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Rezension: Sachbuch : Trauriger Held, traumhafter Dribbler: Dem Leben war Libuda nicht gewachsen

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Eine Biographie des Schalker Fußballidols

          Noch der Abschied von ihm ist stürmisch verlaufen. Als Reinhard Libuda am 29. August 1996 in Gelsenkirchen zu Grabe getragen wurde, peitschte der Regen über den Ostfriedhof. Auf der Sonnenseite hatte "Stan", wie sie ihn nach Sir Stanley Matthews nannten, schon zu seinen Lebzeiten nicht gestanden. Dabei war er vielleicht der beste Rechtsaußen, den der deutsche Fußball je hervorgebracht hat. An der Trauerfeier teilgenommen hat auch ein Journalist, der davon so beeindruckt war, daß er den Spuren des Spielers nachging und eine Biographie über ihn verfaßt hat. Thilo Thielke ist Jahrgang 1968 und zu jung, um die große Zeit Libudas, der seine Karriere 1974 beendete, selbst erlebt zu haben. Der "Prozessionsmarsch Gelsenkirchener Kickerherrlichkeit" ist denn auch schon alles, was er aus eigener Anschauung berichten kann.

          Ein gutes Buch ist es trotzdem geworden. Intelligent recherchiert und farbig geschrieben. Was Thielke an Libuda fasziniert, sind Widersprüche, die er anschaulich herausarbeitet: Ein Stürmer von schwächlicher Statur und doch der Schrecken aller Verteidiger war Libuda, einer, der nicht viel von sich hermachte und seine Gegner schwindelig dribbelte, Außenseiter und Ausnahmeerscheinung zugleich. So sorgte er, ohne es darauf anzulegen, für die große Show, und wurde, was er, scheu und schüchtern, gar nicht sein wollte: ein Star. Es gibt in der Geschichte der Bundesliga wohl keinen großen Spieler, bei dem Selbstwertgefühl und Popularität ähnlich weit auseinanderfielen. Dem Medienereignis Fußball, seinen Gesetzen und Geschäften, war er nicht gewachsen. Seine Karriere gleicht einer Achterbahn.

          Eine Legende war Libuda schon zu Lebzeiten. Aufs schönste belegt das die Anekdote, die dem Buch den Titel gibt: "An Gott kommt keiner vorbei" soll 1967, als der abtrünnige Schalker Flügelflitzer für den BVB seine Haken und Finten schlug, auf einem Transparent an der evangelischen Kirche im Dortmunder Vorort Scharnhorst gestanden haben, und ein Spaßvogel hatte ergänzt: "außer Libuda". Ein Foto davon gibt es nicht, die Überlieferung ist umstritten. Doch auch wenn es nicht stimmt, ist es gut erfunden. Als Flankengott vom Kohlenpott verkörperte das königsblaue Eigengewächs, wie nach ihm keiner mehr, das Image der "Knappen" als "Polen- und Proletenklub", hinter dem die Fans zur "Glaubens- und Klassengemeinschaft verschmolzen" (Thielke): "Li-bu-da" skandierten sie im Chor.

          Der Autor hat das Leben Libudas umsichtig rekonstruiert und dafür nicht nur alte Spielberichte, Archive und Biographien befragt, sondern auch Weggefährten und Zeitgenossen. Gegen- und Mitspieler wie Jürgen Kurbjuhn, Gerd Krug oder Jürgen Grabowski kommen ebenso zu Wort wie Rudi Gutendorf, damals anscheinend der einzige Trainer, der über genügend psychologisches Gespür verfügte, um Libuda nachhaltig zu fördern. Der Werdegang vom Riesentalent zum sechsundzwanzigfachen Nationalspieler, der mit entscheidenden Toren Borussia Dortmund zum Europapokalgewinn und die Bundesrepublik zur Weltmeisterschaft nach Mexiko schoß, wo er gegen Bulgarien das Spiel seines Lebens machte, wird lebendig nachgezeichnet. Mitunter etwas zu ausführlich werden die Jahre bei Schalke, Borussia Dortmund und wieder Schalke geschildert, unspektakulär die privaten und familiären Probleme angesprochen. Dabei ist auch ein Buch über die Kinder-und Jugendjahre der Bundesliga entstanden, die mit dem Bestechungsskandal, in den sich Libuda, ohne es recht zu wollen, hineinziehen ließ, ihre Unschuld verlor: Was waren das für Zeiten, als für einen Vereinswechsel noch dreißigtausend Mark schwarz bezahlt wurden?

          Auch Libuda hatte als Spieler schon genug Geld verdient, um aller finanzieller Sorgen ledig sein zu können. Ohne den Fußball aber fehlte es ihm erst recht an Halt. Das Leben danach war keines mehr. Nicht einmal für den Tabakladen von Ernst Kuzorra, den er 1975 übernahm, reichte sein Geschäftssinn. Mit 39 wurde er geschieden, mit 49 am Kehlkopf operiert, mit 52 starb er an Herzversagen. Der Versuch, Libuda in die Zeit zu stellen, die gegen ihn stand, ergibt auch ein Stück Zeitgeschichte. Auch wenn dabei die gesellschaftlichen neben den privaten Aspekten etwas zurücktreten, wird eines doch überdeutlich: Ein so trauriger Held wie Reinhard "Stan" Libuda hätte heute wohl keine Chance mehr. ANDREAS ROSSMANN

          Besprochenes Buch: Thilo Thielke: ",An Gott kommt keiner vorbei . . .' Das Leben des Reinhard ,Stan' Libuda". Verlag die Werkstatt, Göttingen, 240 Seiten, 34 Mark.

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