersten Nietzsche-Hymnus nicht kommentarlos einer breiteren Öffentlichkeit zumuten wollte. Für diesen kleinen Mangel entschädigt das informative Nachwort.

          Obwohl Hansson seit 1890 in Berlin lebte, griff mit ihm gleichsam ein Außenseiter in die erregte Kulturdebatte ein und feierte in Nietzsche den neuen, zukunftsweisenden "repräsentativen Deutschen". Er spielte ihn gegen die Galionsfiguren des Naturalismus aus, gegen den "wissenschaftlichen Dilettanten" Zola, den "moralischen Spießbürger" Ibsen und den "konfusen Ignoranten" Tolstoi. Sie alle überflügelt der Forscher, Kulturreformator und Dichter Nietzsche, der mit seiner Umwertung der Moral und seiner introspektiven Sensibilität eine "strahlende Vision" für die erneuerungsbedürftige Gesellschaft entwirft.

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