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Rezension: Sachbuch Über allen aber waltet die himmlische Taube

Klassik als exzentrischer Mittelpunkt und lockerer Schlußstein: Christine Tauber liest Jacob Burckhardt mit Goethe

Der "Cicerone" sei belehrender als ein Aufenthalt in Rom, fand Nietzsche. Ausnahmsweise sagte er, was alle dachten. Nicht "Die Kultur der Renaissance in Italien" hielten die Zeitgenossen für Burckhardts bedeutendstes Werk, sondern das fünf Jahre zuvor, 1855 erschienene Handbuch, das der Fünfunddreißigjährige nicht am Schreibtisch, sondern meistenteils in italienischen Hotelzimmern verfaßt hatte. "Angeblich ein Reiseführer", so Heinrich Wölfflin, sei es "in Wirklichkeit aber die historische Darstellung der Kunst auf italischem Boden, die hier zum erstenmal in einen zwingenden Gesamtzusammenhang gebracht war, mit vollkommen neuen Akzentsetzungen". Beides, die Synthese wie diese Akzente, revolutionierten die Kunstgeschichtsschreibung. "Alles ist scheinbar sehr einfach. Aber eben in dem ganz Einfachen steckt das Neue. Bei der großen Hallenarchitektur auf Raffaels ,Schule von Athen' heißt es schlicht: ,Wie wohl wäre einem in dieser Halle!' Daß das sinnlich-geistige Wohlgefühl Inhalt der Architektur für die Renaissance sein könnte, war bisher nicht ausgesprochen worden." Burckhardt erfand die Renaissance, weil er es wagte, sie systematisch in einer Sprache der Sinnlichkeit zu beschreiben. Daher der Untertitel "Eine Anleitung zum Genuß der Kunstwerke Italiens".

Wie aber, fragte Christine Tauber, kann ein Handbuch "Genuß" vermitteln? Wie soll ein solcher "Kartelogisierungs- und Inventarisierungsversuch", ein mühsamer Akt der "Materialbändigung" den Leser jenes Glück schmecken lassen, das Burckhardt selbst in Italien empfunden hat? Kein wissenschaftsgeschichtliches Problem also wirft die Bonner Historikerin auf, sondern ein literarisch-ästhetisches: Wie verwandelt sich Leben in Wissenschaft und wieder zurück? Nicht als Forscher betrachtet sie Burckhardt, sondern als Künstler und "Maßstabsetzer".

Daher gibt sie als Antwort auch keine eigene "Materialbändigung", sondern eine wohl komponierte Kette von sechs geschliffenen Essays. So wie ihr Held wegließ, was ihn nicht interessierte, möchte auch sie nicht den Cicerone durch alle Kapitel des "Cicerone" spielen. Wer wissen will, was in dem kleinen, dicken Buch eigentlich steht, das Burckhardt mit zärtlichem Zynismus sein "Bomberle" nannte: wie die drei Teile über Architektur (von Paestum bis Palladio), Skulptur (vom capitolinischen Zeus bis Canova) und Malerei (von pompejanischen Vasen bis Claude Lorrain) aufgebaut sind und argumentieren, der muß es nach wie vor selbst lesen - oder in Werner Kaegis monumentaler Burckhardt-Biographie von 1953 nachschlagen. So wie Burckhardt auf Benutzer rechnete, die direkt vor den beschriebenen Objekten stehen würden, so daß es genügte, "Umrisse vorzuzeichnen, welche das Gefühl des Beschauers mit lebendiger Empfindung ausfüllen könnte", so schreibt Tauber für Kenner des "Cicerone". Die Empfindung, die sie ihren Lesern vermitteln möchte, ist die für "die Widersprüche, emotionalen Verwerfungen, Ironisierungen und Selbstberuhigungen, die sich als charakteristisch für ein mögliches neues Burckhardt-Bild erwiesen". Das nämlich ist ihre These: In den apodiktischen Urteilen des großen Renaissance-Forschers bebt Verunsicherung. Sein Genuß kompensiert Askese. - Ist das indes ein neues Burckhardt-Bild?

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