http://www.faz.net/-gqz-6qgil

Rezension: Sachbuch : Unterwegs nach Suburbia

  • Aktualisiert am

Florian Rötzer errichtet die Telepolis auf den Ruinen der Logik

          Habitat liegt paradiesisch, direkt am Meer, geschützt von grünen Wäldern und sanften Hügeln. 1,5 Millionen Einwohner, Avatars genannt, leben hier. Sie treffen sich auf Schlössern, Bauernhöfen oder in "dungeons", einer Art Labyrinthe zum Selberbauen. Wenn sie in Habitat einziehen, können sie unter tausend Köpfen ihr Lieblingsmodell auswählen. Gefällt er ihnen nicht mehr, tauschen sie ihn im Head-Shop um, so wie sie ihre Farbe im Spray-Shop und ihr Geschlecht in einer Klinik wechseln können. In Japan heißt Habitat Populopolis. Habitat ist eine Stadt im Cyberspace.

          Florian Rötzer stellt in seinem Buch eine ganze Reihe solcher Städte vor: virtuelle Disneylands wie Habitat oder funktionale Netze, in denen sich reale Städte präsentieren, wie das "Cleveland Free Net" oder die "Internationale Stadt Amsterdam". Sie alle sind Teil des virtuellen Raumes, der aus der weltweiten Vernetzung der Computer entsteht. Rötzer nennt ihn "Telepolis", andere nennen ihn "City of Bits" oder "CyberCity". Das verspricht größere Dimensionen als McLuhans verträumtes "global village". Vor der Komplexität und den Ausmaßen des Cyberspace brechen aber auch die Stadtmetaphern regelmäßig zusammen.

          Rötzer kennt auch reale Städte. Es steht nicht gut um sie. Im virtuellen Zeitalter werden sie nach Meinung des Autors zu Wüsten der Kriminalität und des Drecks, während sich das angenehme Leben an der Peripherie oder zwischen den Städten abspielt, nicht weit vom Internet-Anschluß, um von hier aus über die Datenautobahnen mit dem Rest der Welt zu kommunizieren. Silicon Valley gilt für diese Entwicklung als prototypisch.

          Man mag darüber hinwegsehen, daß der Schwanengesang der Städte ein altes Lied ist. Bedenklicher ist, daß Rötzer den Gegensatz zwischen Menschen mit Netzanschluß und solchen ohne zur Ursache einer gesellschaftlichen Spaltung stilisiert. Er sieht eine "Aufsplittung in eine globale und räumlich verstreute Megacity mit vernetzten High-Tech-Kernen heraufziehen, in denen sich Macht, Geld, Kultur und Wissen konzentrieren, und riesige Slums und Ghettos auf der anderen Seite, die von der Entwicklung abgehängt sind und sich vor allem in den Städten, den neuen Gefängnissen für breite Bevölkerungsschichten, befinden". Nicht Rasse, Religion oder Parteibuch ziehen künftig Grenzen zwischen den Menschen, sondern allein der Datenzugang. Damit beschwört der Verfasser die computergestützte Apartheid.

          Die propagandistische Absicht solcher Thesen ist leicht durchschaubar. Vor der Hölle der Städte und der suburbanen Langeweile verspricht allein die Telepolis Rettung. Hier erfüllen sich die gescheiterten Verheißungen der Stadt, hier allein entgehen die Menschen der störenden "body-to-body-Kommunikation", können selbst bestimmen, ob und wann sie mit anderen "usern" in Kontakt treten. In der "individualistischen Möglichkeit der Selektion" erfährt die Urbanität ihre Vollendung. Wer je die Austrocknung und Verflachung menschlicher Beziehungen im virtuellen Zeitalter befürchtete - dieses Buch bestätigt ihn eindrucksvoll.

          Daß der Verfasser sich als "Philosophen auf Abwegen" bezeichnet, der mit "laienhafter Neugier" an das Thema herangehe, ist scheinheilige Chronistendemut. Rötzer ist ein Sittenwächter der Mediendebatte: Wer sich der neuen Zeit nicht bedingungslos hingibt, gilt als Nostalgiker mit reaktionärer Nebentätigkeit: "Der Ruf nach Zentralität und die Kritik am Individualismus . . . entstammen dem Repertoire einer Kulturkritik, deren Nähe zu den extremen, totalitären und fundamentalistischen Ideologien des Jahrhunderts auf der Hand liegt." Hitler und Stalin, man ahnte es, verabscheuten Telefone.

          In halsbrecherischem Tempo holpert Rötzer durch zehntausend Jahre Menschheitsgeschichte, Zitatfetzen und Halbwahrheiten der Medien-, Siedlungs- und Technikgeschichte rauschen in einem seichten Strom am Leser vorbei, und dieser kann den Drang, das Buch aus der Hand zu legen, nur unterdrücken, weil er zuweilen auf unfreiwillige Aphorismen wie den folgenden stößt: "Ein weiteres (Vorbild für Architektur) ist das Auto . . ., dessen Oberfläche funktional ist und als Gehäuse für einen Hohlkörper dient."

          Vierhundert Millionen Nutzer erwartet Rötzer bis zum Ende des Jahrtausends, fünf Millionen sind es zur Zeit. Er gibt sich als Defätist der neuen Medien und ist doch ihr Herold. Es beunruhigt ihn nicht, daß die Virtualität in der Wahrnehmung der Menschen die Realität verdrängen könnte. Er wartet darauf. Das Buch ist das Protokoll eines Übergangs. In fünfzig Jahren wird es amüsant sein zu lesen, was man um die Jahrhundertwende über die Zukunft dachte. Ginge es nach dem Willen des Verfassers, hätten wir uns bis dahin der Virtualität angepaßt, vielleicht als Mensch-Maschine-Konstruktionen mit Brain-Chips, künstlichen Augen und synthetischer Haut. Dann wären es nur noch drei Schritte bis zum Head-Shop. SONJA ZEKRI

          Florian Rötzer: "Die Telepolis". Urbanität im digitalen Zeitalter. BollmannVerlag, Mannheim 1995. 248 S., geb., 36,- DM.

          Weitere Themen

          Vom Leben in der Stadt

          „The Sweet Flypaper of Life“ : Vom Leben in der Stadt

          Das Buch „The Sweet Flypaper of Life“ wurde im Laufe der Jahrzehnte immer wieder einmal gedruckt, galt jedoch seit den achtziger Jahren als vergriffen. In New York wird der Klassiker nun gerade wieder neu entdeckt und gefeiert.

          Topmeldungen

          Mays Brexit-Deal : Zumindest der Umweltminister bleibt

          Bislang zeichnet sich keine Mehrheit für Mays Brexit-Entwurf ab, doch alternative Szenarien haben noch weniger Unterstützer. Richtungsweisend könnte das angekündigte Misstrauensvotum werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.