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Rezension: Sachbuch Untergang der Architektur

 ·  Handgriffe des Philosophen Ludwig Wittgenstein: Auf den Millimeter kommt es an

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Was wäre Ludwig Wittgenstein, der an diesem Sonntag vor fünfzig Jahren gestorben ist, wenn von ihm nur existieren würde, was er zu Lebzeiten veröffentlichte? Er wäre der Verfasser eines revolutionären schmalen Traktats der philosophischen Logik, des "Tractatus logico-philosophicus", und eines Spätwerks, der "Philosophischen Untersuchungen", die im Jahre seines Todes erschienen und seine frühe Schrift radikal revidierten. Mit ein paar Aufsätzen, die er in Zeitschriften publizierte, war dies alles, was seinen ungeheuren philosophischen Einfluß begründete. Die vielbändigen Gesamtausgaben, die inzwischen aus dem Nachlaß veröffentlicht wurden, haben das breite Flußbett seines Ruhms nur aufgefüllt, nicht verändert.

Seit geraumer Zeit sind aber auch Lebensspuren anderer Art bekannt: ein Lehrbuch für Volksschulen, eine Hütte, die er sich 1914 in Norwegen baute, und das Haus, das er 1926 bis 1928 in Wien in der Kundmangasse für seine Schwester Margarete Stonborough errichtete. Drei Bücher, zwei Häuser und im übrigen eine Fülle von Erinnerungen, die Wittgensteins Freunde und Schüler aufgezeichnet haben, Sätze und Verhaltensweisen eines Philosophen, der vor allem eins sein wollte: kein Schauspieler, und vor allem eins vermeiden wollte: das, was er "Gefuchtel" nannte, Schmock, Worthülsen. Die akademischen Folgen seiner Philosophie, die Wittgenstein gewiß abgestoßen hätten, weil er den Betrieb haßte, verdecken denn auch, daß es mittlerweile zwei Wittgensteins gibt: Der eine wollte die Probleme der Philosophie lösen und der andere die seiner Existenz. Dieser rätselhaftere Wittgenstein gab mehrmals in seinem Leben die Philosophie auf, wurde Volksschullehrer und wollte in der Mitte der dreißiger Jahre in die Sowjetunion auswandern, nicht aus politischen Sympathien, sondern um in Sibirien zu leben. Dieser Wittgenstein war ein Tolstoi unserer Zeit, auf der Suche nach einem ethischen Leben.

Aber Wittgenstein der Architekt - ist es ein dritter? Ein Freund Wittgensteins, der Architekt Paul Engelmann, hatte 1926 von Ludwigs Schwester Margarete Stonborough den Auftrag erhalten, ein Stadthaus für sie zu bauen. Engelmann war Schüler von Adolf Loos, berühmt geworden durch den auch in der "Fackel" ausführlich behandelten Skandal um das ornamentlose Haus am Michaelerplatz, gegenüber der Hofburg. Ludwig Wittgenstein hatte seine Stelle als Lehrer in einer Dorfschule gerade aufgeben müssen, er hatte als Gärtner gearbeitet und begann sich für dieses Haus nun so zu interessieren, daß Entwurf und Ausführung bald in seine Hände übergingen. Mit der ihm auch sonst eigenen Ausschließlichkeit ging er daran, jede Einzelheit des Hauses zu entwerfen und auf anspruchsvollste Weise ausführen zu lassen. Jedes Detail wurde neu entworfen. die Glastüren mit ihren Metallrahmen, die Fenster, die Radiatoren, die Türgriffe, alles waren eigene Entwürfe des studierten Maschinenbauingenieurs, der die ausführenden Firmen mit seinen Anforderungen an Präzision zur Verzweiflung brachte.

All dies, die Entwürfe, die Ausführungen, die Baudetails, ist jetzt dokumentiert in dem Buch von Bernhard Leitner, "Das Wittgenstein-Haus" (Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit 2000). Hier kann man auch die Geschichte der Rettung des Hauses nachlesen, die ein Verdienst von Bernhard Leitner ist, der 1973 mit der Dokumentation "Die Architektur von Ludwig Wittgenstein" auf das Haus aufmerksam machte und den Abriß verhindern konnte. Seit 1975 wird es als bulgarisches Kulturinstitut genutzt. Die bis in die geringsten Einzelheiten gehende Rekonstruktion zeigt aber auch, daß von dem Bau Wittgensteins nur eine Art Abdruck überlebt hat. Denn das fast schmucklose Haus war nicht nur auf eine private Nutzung gestimmt, jede Klinke, jeder Farbton, jedes Material trug zu dem beabsichtigten Eindruck bei.

