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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Rezension: Sachbuch Treu bleiben und auslöffeln!

28.01.2002 ·  Die Einstellung zu einem Lexikon, einem biographischen zumal, kann sich überraschend schnell wandeln - je nach der Körperstellung, die man beim Lesen einnimmt. Mit seinen gut 1800 Gramm gehört der Band zwanzig der "Neuen Deutschen Biographie" eigentlich auf das Lesepult einer öffentlichen Bibliothek.

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Die Einstellung zu einem Lexikon, einem biographischen zumal, kann sich überraschend schnell wandeln - je nach der Körperstellung, die man beim Lesen einnimmt. Mit seinen gut 1800 Gramm gehört der Band zwanzig der "Neuen Deutschen Biographie" eigentlich auf das Lesepult einer öffentlichen Bibliothek. Soll der Rezensent also stehend, in Habachtstellung, rezensieren? Auf dem häuslichen Schreibtisch längere Zeit verweilend, beginnt der dicke Band doch bald aufzutragen, man blättert, schiebt ihn unruhig dorthin und hierhin. Es fällt schwer, ihn zu übersehen, schon gar nicht auf dem Nachttisch als letzter Ruhestatt. Einschlaflektüre? Sehr zu empfehlen, vor allem zur Kräftigung der Armmuskeln, würden denn im Meer der Nacht nicht bald diese merkwürdigen Namensinseln auftauchen wie Pankok, Palermo, Pauw oder Poellnitz, über die man im Halbschlaf endlos rätseln kann. Und wer, um Himmels willen, ist Pagenstecher, wer Püterich, daß ihnen die Ehre zugefallen ist, den Buchdeckeln am nächsten zu stehen und ihre Träger auf ewig aus der Anonymität des Alphabets zu reißen?

Sind diese Namen Markierungen der Vorsehung, sind sie würdige Pforten zu dem großen historischen Wartesaal, als den man ein biographisches Lexikon ja wohl bezeichnen kann? So merkwürdig es anmutet, das schwebende Wort: Du selbst bist nichts, Dein Volk ist alles! gilt besonders für die Gattung Sammelbiographie. Die 853 Namen von Band zwanzig ergeben den Sinn oder, wenn man so will, die gut 24 000 Namen, welche die "Neue Deutsche Biographie" (NDB) nach dem Abschluß ihres achtundzwanzigsten, letzten Bandes aufweisen soll. Der Frage "Welcher Sinn?" kann sich ein Rezensent nicht direkt stellen. Die Hausmitteilungen der Bayerischen Akademie (2, 2001) beschränken sich weise auf Fakten als Grenzen: chronologisch vom karolingischen Hausmeier Pipin bis zum Münchner Verleger Piper, geographisch der deutsche Sprachraum ohne Ansehung staatlicher Grenzen, doch klare Dominanz von Zeitgenossen und Repräsentanz einer sich über ihre bürgerlich-technologische Leistungselite definierenden Gesellschaft. Kein Gotha, kein Kürschner, kein Thieme-Becker, kein Lexikon des Mittelalters, aber von jedem etwas. Kann das gutgehen?

Zu Recht besteht der Herausgeber Hans Günter Hockerts darauf, daß auch dieser Band keine bloße Ruhmeshalle sei, man auch Verbrecher wie den Leiter der SS-Hauptämter Haushalt und Bauten, Oswald Pohl, einer der Hauptverantwortlichen für das KZ-Wesen, aufgenommen habe. Man darf diesen Anspruch durchaus noch weiter fassen. Wo die NDB auf prominente Intellektuelle, Kunsthistoriker oder Germanisten zu sprechen kommt, dort verschweigt sie nicht, wo man es belegen kann, deren Sympathien für das NS-Regime. Da steht er dann, der gewiß bedeutende Germanist Julius Petersen und bekundet 1934 "Die Sehnsucht nach dem Dritten Reich in deutscher Sage und Dichtung". Aber diese Spur geht noch tiefer, gerade dort, wo sie sich, scheinbar neutral werdend, in der Beschreibung vermeintlich rein professioneller Lebensläufe verliert. Wer kennt schon Gustav Pielstick, der unter der bescheidenen Bezeichnung "Motorenkonstrukteur" firmiert? Er war es, der die großen Maschinenanlagen für die Panzerschiffe "Deutschland", "Scheer" und "Graf Spee" erdachte. Auf ihn gehen jene "schnellaufenden" (die NDB benutzt die alte Orthographie, welcher Genuß!) Viertaktdiesel von 5400 PS mit Hochaufladung für den U-Boot-Bau zurück, die den weltweiten U-Boot-Krieg erst ermöglichten. Wie gut, sich der Erfinder zu erinnern, die ihrem Vaterland all die Mittel lieferten, deren es sich nicht zum eigenen Wohl bedient hat.