Die Versuchung ist groß, Wittgensteins Haus von seiner Philosophie her zu deuten. Eine seiner Schwestern sprach deswegen wie selbstverständlich von seiner "hausgewordenen Logik". Von Ludwig Wittgenstein gibt es solche Äußerungen nicht, und deswegen war Bernhard Leitner gut beraten, auf eine Deutung dieser Art zu verzichten. Statt dessen ist er einen Weg gegangen, der sich allerdings von Wittgenstein autorisieren läßt: Er dokumentiert und rekonstruiert jedes Problem, mit dessen Lösung der Architekt befaßt war, einzeln, bis zu den schnabelartigen Schnappverschlüssen zur Arretierung von Doppeltüren. Das Ergebnis solch minutiöser Recherche ist beachtlich. Denn, anders als der modernistische Gesamteindruck nahelegt, sind diese Entwürfe, ist das ganze Haus von einer gegen die Moderne gerichteten Haltung geprägt - allein durch die Tatsache, daß Ludwig Wittgenstein keinerlei Serienfertigung zuließ, jedes Baudetail ein nicht auswechselbares Einzelstück ist.

Bernhard Leitner versagt es sich auch, daraus eine ästhetische Programmatik herzuleiten, die Wittgenstein völlig fernlag. In Kommentaren, die ein wenig preziös an Wittgensteins Schreibduktus erinnern, entwickelt er eine Ethik des Handwerks, die ausschließlich Klarheit, Einfachheit, Exaktheit, stimmige millimetergenaue Proportionen fordert, für die nicht Funktionalität der Leitbegriff ist, sondern Gebrauch und der es vor allem um eine Formung der Bewegung geht. So wäre allein im Bewohnen des Hauses ein Urteil darüber möglich, was es ist. Erst wenn man sich auf die Exkursion in diese Welt der minmalen Unterschiede einläßt, wird fühlbar, wie sehr das moderne Bauen und der Funktionalismus Sehen und Urteilen bestimmen, wie sehr sie Funktionen nur darstellen, statt sie dem Gebrauch anzuschmiegen. Wenn man von einer Ästhetik des Hauses von Wittgenstein sprechen kann, so ist es die der Verweisungen der Dinge aufeinander im Gebrauch.

Wie weit er von dem, was zu seiner Zeit die moderne Architektur wollte, entfernt war, hat Wittgenstein unter seinen philosophischen Notizen beiläufig festgehalten: "Nicht als ob ich nicht wüßte, daß, was sich heute als Architektur ausgibt, nicht Architektur ist..." Dieser Kulturpessimist, der sich jede öffentliche Äußerung zu diesen Fragen versagte, rechnete nicht etwa nur mit dem Aussterben der Kunst, sondern auch mit dem Verlust der unscheinbarsten Fertigkeiten wie des Schneiderhandwerks. Diesen Fertigkeiten und der Sicherheit, mit der sie auf den Millimeter genau praktiziert werden, wollte er in dem Haus in der Kundmangasse ein Denkmal setzen.

Die Freilegung der Intention des Architekten, die Leitner mit einem ungewöhnlichen Respekt vor jeder Nuance unternimmt, kann als eine archäologische Glanzleistung bezeichnet werden. Denn das von Witggenstein gebaute Haus hat am Ende jede Ähnlichkeit mit den schmucklosen Kuben unserer Städte verloren: Würde es alleine überdauern, es würde zu ganz falschen Rückschlüssen auf die Zeit Anlaß geben, in die es gehört: auf hohem technischen Niveau eine Formfindung, wie sie an den ältesten überlieferten Gerätschaften stattgefunden haben mag. Um Neues ging es nicht. "Ich habe nie eine Gedankenbewegung erfunden", hat der Philosoph Wittgenstein gesagt, er habe Gegebenes immer nur in seinem "Klärungswerk" aufgegriffen.

Ob Formung von Gedanken oder von Geräten, in beiden Fällen ist die Klärung die ausschlaggebende Operation. Ludwig Wittgenstein hat sich zu seiner Aufgabe als Architekt genauso verhalten wie zu seiner philosophischen. Er wird in der Geschichte der Philosophie vielleicht einmal als der genannt werden, der den Pluralismus in die Philosophie einführte, indem er an die Stelle eines Zentralproblems "zahllose verschiedene Probleme" setzte: "Jedes dieser Probleme muß man ganz individuell behandeln." Genauso ist er als Architekt verfahren.

HENNING RITTER

Das Wittgenstein-Haus

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.04.2001, Nr. 99 / Seite 44
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