Anders als ihr bereits abgeschlossener Konkurrent, die "Deutsche Biographische Enzyklopädie" (DBE) mit ihren 60 000 Namen in nur zehn Bänden, strebt die NDB nicht die Massendemokratie einer personalen memoria an. Der DBE hat man vorgeworfen, eine "Zweiklassengesellschaft" zu errichten, hier bloße Reproduktion schon vorhandener bibliographischer Information, dort von Autoren maßgeschneiderte Artikel für die "Eliten" (F.A.Z. vom 30. November 1999). Die NDB engagiert für den Band zwanzig sage und schreibe 550 Autoren, die jeden Artikel neu verfassen. Die Gleichmäßigkeit der Bearbeitung fällt also ebenso positiv auf wie die gründliche Erfassung (fast) aller genannten Personen im Gesamtregister. Die Bruchlinien, die sich im Band zwanzig abzeichnen, müssen entsprechend anderer Natur sein, müssen mit der deutschen Geschichte selbst etwas zu tun haben.

Ein Paradebeispiel bietet der umfangreiche Eintrag "Philippson, Gelehrtenfamilie (jüd.)". Dieses Geschlecht stammt aus Ostpolen und ließ sich seit der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts in Deutschland nieder. Einige ihrer Rabbiner gehörten zu den bedeutenden Erscheinungen der jüdischen Aufklärung, ihre Söhne beschritten den Weg ins Reformjudentum, und ihre Enkel fanden ihren Platz im deutschen Bildungsbürgertum oder manchmal auch nicht. Martin Philippson habilitierte sich 1871 für Neuere Geschichte. Obwohl ihn zwei Universitäten berufen wollten, war ein Jude als Professor für Deutsche Geschichte untragbar. An der Universität Brüssel durfte er aber das Historische Seminar gründen. Sein jüngerer Bruder Alfred wurde Geograph und gelangte, freilich erst mit energischer Nachhilfe des allmächtigen Bildungsreferenten Theodor Althoff, auf Lehrstühle in Halle und in Bonn. 1942 wurde er mit seiner Familie nach Theresienstadt deportiert; erst die persönliche Fürsprache Sven Hedins erleichterte seine Haftbedingungen entscheidend. Einer seiner Neffen, Julius Philippson, wurde in Auschwitz ermordet. Es bleibt erstaunlich, wie viele Mitglieder dieser Familie nach 1945 zurückkehrten und beim Wiederaufbau der Bundesrepublik mithalfen. Dies sind würdige Gedenkblätter, aber nicht immer fühlt sich ein Rezensent bei den Helden am wohlsten. Das Exemplarische bleibt gerade als ambivalente Größe am stärksten haften.

Der Botaniker Rudolf Philippi wurde 1808 in Charlottenburg geboren und starb 1904 in Santiago de Chile. Nur was für ein Leben zwischen diesen beiden Daten! Sechs Jahre italienische Forschungen über Geradflügler (Orthoptera), liberale Agitation während der Revolution 1848. Flucht mit dem Bruder Bernhard, Naturforscher und Kartograph, nach Chile, der schon bald von den letzten Indianern im Süden erschlagen wird. Professor für Botanik und Zoologie in Santiago, 1854 Leiter eine Expedition in die Wüste Atacama und Versuch, deutsche Liberale in Südchile anzusiedeln. Zehn Kinder, fünf früh gestorben, Leiter des Museo Nacional und Beerdigung unter Teilnahme von 30 000 Menschen. Da sage einer, die Botanik erzeuge nicht aufregende Lebensläufe!

Am meisten freilich hat sich dem Rezensenten eine ihm gänzlich unbekannte Person aufgedrängt, der Schweizer Anthropologe Jakob Pilzbarth (1844-1911). Viele in der Galerie der NDB werden ihm entschwinden, Pilzbarth wird ihm bleiben. Man liest, daß er beim Physiologen Wilhelm v. Brücke in Wien studierte und dort auch Sigmund Freud beinflußte. Pilzbarths ganzes Interesse galt Menschen mit "tierartigen Abnormitäten". Er sah sie als durchaus positiv an und wollte mit Experimenten derartige Veränderungen aktiv auslösen. Das führte zu einem Skandal und 1882 zur Flucht aus Wien. Sein Züricher Hauptwerk trägt den bemerkenswerten Titel "Die Überwindung des Menschseins durch Anthropolyse". Anstatt sich auf die Heilung von Defekten zu beschränken, sollte die Medizin dem Menschen den Sprung auf die nächste Evolutionsstufe ermöglichen ("Menschenauflösung"). Also: zuerst Regression auf die Stufe des Tieres und dann Aufstieg zum Übermenschen. Ein Jahrhundertprogramm!

In der Kuranstalt Girenbad nahm Pilzbarth entsprechende Experimente vor, die nicht ganz erfolglos geblieben sein können, gab es doch einen starken Andrang von Klienten, die das Tiersein als Beginn einer alternativen Lebensform ergreifen wollten. Der anthropologische Schmelztiegel wurde 1908 geschlossen, die Schriften des faustischen Forschers aus dem Verkehr gezogen und er selbst zu Gefängnis verurteilt. Vorsichtig urteilt der Verfasser Jürg Willi zu Ende seines Artikels: "Neuerdings ist die genetische und anthropologische Forschung wieder auf P. als einen ihrer Vorläufer aufmerksam geworden." Wie wahr und doch wie wenig! Der Artikel "Pilzbarth, Jakob" ist eindeutig zu kurz geraten.

Die NDB wurde kurz nach dem Krieg auf zwölf Bände angelegt, 1994 auf fünfunddreißig Bände umgeplant und wird nunmehr mit achtundzwanzig Bänden enden. Demnächst werden auch die Register online verfügbar sein. Den Charakter dieses Lexikons wird das aber nicht wirklich verändern können. Mit seinem wunderschönen Seitenlayout aus den fünfziger Jahren, dem zurückhaltenden roten Einband und dem durch und durch soliden Zitierapparat wirkt die NDB schon gar nicht mehr wie aus unserer Epoche. Sie ist Denkmal und Zeuge eines fast ganz verlorenen Handlungsstils. Er stammt aus der Zeit, als die Bibliothekstische noch grüne Linoleumeinlagen trugen, Glühbirnen in kräftigen Lampen steckten, die Notizen noch auf Karteikarten geschrieben wurden und die Regale viel Platz für neue Bücher hatten. Daß diese Zeit so schlecht nicht war, können wir an der NDB noch beim zwanzigsten Band ablesen. Über Auswahl, Aufbau und Gewichtung der Artikel zu rechten ist ein inzwischen müßiges Unterfangen. Die NDB ist auf dem Informationsmarkt längst nicht mehr konkurrenzlos. Da darf sie ihrem eigenen Stil ruhig treu bleiben.

Danken wir also der Bayerischen Akademie und den Herausgebern, daß sie die Suppe, die man ihnen 1953 angerührt hat, tapfer bis zum Ende auslöffeln werden. Ein neues Personallexikon in diesem Stil wird es in Deutschland gewiß nicht mehr geben. Um das endgültig zu beklagen, haben wir aber Gott sei Dank noch acht Bände Zeit.

MARKUS VÖLKEL

"Neue Deutsche Biographie (NDB)". Herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Band 20: Pagenstecher-Püterich. Verlag Duncker & Humblot, Berlin 2001. XVI, 816 S., geb., 102,- .

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.01.2002, Nr. 23 / Seite 50
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